Zwei Koffer von John Gersman hat der Potsdamer Jurist und Buchautor Wolfgang Weißleder erhalten. Foto: Andreas Klaer
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Über John Gersman Eine Potsdamer Familiengeschichte im Chaos der großen Weltpolitik

Als der Potsdamer Jurist und Buchautor Wolfgang Weißleder den Nachlass von John Gersman bekommt, ist ihm schnell klar, dass er ein Buch über den Potsdamer Juden schreiben muss. Der Holocaust-Überlebende hat einiges für seine Heimatstadt getan.

Potsdam - John Gersman hieß nicht immer so. Er wurde 1911 als Joachim Gersmann in Berlin-Charlottenburg geboren und wuchs im Wedding auf, bis die Familie 1927 nach Potsdam zog, weil die Eltern in der Brandenburger Straße 19 ein Herrenmodengeschäft übernahmen. Auch Joachim wurde Verkäufer und hätte ein ganz normales Leben führen können - doch die Nationalsozialisten verfolgten ihn und seine Familie, weil sie Juden waren.

Joachim muss aus Potsdam und Deutschland flüchten, er kann noch rechtzeitig  in die USA auswandern, seine Schwester Beate emigriert nach London. Alle anderen Mitglieder der Familie Gersmann werden im Holocaust ermordet. In den USA wird aus Joachim Gersmann John Gersman, der im Krieg auf Seiten der Alliierten kämpft, nach 1945 in Deutschland für den amerikanischen Geheimdienst arbeitet und sich  nach der Wende mit großzügigen Spenden für die jüdische Gemeinde seiner Heimatstadt Potsdam sowie den jüdischen Friedhof einsetzt und eine Stiftung gründet. Er lebt in Gießen, doch als er 2003 stirbt, wird er seinem Willen nach auf dem jüdischen Friedhof Potsdam beerdigt.

„Das Leben von Gersman ist allerbester Filmstoff“

Das Leben des John Gersman hat jetzt der Potsdamer Wolfgang Weißleder aufgeschrieben. „John Gersman. Flüchtling – Befreier – Besatzer – Wohltäter“, eine Potsdamer Familiengeschichte im Chaos der großen Weltpolitik, berührend und anschaulich erzählt, auch weil das Buch viele Fotos und originale Dokumente zeigt.

„Das Leben von John Gersman ist eigentlich allerbester Filmstoff“, sagt Regine Rüss von der Potsdamer Druckerei Rüss, die das Projekt unterstützt und das Material grafisch gestaltet hat. Ganz frisch ist die Entscheidung des Fördervereins des Potsdam-Museums, als Herausgeber zu fungieren. „Wir haben immer gerne Projekte zur jüdischen Geschichte in Potsdam unterstützt, leider gibt es dazu immer noch zu wenige“, so Vereinsvorsitzender Markus Wicke. Der Lebensweg von John Gersman, der die 20er Jahre erlebte, den Holocaust überlebte und den Zweiten Weltkrieg, die Zeit des Kalten Kriegs bis ins Heute, müsse unbedingt erzählt werden. „Auch Gersmans Wirken als Stifter verdient eine Würdigung.“ Für die Herstellungskosten von etwa 10 000 Euro, je nach Auflagenhöhe, will der Förderverein jetzt Spenden akquirieren.

Enge Freundschaft zu Gersmann

Neben der stadtgeschichtlichen Relevanz ist das Buch auch ein Herzenswunsch des Autors, der Gersman bei dessen Besuchen in Potsdam persönlich kennenlernte. „Da ist in all den Jahren eine enge Freundschaft entstanden“, sagt Weißleder. Diese Freundschaft ging so weit, dass er zuletzt Gersman persönlich zu Grabe trug. Weißleder ist kein Jude, er durfte das dennoch, weil er eine Art Ausbildung innerhalb der Gemeinde absolviert hat.

Er kennt sich mit den Ritualen und Praktiken aus. Weißleders Familie ist evangelisch. 1950 wird er in Thüringen geboren, studiert an der Humboldt-Universität Jura und entdeckt frühzeitig seine Neigung zur Forschung und Archivarbeit. Als junger Jurist arbeitet er ab 1977 an der Juristischen Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit in Golm, am Lehrstuhl zum wissenschaftlichen Kommunismus.

