Am Landgericht Potsdam sagte das Opfer Ina T. aus - und schilderte den Horrorüberfall auf ihre Familie.  Foto: Ralf Hirschberger/dpa
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Prozess um Horror-Überfall in Potsdam „Ich bin um mein Leben gerannt“

Im Prozess um den Einbruchsüberfall in der Potsdamer Bertinistraße sagte die angegriffene Frau aus. Ihre Schilderung war erschütternd – und warf eine neue Frage auf.

Potsdam - Es geht um einen Einbruchsüberfall von einer Brutalität, wie es sie in Potsdam selten gab – und für die angegriffene Familie war das Geschehen noch dramatischer als bislang angenommen. Am gestrigen Montag sagte Ina T.* vor dem Landgericht Potsdam zu den Geschehnissen in der Tatnacht im Juli 2017 aus. 

Es befanden sich noch weitere Kinder im Haus

Wie berichtet waren die heute 47-Jährige und ihr Mann in ihrem Haus in der Bertinistraße von zwei Einbrechern überrascht und brutal angegriffen sowie mit einem Messer bedroht worden, um Bargeld herauszugeben – was die beiden Hauptangeklagten John R. und Jorge H. vor Gericht bereits einräumten. Die minderjährige Tochter, die sich mit im Schlafzimmer der Eltern befand und durch den Krach erwachte, war von John R. zudem in den Würgegriff genommen und getreten worden. Was bislang nicht bekannt war: Im Haus befanden sich während des Überfalls drei weitere Kinder, darunter ein Kleinkind. Welche Ängste Ina T. um das Wohlergehen der Kinder – eines davon übernachtete als Gast bei der Familie – ausstehen musste und wie die Täter ihr drohten, davon berichtete sie am dritten Verhandlungstag vor Gericht. Fragen wirft zudem der Verbleib des laut T. ebenfalls an die Täter übergebenen Goldschmucks im Wert von rund 30 000 Euro auf.

Ihre einzige Sorge seien die Kinder gewesen

Ina T. wirkte emotional und dennoch gefasst, als sie aussagte. Wie sie in jener Nacht in einer Extremsituation die Geistesgegenwart behielt, Schaden von den übrigen Kindern abhalten und schließlich sogar fliehen und Hilfe holen konnte, scheint sie im Nachhinein selbst zu erstaunen. Ihre einzige Sorge seien die Kinder gewesen, sagte sie. Als die Polizei eintraf und sie Mann, Tochter und Kinder wiedersah, war sie offenbar derart erleichtet, dass sie die eigenen Verletzungen trotz kräftiger Blutungen etwa am Kopf zunächst gar nicht wahrnahm. Sie habe dann unter anderem einige Tage im Rollstuhl gesessen, weil sie nicht mehr laufen konnte, hatte mehrere Wochen Schmerzen.

Erwacht sei sie in der Nacht, als ihr Mann wegen der Einbrecher bereits das Schlafzimmer verlassen hatte – wenig später sei er von den Tätern ins Zimmer zurückgedrängt und zu Boden gestoßen worden. Es folgen rund 25 Minuten, die T. wie eine Ewigkeit vorkamen: „Das war wie eine Endlosschleife.“

Angeklagter attackierte die Frau, brülle, forderte Geld

Während Jorge H. ihren Mann mit einem Pizzamesser am Boden hielt und mit weiterer Gewalt seitens seines Komplizen drohte, habe John R. sie erst geschlagen und getreten, dann gegen ein Regal gestoßen und auch die Tochter attackiert. Dabei habe er gebrüllt und immer wieder Geld gefordert. Ina T. beschreibt John R. als außer Kontrolle, er sei „wie ein Pflug“ vorgegangen. Als er die Tochter unter dem Arm würgte, habe sie sie bereits leblos gewähnt. Jorge H. habe seinen Komplizen dabei „aufgestachelt, aggressiv zu sein“, berichtet die Mutter. Sie habe R. schließlich Bargeld aus dem Arbeitszimmer, später weiteres Geld und Silbermünzen aus dem Tresor – insgesamt 3000 Euro. H. wiederum habe ihren Mann mit einer gefüllten Wasserflasche gegen den Kopf geschlagen. Ihm habe sie ihren Goldschmuck gegeben – T. schätzt den Wert auf 30 000 Euro. Wiederbekommen habe sie bis auf Einzelstücke nichts.

Schließlich habe sie John R. im Versprechen auf mehr Geld von der Tochter weg vor die Haustür locken können. Dort habe er ihr gedroht: „Wenn Du jetzt gehst, sind alle tot.“ Trotzdem sei sie losgelaufen, wollte Hilfe holen: „Ich bin um mein Leben gerannt.“ Ein Nachbar habe sie aufgenommen, von dort sei die Polizei alarmiert worden, die die zwei nun Hauptangeklagten John R. und Jorge H. wenig später in der Berliner Straße festnahm. R. und H. baten Ina T. nach ihrer Aussage vor Gericht um Entschuldigung, wofür diese sich bedankte: „Mein größter Wunsch ist, dass Sie so etwas nie wieder machen.“

Männer vermuteten 140.000 Euro im Haus

Zur Sprache kam auch die Putzfrau der Familie, die von den Angeklagten zuvor als Informationsquelle genannt worden war (PNN berichteten). Sie soll im Gespräch mit den Eltern eines der Angeklagten von großen Bargeldsummen berichtet haben. Während der Angeklagte, der die Putzfrau direkt gehört hat, keine genaue Summe nannte, hatten die anderen Männer eine im Haus vermutete Summe von 140 000 Euro „Schwarzgeld“ angegeben. Den Vorwurf, es gebe Schwarzgeld, wies Ina T. am Montag zurück. Zwar habe die Familie mitunter größere Bargeldsummen im Haus, sagte die Selbständige – etwa, weil Kunden bar bezahlten oder Geld für Handwerker vorgehalten werde. Dabei habe es sich aber bei weitem nicht um die von den Angeklagten angegebene Größenordnung gehandelt.

Vor Gericht nahm auch der vierte Mitangeklagte Nico N. Stellung. Der 25-Jährige war erst im Laufe der Tatnacht dazugeholt worden, dann aber mit dem Mitangeklagten Florian G. in dessen Auto zurück nach Berlin gefahren. Laut seiner Erklärung war es Jorge H., der die Tat mit Hilfe von G. plante. Er selbst habe sich nicht beteiligen wollen, weil im Haus Licht gebrannt habe und der Überfall „dilettantisch vorbereitet“ gewesen sei.
*Name von der Redaktion geändert

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