Torben Schmidtke trägt nach der Amputation nun nicht mehr nur links eine Prothese, sondern beidseitig. Foto: Kay Nietfeld/dpa
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Nach Fuß-Amputation Warum der Paralympics-Schwimmer Torben Schmidtke aufhören will

Paralympics-Schwimmer Torben Schmidtke hat eine Fußamputation vornehmen lassen - zum Wohle seiner Gesundheit. Doch weil die Verhältnisse im Becken nun ganz andere sind, denkt er ans Karriereende.

Potsdam - Torben Schmidtke ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein gehandicapter Mensch selbstbewusst mit seiner körperlichen Einschränkung umgeht. Von Geburt an sind die Beine und der linke Arm des paralympischen Schwimmers fehlgebildet. Verkürzt, nicht vollständig entwickelt. Eine Dysmelie. Sprechen Außenstehende über Personen mit solchen Handicaps heißt es oft, der- oder diejenige „leidet an etwas“ – dafür hat einer wie Schmidtke kein Verständnis. „Das klingt, als würde ich mich bemitleiden oder bräuchte Mitleid von anderen“, sagte der Athlet des SC Potsdam einmal. „Aber das ist nicht der Fall. Ich akzeptiere die Einschränkung, sie ist Teil meines Lebens – und dieses Leben kann ich auch so genießen.“

Dauerhafte Körperfehlhaltung hatte Spuren bei ihm hinterlassen

Kein Jammern, kein Hadern. Torben Schmidtke blickt stattdessen voller Selbstverständlichkeit auf seine physischen Besonderheiten, denkt nicht in den Kategorien „normal“ und „unnormal“, ist emanzipiert. Der 30-Jährige geht mit seinem Handicap sogar humorvoll um. So sagt er etwa lachend in Rückschau auf die Internationale Deutsche Meisterschaft vergangene Woche in Berlin: „Das war schon spannend. Mein erster Wettkampf mit einem Körperteil weniger.“

Der Silber- und Bronzemedaillengewinner der Paralympischen Spiele über 100 Meter Brust ließ sich nämlich im Oktober den rechten Fuß amputieren. Dadurch ist er nun beidbeinig auf Prothesen unterwegs. Beim Laufen und Stehen war zunehmend der Schmerz in dem Fuß und im Rücken stärker geworden, ausgelöst durch die dauerhafte Körperfehlhaltung aufgrund unterschiedlicher Beinlängen. „Für meine Gesundheit musste ich diese Zukunftsentscheidung treffen“, begründet Schmidtke den operativen Eingriff. Er hat sich schnell ausgezahlt. Passend zum neuen Gefühl auf zwei künstlichen Unterschenkeln und Füßen meint er: „Es war der beste Schritt, den ich gehen konnte.“

Trotz neuer Umstände wieder in dieselbe Startklasse eingruppiert

Im Februar begann Torben Schmidtke, wieder zu schwimmen. Vorige Woche sprang er dann erstmalig ins Wettkampfbecken. „Es ist jetzt etwas völlig anderes“, bekräftigt er. An Start und Wende geht mangels weniger Kraft beim Abstoßen Zeit verloren, auf der Strecke fehlt ihm der Abdruck. 1:40 Minute benötigte der IT-Spezialist der Bundespolizei in Berlin für die 100 Meter Brust – seine Bestzeit ist rund 18 Sekunden schneller. „Einerseits war ich nicht gut trainiert. Aber zum anderen ist es eben ein Resultat der neuen Umstände.“ Daher ist es für ihn umso unverständlicher, dass er bei den turnusmäßigen Klassifizierungsuntersuchungen des Weltverbandes trotzdem in dieselbe Startklasse wie zuvor eingestuft wurde. „Dadurch bin ich chancenlos gegenüber der Top-Konkurrenz“, sagt der mehrfache Weltrekordhalter, der schon 2018 haderte, als er zu seinem Nachteil umgruppiert wurde. Das überraschende Silber bei der Europameisterschaft stimmte ihn für den Moment aber versöhnlich.

Doch diesmal sieht der Sportler, der aus Greifswald stammt und 2011 seiner Trainerin des Vertrauens Dörte Paschke nach Potsdam folgte, kaum noch eine Perspektive im internationalen Vergleich. Im Kopf verfestigt sich der Gedanke ans Karriereende. „Ich werde mir jetzt zwei, drei Wochen Zeit zum Nachdenken nehmen“, erzählt er. Und sollte dabei der Entschluss zum Abschluss fallen, könne er diesen reinen Gewissens machen. Zwar gelang ihm nie ein Sieg bei Europa- und Weltmeisterschaften sowie den Paralympics, „doch ich habe 14 wunderbare Jahre mit vielen Erfolgen erlebt. Dafür bin ich dankbar“, sagt der Schwimmer, der sich zuletzt auch schon mit viel Freude bei den Sitzvolleyballern des SC Potsdam und SCC Berlin ausprobierte. Womöglich eine neue sportliche Herausforderung für die Zukunft.

Durch Prothesen an beiden Beinen schon um 15 Zentimeter gewachsen

Der Sport habe ihn jedenfalls geprägt, ihn gestärkt. Gerade im Umgang mit seinem Handicap. Torben Schmidtke geht energisch und stolz durch das Leben. Und das inzwischen auch größer als früher. Nach der Amputation ist er bei seinen Prothesen nicht mehr auf die bisherige Länge des rechten Beines als Maßstab angewiesen, konnte stattdessen längere nehmen. Um 15 Zentimeter ist er durch die neuen „Ersatzteile“, wie er scherzhaft sagt, gewachsen. Auf 1,73 Meter. Bei den finalen Prothesen soll dann noch ein bisschen draufgepackt werden.

Doch schon jetzt sei er überwältigt von dem veränderten Blick auf die Welt: „Man staunt, dass so ein Unterschied tatsächlich ganz andere Perspektiven bietet.“ Vielleicht ist auch dieser neue Reiz ein Argument für ihn, sich vom Schwimmleistungssport zu verabschieden. Denn beim Kachelnzählen im Becken ändert sich der Ausblick nicht.

+++ Weltrekorde durch Gina Böttcher und Verena Schott +++

Bei der Internationalen Deutschen Meisterschaft in Berlin setzten Athleten des paralympischen Schwimmstützpunkts Potsdam dicke Ausrufezeichen. Gina Böttcher (SC Potsdam/SCP) steigerte über 200 Meter Lagen ebenso den Weltrekord ihrer Startklasse wie Verena Schott (Brandenburgischer Präventions- und Rehabilitationssportverein/BPRSV) über 200 Meter Rücken. Böttcher stellte auch noch einen Europarekord auf (50 Meter Schmetterling). Hinzu kamen für den Stützpunkt sechs Deutsche Bestmarken durch Böttcher (drei Rekorde), Schott und Peggy Sonntag (BPRSV/je einer). Das Trio kann sich berechtigte Hoffnung auf die Teilnahme an der Weltmeisterschaft im September in London machen. In Berlin überzeugten mit mehreren Medaillengewinnen auch die Nachwuchsakteure Maximilian Brabandt, Julian Hiersche und Laurin Walther (alle SCP).

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