Starkes Potsdamer Stabhochsprung-Team. Friedelinde Petershofen, Anjuli Knäsche und Annika Roloff (v.l.) werden am Luftschiffhafen von Stefan Ritter trainiert. Foto: G. Pohl
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Stabhochspringen in Potsdam Da kommt was hoch

Stabhochsprung lag in Potsdam viele Jahre am Boden. Das ändert sich gerade – die aktuell besten deutschen Springerinnen trainieren im Luftschiffhafen. Das Internationale Meeting im Stern-Center wird daher auch zur lokalen Leistungsschau.

„Versuch mal, zu Beginn ein bisschen lockerer zu laufen“, sagt Stefan Ritter. Adressiert ist der Tipp des 31 Jahre alten Trainers an Friedelinde Petershofen. Kurze Sprints stehen auf dem Programm für die Stabhochspringerin. „Nicht viel“, sagt Ritter, „in der Wettkampfphase ist das Pensum nicht so hoch.“ Nach der Landesmeisterschaft vor 14 Tagen und dem Meeting in Zweibrücken am vergangenen Wochenende steht am morgigen Freitag ein „Heimspiel“ auf dem Plan: das Internationale Stabhochsprung-Meeting des SC Potsdam im Stern-Center.

Die 17. Auflage des Events wird zur lokalen Leistungsschau der derzeit besten deutschen Stabhochspringerinnen – neben Friedelinde Petershofen sind auch Anjuli Knäsche (startet für SG Kronshagen/Kieler TB) und Annika Roloff (MTV Holzminden) am Start. Das Trio gehört zur Potsdamer Trainingsgruppe von Stefan Ritter und ist in der aktuellen Hallensaison das Maß der nationalen Spitze. Jeweils 4,43 Meter überquerten Knäsche und Roloff vor einer Woche in Zweibrücken, Petershofen schraubte an gleicher Stelle ihre Bestmarke auf 4,33 Meter. Nur die Olympia-Vierte Silke Spiegelburg (Bayer Leverkusen), die nach zweijähriger Zwangspause wieder zurück ist, sprang mit 4,45 Meter bislang höher.

Ritter: Potsdam bietet deutschlandweit die besten Stabhochsprung-Bedingungen

Am vergangenen Dienstagnachmittag hatte Petershofen die Leichtathletikhalle am Luftschiffhafen fast für sich allein. In den Winterferien ist die Sportstätte nahezu verwaist. Beste Zeit also für ein Einzeltraining, bei dem die 20-Jährige die ganze Aufmerksamkeit ihres Trainers exklusiv hat. „Ich habe das Gefühl, dass er in mich hineinsehen kann“, sagt die Athletin über Stefan Ritter, dem schon früh nachgesagt wurde, dass er ein gutes Auge für Bewegungsabläufe hat. Ritter ist dafür verantwortlich, dass die gebürtige Oldenburgerin vor etwas mehr als einem Jahr nach Potsdam kam. Er arbeitet seit 2013 als Nachwuchs-Bundestrainer und hatte Petershofen geraten, an den hiesigen Olympiastützpunkt zu kommen. „Potsdam war definitiv die richtige Entscheidung“, sagt Petershofen heute. Nicht nur, dass sie sich innerhalb eines Jahres um 22 Zentimeter gesteigert hat. Am Luftschiffhafen gewinnt das Stabhochspringen wieder an Bedeutung, nachdem die Disziplin viele Jahre nach der Wende nahezu nicht mehr existent war.

