Der Kommunikationswissenschaftler Sven Völker. Foto: Ottmar Winter
© Ottmar Winter

Für Kinderbuch New York Times zeichnet Potsdamer FH-Professor aus

Stefanie Schuster

Die New York Times hat den Potsdamer Professor für Kommunikationsdesign Sven Völker für sein neues Kinderbuch „A Million Dots“ ausgezeichnet. In einem anderen Buch hat der Dozent der Fachhochschule Potsdam einen Sting-Song illustriert.

Potsdam - Sven Völker braucht Raum zum Denken. Der neue Professor für Experiment und Strategie im Studiengang Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Potsdam öffnet die Tür zu seinem nicht abgeschlossenen Büro im dritten Stock des Hauses an der Kiepenheuerallee. Gegenüber der Tür weist ein großes Fenster zum Innenhof der FH. Der Staub, aufgewirbelt von den Baustellen rundherum, liegt wie ein Schleier darauf; in der Winterssonne leuchtet das gelbe Laub eines Baumes, der als einziger seine Blätter nicht abwirft. „Ein Wunder“, sagt Völker. Und: „Hier lebe ich meinen Traum.“

Aus: "A Million dots". Foto: Sven Völker Vergrößern
Aus: "A Million dots". © Sven Völker

Das Büro aber sieht aus, als sollten die Möbelpacker erst noch kommen. „Ich bin eben erst hier eingezogen“, sagt der schmale, hochgewachsene Mittvierziger, fast entschuldigend. Um dann vorsichtig nachzuschieben: „Und ich denke, ich werde es so lassen.“ Sein letztes Büro sei 100 Quadratmeter groß gewesen – was sich da alles ansammelt. Er habe das Meiste weggeworfen. „Ein Alptraum!“ Jetzt umgeben ihn etwa 25 Quadratmeter mit hohen Decken, nackten Wänden, eine Bank ohne Lehne, ein übermannshohes Metallregal, gut drei Meter lang, fast einen Meter tief. Darin ein Bürostuhl, Stoffproben, ein paar Bücher. Auch die, für die Sven Völker schon bekannt geworden ist.

Es geht um exponentielles Wachstum

Darunter auch „A Million Dots“, zu Deutsch: Eine Million Punkte, erschienen 2019 bei Cicada Books. Es ist sein zweites Kinderbuch. Auf dem Titel lächelt ein stilisiertes Kinder-Gesicht, die Augen geschlossen, übersät von bronzefarbenen Punkten: Sommersprossen. Der Text im Buch beschränkt sich auf das Allernötigste: die Kurzvorstellung des Autors und das Ausschreiben der Zahlen. Denn zwischen den stabilen Buchdeckeln im Din-A-4-Format geht es um exponentielles Wachstum. Sven Völker hat dafür quasi nur eins und eins zusammengerechnet und die Ergebnisse grafisch umgesetzt. Links stehen die Zahlen (Schriftart: Clarendon), rechts die Mengendarstellung. Bei der Eins ist es ein Baum, bei der Zwei sind es zwei Bäume, bei zwei plus zwei vier Äpfel an den beiden Bäumen, Fallobst (8) – und dann geht es los: Marienkäferpunkte (16), Melonenkerne (32); Sprudelblasen im Wasserglas, Regentropfen, Grashalme, Sterne. Die letzte, vier Mal ausklappbare Seite, zeigt eine Skyline, gefüllt mit 1 048576 Punkten. Die hat Völker natürlich nicht selbst gezählt, sondern die Zeichenzählfunktion seines Rechners.

Aus: "A Million Dots". Foto: Sven Völker Vergrößern
Aus: "A Million Dots". © Sven Völker

Die Juroren der New York Times, die jedes Jahr nahezu 1500 Kinderbücher sichten, um die „Best Illustrated Children’s books“ zu küren, waren begeistert von der „spielerischen, klugen und schlicht umwerfenden visuellen Erforschung der Multiplikation – eine Einladung in die Welt der Mathematik“. Den Preis erhielt er im November in der Public Library in New York – ein Raum wie aus einem Harry-Potter-Film, mit Stapeln von inspirierenden Büchern. Das einzige, was er bedauert: „Ich wünschte, ich wäre schneller gewesen und hätte mir von den anderen Autoren ihre Bücher signieren lassen“, sagt er. Kunstwerke hätten sie hinein gezeichnet.

Alle anderen konnten besser zeichnen

Aus: "A Million Dots" Foto: Sven Völker Vergrößern
Aus: "A Million Dots" © Sven Völker

Begonnen hatte Völker mit dem Studium in Bremen, um Kinderbuchillustrator zu werden. „Das habe ich aber gelassen, weil die anderen alle viel besser zeichnen konnten.“ Dass er mit seiner grafischen Arbeit nun zu seinen Wurzeln zurückkehren kann, macht ihn glücklich. „Am wichtigsten sind die Assoziationen, die ein Bild hervorruft. Die Möglichkeit, sich in Büchern verlieren zu können – das ist ein Geschenk.“ Und in der begrenzten Zeit, die man mit seinen Kindern hat, sollte man Bücher lesen, die Eltern und Kindern gleichermaßen Spaß machen.

