Letzte Chance, ihn nochmal in Potsdam in Aktion zu erleben. Bernd Schröder, Macher des Frauenfußball-Bundesligisten Turbine Potsdam, steht am Sonntag letztmalig als Cheftrainer an der Seitenlinie des Karl-Liebknecht-Stadion. Foto: Jan Kuppert
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Bernd Schröder und Turbine Rekordversuch zum Abschied

Zum letzten Heimspiel von Cheftrainer Bernd Schröder empfängt Turbine Potsdam den Champions-League-Finalisten VfL Wolfsburg. Der Brandenburger Klub möchte dabei einen würdigen Rahmen schaffen. Über 7900 Zuschauer sollen ins Karl-Liebknecht-Stadion gelockt werden.

Die Marketingmaschine wurde mächtig eingeheizt: Ein Zuschauerrekord soll her, wenn am kommenden Sonntag der 1. FFC Turbine Potsdam im Karl-Liebknecht-Stadion den VfL Wolfsburg empfängt (Beginn: 14 Uhr). Der Bestwert ist 13 Jahre alt und liegt bei 7 900 Zuschauern. Die Partner des Potsdamer Frauen-Fußballbundesligisten rühren seit Wochen die Werbetrommel, um eine neue Höchstmarke zu erreichen. Im 45. Vereinsjahr wird das Stehplatzticket an der Tageskasse nur 45 Cent kosten, einen Sitzplatz gibt es für 4,50 Euro. Schon anderthalb Stunden vor dem Anpfiff beginnt ein Familienfest. Und vor allem: Es wird das letzte Heimspiel von Cheftrainer Bernd Schröder. Eine letzte Gelegenheit, den 73-jährigen Fußballlehrer in Aktion zu sehen und ihm nach vier Jahrzehnten missionarischer Arbeit in Sachen Frauenfußball Respekt zu zollen.

Gute Gründe also, ins „Karli“ zu gehen – trotz langem Himmelfahrts-Wochenende, Grillwetter und Konfirmationsfeiern. Sportliche Gründe, sich am Sonntagnachmittag Frauen-Fußball anzuschauen, liefert indes nur der VfL Wolfsburg. Die Mannschaft von Trainer Ralf Kellermann steht im Finale der Champions League sowie des DFB-Pokals und zwei Spieltage vor Saisonschluss auf dem zweiten Tabellenplatz in der Liga, der die erneute Qualifikation für die europäische Königsklasse bedeutet. Auf diese ist Wolfsburg heiß und mit dem 3:0-Erfolg am vergangenen Mittwoch gegen Hoffenheim wurde dafür ein großer Schritt getan. Sicher ist die Qualifikation noch nicht, gegen Verfolger Frankfurt müssen die aktuell vier Punkte Vorsprung verteidigt werden. „Schwächeln verboten“ heißt es daher beim VfL.

Turbine wurde dieses Jahr den eigenen Ansprüchen nicht gerecht

Turbine Potsdam hingegen ist in dieser Saison sportlich vieles schuldig geblieben. Platz acht bedeutet aktuell die schlechteste Platzierung seit Einführung der eingleisigen Frauen-Bundesliga 1997/98. Oft musste Schröder in der aktuellen Spielzeit erklären, dass die gezeigten Leistungen nicht der Anspruch des Vereins sind, der mit seinen Titeln in der Vergangenheit den deutschen Frauen-Fußball maßgeblich mitgeprägt hat. Aber: Den Worten folgten zu wenig Taten. Turbine wurde dem Anspruch und Schröders Einschätzung vor Saisonstart, eine konkurrenzfähige Mannschaft zu haben, nicht gerecht. Eine Fehleinschätzung von Beginn an? Sicher nicht, denn der erfahrene Schröder weiß die Qualität eines Kaders zu bewerten. Die Fähigkeiten und auch die Mentalität einer mit Nationalspielerinnen besetzten Mannschaft sollten in der Tat ausreichen, um zu den Top Vier der Liga zu gehören. Die nötigen Analysen und Schlussfolgerungen aus der schwachen Saison werden Aufgabe des künftigen Cheftrainers Matthias Rudolph sein.

Wie schnell der Ruhm verblasst, zeigen Kritiken in sozialen Netzwerken nach der 2:3-Niederlage am vergangenen Wochenende gegen den 1. FC Köln – dem Schlusslicht und bereits feststehenden Absteiger. Da wird Turbine etwa nur noch als Punktelieferant beschrieben.

Im Hinspiel gegen Wolfsburg verblüfften die Potsdamerinnen

Eben diese Rolle will man gegen Wolfsburg nicht spielen. Wer Schröder kennt, weiß, dass er vor Prestigeduellen dieser Art keinen Grund für große Ansprachen und Motivationsreden sieht. Auch wenn es am kommenden Sonntag kein Duell auf Augenhöhe ist, wie es in den vergangenen Jahren der Fall war: Es ist für Turbine eine günstige Gelegenheit, sich teilweise zu revanchieren für eine missratene Saison. Ihr letztes Gastspiel im Karl-Liebknecht-Stadion machten die Wolfsburgerinnen zu einer klaren Angelegenheit. Mit einem 3:0-Sieg beendeten sie am 9. Dezember 2015 im Viertelfinale des DFB-Pokals Turbines Hoffnungen auf eine Trophäe in diesem Jahr. Eine Woche zuvor allerdings hatten die Turbine-Spielerinnen einen Beweis dafür geliefert, weshalb Schröder sie eigentlich für wettbewerbsfähig hält: 5:2 gewann Potsdam das Hinrundenspiel beim – damals verblüfften – VfL. Eine Wiederholungstat wäre ein guter Grund, am Sonntag ins Stadion zu gehen.

Von den Vorzeichen, die am 15. Juni 2003 das damals letzte Saisonspiel prägten und 7 900 Zuschauer ins „Karli“ strömen ließen, ist Turbine weit entfernt. Zu Gast war der Erzrivale 1. FFC Frankfurt und bei einem Sieg wäre Turbine Deutscher Meister geworden. Das Spiel endete 0:0. Frankfurt jubelte. Bei Turbine gab es Tränen des Vize-Meisters, die man heute liebend gern schmecken würde.

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