Einmarsch zum Auftakt. Das erste Royals-Heimspiel 2019 wurde von einer Rauch- und Feuershow eingeläutet. Foto: Gerhard Pohl
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Saisonstart der Potsdam Royals Sorgen auf der Schlüsselposition

Zum Auftakt in die neue Saison der German Football League 1 kassieren die Potsdam Royals eine klare Niederlage gegen den Titelaspiranten Hildesheim Invaders. Und sie haben ein Problem: Die Potsdamer stehen noch ohne nominell ersten Quarterback da.

Potsdam - Im Stadionmagazin der Potsdam Royals wirbt ein Sponsor des Football-Erstligisten um neue Mitarbeiter –plakativ mit dem Slogan: „Spielmacher gesucht“. Treffender könnte derzeit auch die Situation für die Potsdamer Mannschaft nicht beschrieben werden. Denn die steht zum Saisonstart in der German Football League 1 (GFL) noch ohne ersten Quarterback da, den Denker und Lenker der Offensive. Beim Auftaktspiel am Samstag, das im heimischen Stadion Luftschiffhafen gegen den heißen Titelkandidaten Hildesheim Invaders 28:50 (14:21, 0:3, 14:20, 0:6) verloren ging, mussten die Royals auf eine kurzfristige Notlösung setzen. Und die wird voraussichtlich auch noch weiter greifen.

Es sind große Sorgen auf der Schlüsselposition. Zuvor mussten auch schon an anderen wichtigen Stellen die Top-Akteure Max Zimmermann und Thiadric Hansen wegen eines möglichen Wechsels nach Kanada aus den Planungen gestrichen werden, wodurch viel Arbeit der Vorbereitung über den Haufen geworfen wurde. Dann folgte das Quarterback-Dilemma. „Auf gut Deutsch gesagt: Es hätte nicht beschissener laufen können“, meinte Royals-Cheftrainer Michael Vogt unumwunden. Er hatte zunächst im Winter einen Spielgestalter an der Angel, der schon im Dunstkreis der US-amerikanischen Profiliga NFL aktiv war. Dieser sprang jedoch nach einem Angebot aus der Canadian Football League (CFL), der zweitbesten Spielklasse der Welt, ab. Daraufhin wurde Cody Williams verpflichtet, 22 Jahre jung, hochtalentiert, vielversprechend. Mit ihm erfolgte im Training die Entwicklung des Angriffs. Anfang vergangener Woche wurde aber auch er nach Übersee zurückgelockt. Ihm bieten sich Optionen in der CFL und NFL. Man könne nachvollziehen, dass sich Spieler solch sportlich und finanziell reizvolle Chance bewahren wollen, sagte Vogt. „Aber für uns als Mannschaft ist es natürlich doof.“

Zimmermann und Spontan-Rückkehrer Tucker springen ein 

Plan B, beziehungsweise C, musste her. Zum einen konnte dabei auf Paul Zimmermann gebaut werden. Der seit 2018 für Potsdam spielende Berliner, der schon in der deutschen Nationalmannschaft den Quarterback gab, war ohnehin als Reserve eingeplant. Hauptsächlich trainiert hat er allerdings als Passempfänger statt -geber. Gegen Hildesheim stand Paul Zimmermann dann in der Startformation, ermöglichte Neuzugang Timothy Knüttel gleich in der ersten Royals-Ballbesitzphase den ersten Touchdown und erzielte sogar selber einen. Gute Leistung. 

Doch im zweiten Viertel wurde – wie vorab besprochen – gewechselt, hin zu dem Akteur, der nun vorerst die Führung übernehmen soll. Es ist ein alter Bekannter: Jacob Tucker, Quarterback aus der Aufstiegssaison 2017, der nach diesem Erfolg zurück in die USA gegangen war und dort seitdem als Trainer an einem College arbeitet. In seiner Potsdamer Zeit habe er großartige Freundschaften zu den Royals-Verantwortlichen geschlossen, betonte Tucker: „Als sie mich angerufen haben und sagten ,Wir haben Probleme, wir brauchen deine Hilfe!’, habe ich alles in Bewegung gesetzt, um sie zu unterstützen.“ Es sei schwierig gewesen, das so spontan zu regeln. „Aber es hat geklappt.“ Am Donnerstag kam Jacob Tucker in Potsdam an, absolvierte nur eine Trainingseinheit mit dem Team und studierte ansonsten eifrig das Playbook, das Buch der mannschaftsinternen Angriffstaktiken. „Für die wenige Zeit lief es ganz ordentlich“, urteilte er. Er warf einen Touchdownpass zu Knüttel und lief einmal selbst in die Endzone. Die vier Extrakicks nach den Touchdowns versenkte Hannes Werner sicher. 

"Wir haben das Spiel in der Defensive verloren"

Offensiv sei die Vorstellung angesichts der schwierigen Umstände „okay“ gewesen, befand Michael Vogt. Entscheidend für die hohe Niederlage, die laut Clubangaben 1042 Zuschauer im Stadion sahen, sei vielmehr die Abwehr gewesen. „Wir haben das Spiel in der Defensive verloren, den Gegner nicht unter Kontrolle bekommen“, erklärte der Coach. Zu groß war die Wucht der Invaders. Ihre beachtliche Shopping-Tour auf dem Transfermarkt spiegelte sich auf dem Rasen wider. Hildesheim, im Vorjahr beinahe abgestiegen, ist dank spektakulärer Verpflichtungen zu einem Top-Team erwachsen. Herzstück ist US-Boy Casey Therriault, der als Quarterback zwischen 2013 und 2017 viermal Deutscher Meister sowie zweimal Eurobowl-Sieger mit den New Yorker Lions Braunschweig wurde. Er sei der beste Spielmacher, den Europa je gesehen habe, ordnete Michael Vogt voller Respekt ein.

Einen annähernd so hochwertigen Quarterback würde der Potsdamer Coach auch gerne in seinen Reihen sehen. Wie die neuralgische Position bei den „Königlichen“ im weiteren Saisonverlauf weiter besetzt wird, „steht in der Schwebe“, sagte Vogt. Jacob Tucker kann nur noch zwei weitere Wochen bleiben – also für die Partien bei den Berlin Rebels am Samstag und eine Woche darauf daheim gegen die Düsseldorf Panther.

Zehn internationale Transfers schon aufgebraucht

Möglich ist, dass Cody Williams auch wieder zurückkehrt, wenn sich für ihn in der NFL und CFL nichts ergeben sollte. Einen gänzlich neuen Quarterback zu holen, ist derweil immens schwer. Nicht nur, dass die Besten ihrer Zunft zu diesem Zeitpunkt schon weitestgehend vom Markt sind. „Auch ist unser Budget nicht unendlich und zudem gibt es Transferbestimmungen – da sind uns im Moment die Hände gebunden“, so der Cheftrainer. Lediglich zehn internationale Transfers sind pro GFL-Verein im Jahr erlaubt. „Die haben wir schon aufgebraucht.“ 

Dementsprechend könnte am Ende die Verantwortung auf Paul Zimmermann übergehen. „Wir sehen mal, wie es weiterläuft“, gab er sich noch gelassen. Aber zugleich auch selbstbewusst: „Ich werde versuchen, allen zu zeigen, dass auch ich der Starting-Quarterback hier sein kann.“ Er wäre damit eine Rarität. Dass ein Deutscher in der ersten deutschen Football-Liga die Fäden auf dem Rasen zieht, ist selten. Vielmehr gehen die Clubs in den USA auf die Suche nach Spielmachern.

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