"Juden spielten in der DDR keine Rolle"

Seine Vergangenheit belastet Weißleder bis heute schwer, sie hat aber indirekt auch mit dieser und anderen Publikationen zu jüdischer Geschichte zu tun: Weil er nach 1990 wegen seiner Tätigkeit an der Stasi-Hochschule nur freiberuflich arbeiten kann, wird er aufgrund seiner Archiv-Expertise von der Jewish Claims Conference angefragt und gelangt darüber zu seinem ganz persönlichen Engagement für die jüdische Gemeinde Potsdam. Er forscht zu Biografien und Stolpersteinen. Für ihn ein ganz neues Arbeitsfeld: „Juden spielten in der DDR keine Rolle.“

Seine eigene Vergangenheit belastet Wolfgang Weißleder bis heute schwer. Foto: promo Vergrößern
Seine eigene Vergangenheit belastet Wolfgang Weißleder bis heute schwer. © promo

Als Gersmans Witwe vor wenigen Jahren starb, vermachte sie Weißleder viele persönliche Dokumente und Dinge ihres verstorbenen Mannes. Eine kostbare Taschenuhr mit dem Bildnis seiner Mutter, einen jüdischen Leuchter und zwei Aktenkoffer, die Gersman jahrelang nutzte, als er für den Geheimdienst arbeitete. Er habe sich sehr geehrt gefühlt, sagt Weißleder, der den Nachlass in Ehren hält und Besuchern gerne zeigt.

Viele Originaldokumente und Fotos

Zudem konnte aufgrund der Materialfülle, wie es sie selten für mit dem Holocaust verwobene Biografien gibt, das Buch nun üppig bebildert werden: Es zeigt Familienfotos, die von der Unbeschwertheit vor der Nazizeit erzählen. Das Fahrtenschwimmerzeugnis vom März 1926, das der 15-jährige Joachim für „45 Minuten Schwimmen in beliebiger Schwimmart“ erhält. Und das Arbeitszeugnis der Lindemann & Co., A.-G., heute Potsdams Karstadt-Kaufhaus, das ihm 1933 Ehrlichkeit und Fleiß bescheinigt – und einen Satz enthält, den man als Bedauern und Kritik an den Verhältnissen deuten könnte: „Infolge der Entwicklung der politischen Verhältnisse sind wir gezwungen, uns von den Angestellten jüdischer Konfession zu trennen.“

Es tut dem Buch gut, dass es einen starken Fokus auf Gersmans Weiterleben nach Nationalsozialismus und Holocaust legt. Es zeigt Dokumente zur Einbürgerung in den USA, zu seinem Eintritt in die Armee, zu seinem Dienst in Deutschland – wo er als deutscher Muttersprachler gefragt ist. Nach Kriegsende bleibt Gersman im Westen, lässt sich in Gießen nieder und arbeitet von dort aus mit seinem Wissen über den Ostblock für die Amerikaner. Im Buch finden sich ein Zertifikat über die Ausbildung an der „Intelligence and Military Police School“, Ehrungen und die Urkunden zur Pensionierung 1986. Als Pensionär hat er dann endlich Zeit für persönliche Erinnerungsarbeit.

Spenden für jüdische Gemeinde in Potsdam

Aber erst nach 1990 kann er seine Heimatstadt Potsdam besuchen und beginnt, sich mit seinem Vermögen – insgesamt eine sechsstellige Summe - für den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde und für Arbeiten auf dem vernachlässigten Friedhof am Pfingstberg einzusetzen. Er spendet für einen Gedenkstein, auf dem die bisher anonymen Potsdamer Opfer des Holocaust endlich namentlich erwähnt werden, für die Restaurierung von Grabsteinen und des Gärtnerhauses.

2001 richtet Gersman mit seiner Frau die Gersman-Stiftung unter dem Dach der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ein, und es gibt gemeinsame Besuche des damaligen Oberbürgermeisters Matthias Platzeck mit Gersman auf dem jüdischem Friedhof. Die Geschichte, die zu einem der vielen Namen auf dem Friedhof gehört, hat Weißleder jetzt aufgeschrieben. Nun sind die Potsdamer gefragt, das Buchprojekt mit ihrer Hilfe final umzusetzen.

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