Das Weltmeisterboot startet zur olympischen Mission. Potsdams Schlagmann Hans Gruhne, Lauritz Schoof, Philipp Wende und Karl Schulze (v.l.n.r.) beim Weltcup-Rennen auf dem Rotsee in Luzern vor genau einem Jahr. Foto: Peter Klaunzer, dpa
©  Peter Klaunzer, dpa

PNN-Olympiaserie "Rio ruft"- die Potsdamer Teilnehmer Zum Erfolg zurückgerudert

Bei den Olympischen Spielen 2012 in London musste Hans Gruhne der Goldfahrt des deutschen Doppelvierers zuschauen. Daraus zog der Ruderer des RC Potsdam seine Motivation für Rio und gehört nun zum Team. Allerdings musste er lange um sein Ticket zittern.

Als Hans Gruhne am vergangenen Samstagabend auf der großen Bühne des Potsdamer Stadtwerkefestes stand, hatte der musikalische Rahmen etwas Bezeichnendes für seine Situation. Der 27-Jährige vom Ruder-Club Potsdam wurde als Olympiastarter der Landeshauptstadt verabschiedet. Kurz davor hatten die Fläming-Rocker von Six für bodenständige Musik „Made in Brandenburg“ gesorgt, kurz danach verzauberte der gebürtige Mexikaner Carlos Santana mit seinem Latin-Rock die Stimmung. Brandenburg oder Südamerika? Für einige Wochen war es für Gruhne die quälend ungewisse Frage, wo er einen Teil dieses Sommers verbringen wird. Dass es am 28. Juli nach Rio de Janeiro geht, ist das vorläufige Happy End seiner bislang leidvollen Saison. Das große Finale soll in Rio folgen.

Zehn Jahre rudert Hans Gruhne in internationalen Gewässern. 2005, als er das erste Mal Junioren-Weltmeister im Doppelzweier wurde, spätestens aber 2006 mit dem Gewinn der Junioren-WM im Einer, bekam er eine vage Idee, dass Olympische Spiele nicht nur Traum bleiben könnten. „Wenn man sich da durchsetzt, kommt einem schon der Gedanke, dass man es zu Olympischen Spielen schaffen kann“, meint er rückblickend. Dass sich sein Olympiatraum bereits 2008 erfüllen sollten, mag überraschend gewesen sein, war aber konsequent: Nach seinen JWM-Titeln gewann er 2007 – in der Elite der Erwachsenen angekommen – mit dem deutschen Doppelvierer WM-Bronze. Der Platz für Peking war für den Potsdamer also reserviert, die olympische Bootsfahrt in Fernost endete auf Platz sechs. Nach Peking schrieb Gruhne seine Sport-Vita mit internationalen Erfolgen kontinuierlich weiter, doch ausgerechnet 2012 tat sich eine Lücke auf: Die Sommerspiele in London erlebte Gruhne nur als Zuschauer. Als Tourist saß er auf der Publikumstribüne am Dorney Lake und sah zu, wie der deutsche Doppelvierer – sein Boot – Gold gewann.

Beinhahe wären die Mühen und Anstrengungen umsonst gewesen

Das Paradoxe daran: „Eigentlich ist mir erst in London wirklich richtig bewusst geworden, was Olympische Spiele bedeuten“, sagt Gruhne. Nach Peking reiste er damals als 19-Jähriger, im olympischen Dorf feierte er seinen 20. Geburtstag. Aber was es bedeutet, Olympiasieger zu werden, was man dann sein ganzes Leben lang ist, dieser einzigartige Moment eines siegreichen Olympiawettkampfes, die feierlichen Zeremonien danach und das Gefühl, innerhalb der tausendfach versammelten Sportfamilie einer der Besten zu sein – all das wurde ihm bewusst, als er zusehen musste. „Das wollte ich nicht noch einmal in dieser Art erleben. Ich wollte noch einmal dabei sein“, erzählt Gruhne. „Das hat mich die vergangenen vier Jahre angetrieben und motiviert.“

Beinahe wären die Mühen und Anstrengungen der letzten Jahre umsonst gewesen. Ausgerechnet bei der nationalen Olympia-Qualifikation Ende April in Köln wurde Gruhne krank. Er fühlte sich erschöpft, nach dem Vorlauf nahmen ihn die Ärzte aus dem Wettkampf. Gruhne stand vor dem Olympia-Aus, sah sich zum Ersatzmann degradiert. „Da gingen mir schon einige Szenarien durch den Kopf“, gesteht er heute. „Auch aufhören war dabei eine Option.“

Gruhne bekam seine Bewährungschance - und er nutzte sie

Doch Trainer und Verband ließen den Potsdamer nicht fallen, nahmen ihn mit zu den nationalen Lehrgängen nach Ratzeburg und gaben ihm die Zeit gesund zu werden. Sein Glück: Der Doppelvierer – neben dem Achter zum Paradeboot der deutschen Ruderflotte avanciert – fuhr nicht sonderlich erfolgreich bei den Weltcup-Regatten dieser olympischen Saison. Beim dritten Weltcup in Posen Mitte Juni saß Schlagmann Gruhne erstmals wieder im Boot. „Der Druck war schon enorm“, sagt er. Aber auch das Vertrauen in die eigene Stärke. „Hey, wir sind der amtierende Weltmeister, wir haben das Potential, vorn mitzufahren“, habe sich die Crew gesagt. Mit Karl Schulze, Philipp Wende und Lauritz Schoof ruderte Gruhne ein kluges Rennen und nach starkem Endspurt auf den zweiten Rang. „Wir sind zurück im Spiel. Es ist aber noch einiges zu tun, um aus dem Tal aufzusteigen“, resümierte Karl Schulze nach dem Rennen. Gruhnes unmittelbarer Lohn nach seiner Rückkehr ins Boot: Eine Stunde nach dem Zieleinlauf hielt er sein Ticket für Rio in der Hand.

In wenigen Tagen bricht der aus Bestensee (Dahme-Spreewald) stammende Ruderer nun an die Copacabana auf – zur Mission Titelverteidigung. Seine drei Bootsgefährten gehörten zur Gold-Crew von London, mit ihnen stand Gruhne im vergangenen Jahr in Frankreich auf dem obersten WM-Podest. „Aber ein olympisches Rennen ist weitaus schwerer als eine Weltmeisterschaft“, weiß er aus eigener Erfahrung. Zum Glück kann er diese nun noch einmal wiederholen.

Zur Startseite