Wie begrenzt diese Zeit ist, davon bekam Völker einen Eindruck, als man bei seinem Sohn Malo, damals dreieinhalb Jahre alt, eine Nierenunterfunktion entdeckte. Da lebte die Familie noch am Prenzlauer Berg. Mit seinem Büro „Sven Völker“ hatte der gebürtige Coesfelder, der in Bremen und London Design studierte, bereits den Jackpot geknackt: Als Ein-Mann-Unternehmen war es ihm gelungen, den Auftrag zur Überarbeitung des Suzuki-Corporate-Designs an Land zu ziehen. „Ich dachte, jetzt geht’s immer so weiter“", sagt Völker lächelnd. Doch das war nicht so: Die großen Anschlussaufträge blieben aus. So folgte Völker dem Ruf an die Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Dort entstand unter anderem auch ein Buch in Zusammenarbeit mit dem Philosophen Peter Sloterdijk, der dort Rektor war. Sein Titel: „Der Welt über die Straße helfen“. Gewissermaßen eine Pfadfinderidee, um Designer auch in der „Welt da draußen“ zu verankern. Völker lehrte, pendelte, entwarf. Nach fünf Jahren in Karlsruhe folgten weitere fünf Lehrer-Jahre an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein bei Halle.

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© Sven Völker

Sting-Songtext in Bildern

In dieses bewegte Leben platzten Malos Therapie-Termine. Für die stundenlangen Infusionen im Berliner Virchow-Klinikum holte ihn der Vater direkt aus der Schule ab. Für beide war diese Fahrt die einzige Pause am Tag. „Wir haben das Radio aufgedreht und mitgesungen“, sagt Völker. Meist waren es deutschsprachige Lieder. Aber einmal lief auch Stings „King of Pain“. Der sechsjährige Malo ließ sich den Text vom Vater übersetzen. „Der König der Schmerzen – das bin ich, sagte Malo“, erinnert sich Völker. Das ließ ihn nicht mehr los. Denn durch die ständigen, stundenlangen Infusionen waren Malos steckendünne Arme zerstochen und vernarbt wie die eines Junkies; manchmal habe es Stunden gedauert, sagt der Vater, bis endlich ein Zugang lag. Malo schrie und weinte. Ihm und sich zum Trost begann er noch am selben Abend damit, den Schmerz in Bilder zu fassen. Für Vater und Sohn ist er dreieckig. Verschieden große Dreiecke sind etwa so angeordnet, dass man sofort Gesicht, Hände, Augen, Spritze, Blut und Tränen erkennt. Sie setzen auch den König ohne Augen, eine zerfetzte Fahne, einen Fisch, das Meer und ein Stück Brot zusammen – nahezu Stings gesamten Songtext.

„Eigentlich wollte ich nur die Bilder an Malos Zimmerwand hängen“, sagt Völker. Doch aus einem Impuls heraus schrieb er an Stings Agentur in New York: Ob er daraus ein Buch machen dürfe. Die Agentin antwortete in Stings Namen enthusiastisch: Ja, gerne. Eine Agentin vermittelte ihn an den NordSüd-Verlag; 2015 erschien daraufhin Völkers erstes Kinderbuch: „Da ist heute ein kleiner schwarzer Fleck auf der Sonne“. Völker war begeistert. „In der Druckerei in Sachsen-Anhalt hatte sie alle Farben aus den Maschinen ablaufen lassen, um die einzufüllen, die ich im Buch habe“, erinnert er sich. Bronze ist dabei, Türkis, Neonorange und Neongelb. Sting, der selbst unter die Buch-Autoren gegangen ist, hat auch ein Exemplar. Familie Völker traf ihn vor seinem Berlin-Konzert. „Ein echter Familienprofi“, sagt Völker und lacht. „Und im Rausgehen zum Konzert sagt er: Übrigens bin ich farbenblind. Das wusste ich bis dahin auch nicht. Aber ich habe mich gefragt: Was hat er von meinem Buch gesehen?“

Völkel spendete eine Niere

Doch für ihn bezeichnet das Buch auch einen Wendepunkt: Kurz bevor es erschien, konnte er seinem Sohn eine Niere spenden. Mit Malos schneller Genesung kehrte Völkers Herrschaft über sein Leben zurück. Seither sprießen im Hinterkopf des Design-Professors die Kinderbuch-Ideen. „Was mir am besten gefällt ist, dass ich dieses Medium ganz allein beherrschen und umsetzen kann“, sagt er. Mit seinen Studierenden beginnt er ohnehin immer in der Bibliothek, wo alle in Ruhe das Buch suchen dürfen, das sie niemals ausgeliehen hätten. Sie sollen zudem lernen, die Welt professionell neugierig, journalistisch anzuschauen: Veränderungen wahrzunehmen, zu hinterfragen und dann ihre Sicht in Design umzusetzen. Daher dürfen sie auch an dem „Some Magazine“ mitarbeiten, das er bereits seit 2010 herausgibt und mit einigem Erfolg unter anderem im Museum of Modern Art in New York verkaufen ließ. Neben seinen Kinderbüchern. Sein Traum.

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