Viel hat das mit dem Namen Stefan Ritter zu tun. Als der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) vor gut zwei Jahren das Interesse bekundete, neben Leverkusen und Zweibrücken ein weiteres Leistungszentrum für Stabhochsprung zu entwickeln, hatte Ritter als DLV-Disziplintrainer für den Nachwuchs die Wahl zwischen Berlin oder Potsdam. In Berlin arbeitete er damals als Landestrainer, in Potsdam allerdings hatte der gebürtige Jüterboger nicht nur seine Wurzeln – hier sieht er auch Potenzial und Perspektive. „Es gibt nirgendwo sonst in Deutschland bessere Bedingungen als hier“, meint Ritter, der selbst am Luftschiffhafen als Stabhochspringer (4,71 Meter) aktiv war und zur Sportschule ging, ehe ein Achillessehnenriss seine Karriere beendete. Schon 2004 hatte er neben dem Abitur als Übungsleiter beim SC Potsdam gearbeitet „und dabei viel von Toralf Neumann gelernt“, wie er betont wissen will. Neumann arbeitet als Lehrer-Trainer für Sprint, Sprung und Mehrkampf am Potsdamer Stützpunkt und hat ebenso einen Anteil daran, dass der Luftschiffhafen für Stabhochsprung wieder eine interessante Adresse wird.

Derzeit trainieren 21 Athleten in Potsdam regelmäßig das Stabhochspringerin

Unter den guten Bedingungen an der Havel trainieren seit mehr als einem Jahr Friedelinde Petershofen und Anjuli Knäsche bei Stefan Ritter, im vergangenem Herbst kam Annika Roloff dazu. Die 24-Jährige wurde 2011 Dritte der U 23-Europameisterschaft, doch zuletzt stagnierte sie unter der Trainingsregie ihres Vaters, sodass ihr Bundestrainer Jörn Elberding zu einem Wechsel nach Potsdam und zu Stefan Ritter riet. Der nennt es einen Glücksfall, „in den Beruf mit einer so guten Trainingsgruppe starten zu können“. Doch es sei auch eine Herausforderung, drei ehrgeizige junge Frauen zu betreuen und innerhalb der gesamten Trainingsgruppe eine gute Chemie zu entwickeln: zwischen den leistungsstarken Springerinnen und denen, die noch keine vier Meter schaffen. Doch es sei eben dieser interne, positive Konkurrenzkampf, der für Motivation in der Gruppe sorgt.

Insgesamt sind es Ritter zufolge derzeit 21 Athleten beim SC Potsdam, die sich regelmäßig im Stabhochsprung üben. Der Bekannteste in der jüngeren Vergangenheit ist Carlo Paech, der vor zwei Jahren nach Leverkusen wechselte, nachdem er zuvor viele Jahre in Potsdam – unter anderem bei Stefan Ritter – trainierte. Paech hat inzwischen internationales Format erreicht, startete 2015 bei der Weltmeisterschaft in Peking, wo er allerdings in der Qualifikation scheiterte. Am kommenden Samstag wird er im Stern-Center springen – bei seinem Lieblingsmeeting, wie Paech sagt. 

Knäsche und Roloff sollen Olympia-Norm knacken

Dass der Potsdamer Stützpunkt künftig nicht nur Talentschmiede bleibt, die gut ausgebildete Athleten an zahlungskräftige Vereine verliert, ist Ritters Hoffnung und Anspruch zugleich. Zum einen sei es natürlich wichtig, einen wirtschaftlichen starken Verein und ein potentes Sponsorenumfeld zu haben, sagt er. Gerade Stabhochsprung sei extrem teuer. „Ein Stab kostet zwischen 500 und 800 Euro“, illustriert Ritter, „und wir haben etwa 100 Stäbe hier.“ Daher sei es erklärtes Ziel, dass sich das Stabhochspringen am Luftschiffhafen den Status eines Bundesstützpunktes erarbeitet, um national gefördert zu werden.

Dafür braucht es Erfolge und Teilnahmen auf internationaler Bühne. Die Olympischen Spiele in diesem Sommer wären daher keine schlechte Empfehlung. „Für Anjuli und Annika muss das ganz klar das Ziel sein“, sagt Ritter. Zumindest die Qualifikationshöhe von 4,50 Meter erwartet er von den beiden Athletinnen. Ob sie sich dann gegen die starke nationale Konkurrenz durchsetzen, sei eine andere Frage. „Aber die Norm müssen sie springen“, sagt Ritter. Am besten schon morgen im Stern-Center, um es dann unter freiem Himmel zu wiederholen.

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