Internationales Treffen. Der VfL mit seinem Spanier Rolando Urios Gonzales war Premierengegner des gesamtkoreanischen Teams.  Foto: Julius Frick
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VfL Potsdam gegen das vereinigte Handballteam von Korea Politisches Zeichen auf der Potsdamer Platte

Deutschlands Auftaktgegner bei der Handball-Weltmeisterschaft ist das vereinigte Team aus Korea. Das ist in Berlin, der Stadt der Einheit, auf Friedensmission. Ihr historisch erstes Spiel verlor die koreanische Mannschaft gegen den Drittligisten VfL Potsdam.

Potsdam - Kyong-Song Ri ist in die Geschichte von Korea eingegangen. Geschrieben wurde dieses Kapitel am Samstagabend in Potsdam. Erstmalig seit der Trennung Koreas nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bestritt eine gemeinsame Handball-Mannschaft der beiden formal weiterhin im Kriegsverhältnis stehenden Staaten aus dem Norden und Süden eine offizielle Partie. Korea trat beim Drittligisten VfL Potsdam an. Ein erster Test für den großen Auftritt am Donnerstag, wenn das vereinigte Team zum Auftakt der Weltmeisterschaft in Berlin gegen Deutschland spielt.

Der besagte Kyong-Song Ri war es, der bei der Premiere am Samstag das aufseiten der asiatischen Gäste am meisten umjubelte Tor erzielte. Kurz vor der Halbzeitpause traf der als einer von vier Nordkoreanern in die ansonsten südkoreanische Truppe eingegliederte Akteur, rannte anschließend total euphorisiert über das Feld der MBS-Arena und klatschte an der Seitenlinie mit all seinen Kollegen ab, die wiederum völlig aus dem Häuschen waren. Wie emotional sie ihre Mission empfinden, war deutlich zu spüren. Auf der Potsdamer Platte setzten sie ein erstes politisches Zeichen des Zusammengehörigkeitsgefühls.

Für das Korea-Team ändert der Weltverband seine WM-Kaderregeln

Sportlich gelang aber kein Erfolg. Nach 15:10-Halbzeitführung verlor der WM-Teilnehmer noch 26:30 gegen den VfL. Potsdams Kapitän Yannik Münchberger freute sich über den reizvollen Sieg, betonte anschließend jedoch vor allem, es sei „eine Riesenehre“ gewesen, „Teil eines so bedeutsamen Ereignisses zu sein“. Und VfL-Trainer Daniel Deutsch meinte: „Ohne es zu pathetisch machen zu wollen – das ist ein Beweis, dass Sport immer wieder die erste Brücke schlagen kann. Dass er Leute zusammenbringt.“

Über den sportlichen Weg hatten sich Nord- und Südkorea bereits bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang angenähert. Dort gab es eine gesamtkoreanische Eishockey-Frauenmannschaft, die abgeschlagen Letzte des Turniers wurde und trotzdem für positive Schlagzeilen sorgte. Der Handball-Weltverband griff nun für seine WM 2019 in Deutschland und Dänemark die Vereinigungsidee auf. Dafür wurden sogar die eigenen Regeln abgeändert, denn eigentlich dürfen nur 16 Spieler im Kader einer Mannschaft stehen. Den qualifizierten Südkoreanern wird aber erlaubt, vier zusätzliche Akteure aus Nordkorea ins Aufgebot zu nehmen, um als geeintes Korea gemeinsame Sache machen zu können.

Nordkoreanische Spieler zeigen mit ihren Schuhen Flagge

Dass dieses Bündnis ausgerechnet das Welt-Championat in Berlin miteröffnet, an dem Ort wo einst die deutsche Teilung überwunden worden war, erhöht nochmals die Strahlkraft der Geste. „Gerade Berlin ist ein Symbol für Friede und Einheit“, sagte Cheftrainer Cho Young Shin am Freitag bei einem öffentlichen Training in der Bundeshauptstadt. „Mit dem Fall der Mauer ist man den Weg des Friedens gegangen. Deshalb möchten wir als gemeinsames Team zeigen, dass wir als Koreaner auch diesen Weg gehen können“, betonte Cho Young Shin. Nur ein kleines Detail verrät auf den ersten Blick, welcher seiner Spieler woher kommt. Die vier Nordkoreaner tragen einheitliche Schuhe. Dabei zeigen sie dann doch Flagge. Die Treter sind rot, blau und weiß – passend zur nordkoreanischen Fahne. Erst seit etwa zwei Wochen trainiert das Quartett mit den deutlich leistungsstärkeren Kollegen aus dem Süden.

