Nach einem brutalen Einbruchsüberfall in der Bertinistraße müssen sich vier Berliner am Landgericht Potsdam verantworten. Foto: Foto: Ralf Hirschberger/dpa
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Prozess um Horror-Überfall in Potsdam Die Lügengeschichte vom Flüchtling

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Im Prozess um den Horrorüberfall in der Potsdamer Bertinistraße sagte der angegriffene Mann aus: Demnach tischte ihm sein Peiniger noch eine erfundene Geschichte auf.

Potsdam - Die Szenen, die Frank T.* vor Gericht schilderte, sind ein Albtraum: Von einem Angreifer mit einem Messer am Boden gehalten, konnte er nur hilflos zusehen, wie seine Frau von einem zweiten Angreifer brutal geschlagen und getreten wurde und der Mann zudem seine minderjährige Tochter in den Würgegriff nahm und sie ins Badezimmer schleifte. Welche Schrecken T., seine Frau Ina* und die vier im Haus befindlichen minderjährigen Kinder in der Nacht auf dem 25. Juli 2017 durchstehen mussten, wurde am Montag beim vierten Verhandlungstag im Prozess um den brutalen Einbruchsüberfall in der Bertinistraße vor dem Landgericht Potsdam einmal mehr deutlich.

Eines der Kinder konnte der Polizei mit genauen Beobachtungen helfen

T. wirkte bei seiner Aussage bewegt, kämpfte mehrfach mit den Tränen. Nicht nur die von den Tätern direkt angegriffene Tochter, auch die drei anderen Kinder, darunter ein Kleinkind und ein Übernachtungsgast, erwachten durch den Lärm im Haus, wie T. berichtete. Offenbar handelten sie instinktiv richtig und verhielten sich ruhig, so dass die Angreifer sie nicht bemerkten. Eines der Kinder habe mit genauen Angaben zur Kleidung der Männer sogar zur schnellen Ergreifung beitragen können, betonte der Vater. 

Wie berichtet waren die zwei jetzt Hauptangeklagten John R. und Jorge H. – beides Berliner mit kubanischem Pass, die seit längerem in Deutschland leben – von der Polizei noch in den Morgenstunden des 25. Juli in der Berliner Straße festgenommen worden. Sie sitzen in Untersuchungshaft, haben vor Gericht bereits Geständnisse abgelegt. Mitangeklagt sind zwei weitere Berliner: Florian G., in dessen Auto die Männer nach Potsdam gelangten, und Nico N., der zunächst als vierter Mann hinzugeholt wurde, sich vor Ort aber gegen eine Beteiligung entschied. G. und N. verschwanden irgendwann mit dem Auto, wobei der genaue Zeitpunkt unklar ist, die Angeklagten widersprachen sich.

Im Haus brannte auch sehr spät noch Licht

Was sich nach der Aussage von Frank T. immer deutlicher abzeichnet: Ein möglicher Einbrecher hatte an dem Abend mit Menschen im Haus rechnen müssen. T. ist nach eigener Aussage erst gegen 3.30 Uhr ins Bett gegangen. Vorher habe er bei Licht im Wohnzimmer, wo es keine Vorhänge gebe, Arbeit erledigt und Fernsehen geschaut. Das Licht im Haus hatte zuvor bereits N. als Grund dafür angegeben, sich an dem Überfall doch nicht beteiligt zu haben. Jorge H. wiederum hatte vor Gericht eingeräumt, man habe mit einem Mann im Haus gerechnet, den man bedrohen und zur Herausgabe des vermuteten Geldes – die Hauptangeklagten gingen von 140 000 Euro Bargeld aus – bewegen wollte. John R. hatte dagegen behauptet, man habe die Familie im Urlaub gewähnt.

In der Tatnacht sind die Einbrecher offenbar auch gezielt in die erste Etage in Richtung Schlafzimmer gegangen: Andere Zimmer oder Schränke seien – bis auf die Nebenküche, durch die sich die Männer Einlass verschafften – nicht durchsucht worden, sagte T. Die Angreifer hätten dann immer wieder mehr Geld verlangt, auch als seine Frau bereits etwa 3000 Euro übergeben hatte. T. beschrieb das Vorgehen der Männer als „arbeitsteilig“: Während H. mit einem Messer als eine Art „Verhandlungsführer“ agiert und vergleichsweise ruhig gewirkt habe, habe John R. teils „wie ein wildes Tier“ auf seine Frau eingetreten und geschlagen. H. habe gedroht, dass er für nichts garantieren und R. ausrasten könne, wenn man nicht das Geld herausrücke.

Jorge H. soll sich als syrischer Flüchtling ausgegeben haben

Jorge H. versuchte während des Überfalls offenbar auch, eine falsche Spur zu legen: Er habe seinen Komplizen mit dem Namen „Ahmad“ angesprochen, berichtete T. Kurz bevor H. das Haus verließ, habe er ihm – ungefragt und unvermittelt – seine vermeintliche Lebensgeschichte erzählt. Dabei habe er sich als Flüchtling aus Syrien ausgegeben, der seine Familie im Krieg verloren und nun „in diesem Scheißland Deutschland keine Chance“ hätte.

Wie sehr T. der Überfall bis heute belastet, wurde ebenfalls deutlich. Der Hochschullehrer berichtete von Vorwürfen, die er sich seitdem macht, und Grübeleien. Die Kinder hätten Angst im Haus. Früher habe er sagen können: „Du musst keine Angst haben, Papa passt auf Dich auf.“ Das gehe nicht mehr. „Auf einmal merken Sie, dass Sie nichts tun können. Sie können auf Ihre Kinder nicht aufpassen.“ Eigentlich sei das Haus der Familie immer ein offener Ort gewesen, man habe zum Beispiel bewusst keinen Zaun gewollt. „Alles abzugrenzen ist mir zutiefst zuwider.“ Nun sei er ins Nachdenken gekommen: „Offensichtlich haben alle anderen recht.“ Das Leben der Familie sei ein anderes geworden: „Wir funktionieren, aber wir funktionieren nicht mehr so wie früher.“

Die Erklärungen der Hauptangeklagten nahm T. mit Skepis auf

Wie schon bei Ina T. baten die beiden Hauptangeklagten auch Frank T. um Verzeihung. T. nahm die Erklärungen mit Skepsis auf und verwies auf Unstimmigkeiten in den Aussagen der Angeklagten. „Das macht mich wütend.“ Ehrlichkeit sei Voraussetzung für Verzeihen.
 

*Namen von der Redaktion geändert

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