Wissenschaft Hausaufgaben für die Stadt

Nachdem der Titel „Stadt der Wissenschaft 2006“ an Dresden ging, denkt Potsdam über eine erneute Bewerbung nach

Nachdem der Titel „Stadt der Wissenschaft 2006“ an Dresden ging, denkt Potsdam über eine erneute Bewerbung nach Von Jan Kixmüller Dresden ist nicht umsonst Wissenschaftsstadt 2006 geworden. Acht Hochschulen, drei Max-Planck-, vier Leibniz- und neun Fraunhofer-Institute sowie die Verbindung von Forschung und Wirtschaft als „Silicon Saxony“ sprechen für sich. Und Potsdam? Warum es schon in der Vorrunde des Wettbewerbs ausgeschieden ist, dazu schweigt der Stifterverband, der den Wettbewerb ausgelobt hat, bislang. Eine Analyse soll noch folgen. Tendenziell will sich Potsdam noch einmal bewerben. Wofür allerdings ein neues, überzeugende Konzept nötig wäre. Dass es Potsdam noch einmal versuchen sollte, steht unter den Wissenschaftlern der Stadt weitgehend außer Frage. Zum Konzept gibt es verschiedene Ansichten. Eine „gute Werbestrategie“ und Nachhaltigkeit empfiehlt Molekularbiologe Prof. Bernd Müller-Röber von der Universität Potsdam. An forschungsnahen Unternehmen habe Dresden mehr zu bieten, Potsdam hingegen könne mit „spielerischer Wissenschaft“, Kinder-Uni und der Verknüpfung von Naturwissenschaft mit Kunst und Gesellschaft punkten. Wichtig sei aber auch die Unterstützung durch die Wissenschaft. „Beim ersten Anlauf haben die Wissenschaftler von der Bewerbung mehrheitlich nur nebenbei erfahren, sie konnten sich kaum identifizieren“, bemängelt Müller-Röber gegenüber den PNN. Die Bedeutung von Potsdam als Wissenschaftsstadt, gerade auch mit Blick auf den Arbeitsmarkt, hat sich nach Ansicht von Prof. Helmut Knüppel von der Fachhochschule Potsdam noch nicht im Bewusstsein von Politik und Öffentlichkeit verankert. „Nur zaghaft und häufig nur in Krisensituationen wird das Beratungspotenzial von Wissenschaft und Forschung von der Politik und Verwaltung aufgegriffen“, so der ehemalige FH-Rektor. Für eine erneute Bewerbung hält Knüppel ein Science Center in der Innenstadt, die Verbindung von Hochschulen und Schulen, eine PR-Kampagne, Repräsentanten und eine bessere ICE-Anbindung für nötig. Die Rektorin der FH, Prof. Helen Kleine setzt derweil auf Kooperationen: unter anderem mit dem Theater, der IHK und dem VW-Design-Zentrum. Am Max-Planck-Institut für Pflanzenphysiologie in Golm führt man ins Feld, dass Potsdam nicht nur Schlösser und Gärten bedeutet. Mit der Bewerbung sei ein intensiver Dialog zwischen Wissenschaft und Stadt entstanden. „Der muss nun auch über die Bewerbung hinaus weiter geführt werden“, sagt die Sprecherin Ursula Roß-Stitt. Der geschäftsführende Direktor des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik, Prof. Gerhard Huisken, hält den Titel Wissenschaftsstadt für sehr wichtig: damit könnten auch international „die besten Studenten“ in die Stadt gelockt werden. „Gerade die Verfügbarkeit von hervorragenden Absolventen ist ein zentrales Kriterium bei der Gewinnung moderner Unternehmen“, so Huisken. Man sollte sich von einer zweiten Bewerbung nicht abhalten lassen. Aber: „Für die Zukunft muss auch von außen sehr klar erkennbar sein, dass die Stadt Potsdam die Förderung der Wissenschaft als eine ganz hohe Priorität begreift.“ Die Entwicklung zu einer Wissenschaftsstadt kann man nach Ansicht von Dr. Matthias Kross vom Einstein Forum nicht von „oben“ herbeiführen. Die werde automatisch eintreten, wenn Akademiker in Potsdam ihren Wohnsitz nehmen. Allerdings gehöre dazu auch eine weltoffene und liberale Atmosphäre. Wenn ein Busfahrer ausländischen Gästen nicht beim Fahrkartenkauf hilft, wie Kross es selbst erlebt habe, sei dies kein gutes Beispiel. Souveränität empfiehlt indes der Rektor der Filmhochschule HFF, Prof. Dieter Wiedemann. „Wir sollten dazu stehen, dass eine zu klein geratenen Großstadt seit mehr als 100 Jahren die europäische Nummer eins in Sachen Film, Sport, Geowissenschaften etc. ist.“ Potsdam würde keinen Titel brauchen, wenn es sich „endlich – ohne wenn und aber – zu seinen Alleinstellungsmerkmalen offensiv bekennen“ würde. Die Potsdamer Bundestagsabgeordnete Andrea Wicklein (SPD) warnt nun vor Schnellschüssen. Einer weiteren Bewerbung müsse die Entwicklung eines eindeutigen Profils für Potsdam vorangehen. Wicklein schlägt vor, die Geo-, Astro- und Klimaforschung in einem „Earth & Space Science Cluster“ zu vernetzen. Zudem müsse die Stadt ein Motor für die Bewerbung sein. Ihre Kollegin Katherina Reiche (CDU) kritisiert die Stadtverwaltung: „Hier gibt es eine gewisse Überheblichkeit“. Die Stadt gehe davon aus, dass ein hohes Maß an Forschung und Kultur ausreiche: „Man meint, alles mit links machen zu können.“ Für einen neuen Anlauf brauche die Stadtverwaltung hingegen einen strategischen Kopf, der die Entwicklung voran treibe. Der Verein „Pro Wissenschaft“, in dem Hochschulen, Institute und die Stadt vernetzt sind, trifft sich nun im April, um das weitere Vorgehen zu beraten. Dass ein Neuanfang nötig ist, liegt auf der Hand. Nicht nur weil eine neue Bewerbung ein neues Konzept verlangt. Auch weil des jahrelange Hin und Her etwa um das Technologiezentrum und den Bahnübergang in Golm einer Wissenschaftsstadt nicht gut zu Gesicht steht. Ebenso wenig wie ein von der Stadt angekündigter, aber nie ausgelobter Wissenschaftspreis. Nicht sonderlich erfreut sind zudem Wisssenschaftler der Uni darüber, dass ihnen eine englischsprachige Bürgersprechstunde für internationale Kollegen vom Oberbürgermeister versprochen wurde, und man heute noch darauf wartet.

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