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Wissenschaft „Vom Erdkern bis in den Weltraum“

GFZ-Chef Reinhard Hüttl über Satellitenmissionen, schwindendes Gletschereis und Politikberatung

Herr Hüttl, des GFZ ist „das“ deutsche Geoforschungszentrum. Was zeichnet Ihr Haus als Deutschlands Nummer eins aus?

Wir erforschen das System Erde in einer Breite und Tiefe, die keine andere Einrichtung leisten kann: vom Erdkern bis in den Weltraum. Wir tun das fächerübergreifend und haben zudem etliche neue Forschungsthemen am GFZ etabliert, etwa Geoinformatik und Data Science. Weil wir es mit immer größeren Datenmengen zu tun haben, die bearbeitet und klug interpretiert werden müssen, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Es ist mir außerdem ein besonderes Anliegen, dass unsere Erkenntnisse nicht nur innerhalb der Wissenschaftsgemeinde publik gemacht werden, sondern auch für die Gesellschaft – beispielsweise für politische Entscheider – aufbereitet werden. Gemeinsam mit weiteren außeruniversitären Forschungseinrichtungen und den Universitäten in Potsdam und Berlin bilden wir einen Verbund, der die Region zu einem europaweit einmaligen Geo-Standort macht.

In den vergangenen 25 Jahren waren das Tsunami-Frühwarnsystem für Indonesien und die Erdschwerefeld-Darstellung „Potsdamer Kartoffel“ sicher die größten Erfolge. Was kommt in den nächsten Jahren vom GFZ?

Es fällt schwer, innerhalb der großen Bandbreite unserer Arbeit etwas herauszugreifen. Mit Sicherheit wird aber die Satellitenmission Grace-FO dazugehören, die Ende des Jahres beziehungsweise Anfang 2018 starten soll. Sie ist das Nachfolgeprojekt der Grace-Satelliten, die in den nächsten Monaten nach fast 15 Jahren im Orbit außer Betrieb gehen werden. Grace-FO steht für „Follow-On“, diese Nachfolgemission wird das Erdschwerefeld und dessen zeitliche Veränderungen noch genauer vermessen. Diese Daten helfen, Massenbewegungen aufzuspüren, beispielsweise schwindendes Grundwasser oder Gletschereis. Diese Daten haben eine enorme Bedeutung für uns und kommende Generationen, insbesondere auch für die Klimadynamik.

Galileo ist nun gestartet. Was ist aus dem geplanten Zentrum zur Datenanalyse in Potsdam geworden?

Sie sprechen vom Zentrum für Galileo-Hochpräzisionsprodukte, das vom GFZ zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) etabliert werden sollte. Tatsächlich bieten wir heute einen derartigen Service. Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Sektion „Geodätische Weltraumverfahren“ berechnen routinemäßig hochgenaue Satellitenpositionen sowie Korrekturen der Satellitenuhren und weitere Parameter für die Satellitennavigationssysteme GPS, Glonass, BeiDou (China), QZSS (Japan) und auch für Galileo. Diese Daten machen die Positionsbestimmung präziser und werden den Nutzern kostenfrei zur Verfügung gestellt. Für praktische Anwendungen, etwa in der Logistik oder der Landwirtschaft, bedeutet dieser Genauigkeitsgewinn einen enormen Mehrwert.

Das GFZ richtet nun seinen Blick auch verstärkt auf das Leben unter der Erde. Was tut sich da?

Erst seit wenigen Jahren ist bekannt, dass die Erdkruste kilometertief von Mikroorganismen besiedelt ist. Manche schätzen sogar, dass die unterirdische Biomasse ähnlich hoch ist wie die der Lebewesen auf der Erdoberfläche. Die Organismen haben einen nennenswerten Einfluss auf globale Stoffkreisläufe – Stichwort Kohlenstoff –, aber auch auf lokale mineralische Rohstoffe oder das Grundwasser. Über die Details ist aber nur wenig bekannt, was die Forschung umso spannender macht. Dafür werden wir ab 2018 ein eigenes GeoBioLab errichten, wo unter anderem Experimente mit den Mikroben aus der Tiefe unter bestimmten Temperatur- und Druckbedingungen durchgeführt werden.

Die am GFZ erfolgreich erforschten Technologien CCS – unterirdische CO2-Einlagerung – und Geothermie sind bis heute keine serienmäßigen Anwendungen. Ist es nicht frustrierend, die Machbarkeit von Zukunftstechnologien zu belegen, die dann doch nicht genutzt werden?

Sie haben Recht, das CCS-Verfahren ist zumindest in Deutschland überwiegend auf Ablehnung gestoßen. Wir sind dennoch überzeugt, dass die Technologie erforscht werden sollte, um fundiert über einen möglichen Einsatz entscheiden zu können. Die Signale, die wir aus dem Ausland, aber neuerdings auch wieder verstärkt aus Deutschland erhalten, ermutigen uns, das Thema weiter zu verfolgen. Wir müssen künftig allerdings noch mehr darauf achten, die Vor- und Nachteile der Technologie gegenüber der Gesellschaft und Entscheidungsträgern darzustellen. Bei der geothermischen Stromerzeugung sieht es günstiger aus, da gibt es bereits kommerzielle Anwendungen, vor allem im Münchener Raum. Aber sicher wünsche ich mir hierbei auch etwas mehr Offenheit, schließlich kann die Geothermie unabhängig von Sonne und Wind klimafreundlich Wärme und Strom bereitstellen.

Und was kann das GFZ für den Klimaschutz- und die Klimaforschung leisten?

Steuern kann man nur, was man messen kann. Deshalb setzen wir einerseits weiter auf Satellitenmissionen, die das System Erde und seine Veränderungen genau beobachten und erfassen. Andererseits erforschen wir, wie der Untergrund für ein nachhaltiges Energiesystem genutzt werden kann – ob Geothermie, CCS oder als Wärmespeicher. Darüber hinaus werden wir verstärkt erforschen, wie unser Planet auf frühere Klimawechsel reagiert hat. Diese paläoklimatologischen Befunde können uns helfen, besser mit den aktuellen Veränderungen des Erdsystems zurechtzukommen und die nötige Anpassung zu leisten. Dabei lautet unser Motto: aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen.

Fragen von Jan Kixmüller

Reinhard Hüttl (60) ist seit 2007 Leiter des Geoforschungszentrums Potsdam (GFZ). Der Forst- und Bodenwissenschaftler ist Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Akademien.

 

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