Erkennungszeichen. Das nordkoreanische Quartett trägt einheitliche Schuhe in den Farben Rot, Weiß und Blau. Foto: Julius Frick Vergrößern
Erkennungszeichen. Das nordkoreanische Quartett trägt einheitliche Schuhe in den Farben Rot, Weiß und Blau. © Julius Frick

Darum braucht es Möglichkeiten zum Testen. Am heutigen Montag ist Korea noch beim anderen märkischen Drittligisten Oranienburger HC zu Gast und hofft auf eine Steigerung im Vergleich zum Match in Potsdam. Dies fand eingebettet in die Final-Four-Turniere um den Brandenburger Landespokal statt und lockte fast 1000 Zuschauer. Darunter eine große koreanische Delegation. Ein paar reifere Damen trällerten fröhlich Lieder, zudem wurden munter Fähnchen des vereinigten Koreas geschwenkt.

VfL füllte sein Team mit Akteuren des Kooperationspartners auf

Für das Spiel musste der heimische VfL derweil seinerseits einen Brückenschlag vornehmen. Weil einige Spieler noch im Urlaub weilen, verletzt oder krank sind, wurden kurzerhand fünf Akteure vom Kooperationspartner HV Grün-Weiß Werder aus der Oberliga in die Reihen der Adler beordert. „Einen Tag vorher haben wir davon erfahren. Da haben wir natürlich gerne zugesagt – das ist schließlich etwas Einmaliges“, erklärte Werders Yanek Hessemann, der als Fünffach-Torschütze ebenso hervorragte wie der stark parierende Grün-Weiß-Keeper Tom Göres.

Vermittelt hatte den Testvergleich der Deutsche Handballbund (DHB). Der pflegt bekanntlich einen engen Draht nach Potsdam. Dort ist nicht nur ein DHB-Förderstützpunkt beheimatet, sondern auch der Assistenztrainer der deutschen Männer-Nationalmannschaft zu Hause: Alexander Haase. Der sportliche Leiter des VfL Potsdam war am Samstag jedoch nicht in der MBS-Arena, um den WM-Auftaktgegner von der Tribüne aus unter die Lupe zu nehmen. Haase, der als Lehrer für Politische Bildung gewiss auch sehr gut über die gesellschaftliche Dimension jener Korea-Mannschaft referieren kann, blieb beim deutschen Team in Hamburg. „Aber er kann sich ja auf seinen Verein verlassen“, sagte VfL-Geschäftsstellenleiter Christian Barth. „Er bekommt umgehend das Spiel auf Video.“

„Ich habe noch nie gegen ein Land gewonnen“

Darauf wird Alexander Haase analysieren, dass die Koreaner keine hohe Hürde sein dürften, allerdings durchaus ihre Qualitäten haben. Das WM-Ticket bekamen sie immerhin nicht als Gewinn in einem Rubbellos, sondern sicherten sich es durch Platz drei bei der vergangenen Asienmeisterschaft. Aufgrund ihrer für Handballer-Verhältnisse geringen Körperhöhen setzen die Männer von Coach Cho Young Shin vorwiegend auf Tempospiel. Damit kam der VfL zunächst kaum klar. Mit zunehmender Zeit erlahmten die Koreaner aber und hatten dem Drittligisten nichts mehr entgegenzusetzen.

Daher vermutet Potsdams Trainer Daniel Deutsch, dass Deutschland am Donnerstag keine großen Probleme haben sollte, wenn konzentriert agiert werde. „Ich gehe fest davon aus, dass sie sie klar schlagen“, sagte Deutsch, der sich mit dem eigenen Triumph über den WM-Starter zufrieden zeigte. Er meinte grinsend: „Ich habe noch nie gegen ein Land gewonnen.“ Ein Land. Dieses Verständnis der Zusammengehörigkeit wollen nun die Handball-Missionare aus Korea weiter in die Welt hinaustragen. Mit ihrem Team werfen sie die Bälle nicht nur ins Tornetz. Sondern zerreißen auch den eisernen Vorhang zwischen den beiden Staaten. Zumindest für ein kleines Stückchen.

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