Zofia wohnt im Staudenhof.  Foto: Ottmar Winter
© Ottmar Winter

PNN-Serie: Wir im Staudenhof „Ich habe mich in Potsdam verliebt“

Über die Zukunft des Wohnblocks Staudenhof diskutiert Potsdam seit Jahren. Doch wer lebt dort eigentlich? Wir stellen zehn Bewohner vor. Heute: Zu Gast bei Zofia.

Stolz ist Zofia nicht auf ihr Wohnhaus. „So wie die Fassade aussieht!“, sagt die 62-Jährige: „Ein Schandfleck.“ Vor gut fünf Jahren hat sie ihre Einraumwohnung in dem Wohnblock in Potsdams Mitte bezogen. Der Staudenhof, der brauche eine ordentliche Sanierung. Mit einer neuen Fassade würde er auch wieder in die Mitte passen, findet Zofia. „Und die Wohnungen müssten etwas größer sein, anderthalb Zimmer wären perfekt.“ Dann müsste ihr Bett nicht im Wohnzimmer stehen. Zofia hat die Ecke mit einem Vorhang vom Zimmer abgetrennt, um wenigstens etwas Privatsphäre zu schaffen. Umso enger ist es natürlich auf der verbleibenden Fläche.

Über der Sitzecke im Wohnzimmer steht eine riesige Monstera-Pflanze, auch auf der Schrankwand sind Pflanzen verteilt. An der Wand hängt ein aus Weidenruten kunstvoll geflochtener Rahmen, verziert mit herbstlichen Blättern, Zweigen und kleinen Vögelchen. Selbst gemacht, erzählt Zofia: „Bücher und Blumen, das sind meine Hobbys.“ Ein leichter Akzent färbt ihr perfektes Deutsch. Dass sie gebürtige Polin ist, würde kaum jemand erraten können.

Seit 30 Jahren lebt sie allein

Tatsächlich hat Zofia ihr ganzes erwachsenes Leben in Deutschland verbracht. Keine 18 Jahre alt war sie, als sie der Liebe wegen aus ihrer Geburtsstadt, dem polnischen Krakau, in die DDR übersiedelte. „Hier sind meine vier Kinder geboren, hier bin ich zu Hause“, sagt sie. Drei Enkel gibt es mittlerweile. Mit dem Mann ist sie längst nicht mehr zusammen, seit gut 30 Jahren lebt sie allein.

Potsdamerin ist Zofia erst seit dem Einzug in den Staudenhof. Wegen einer neuen Arbeit sei sie 2013 aus Sachsen-Anhalt in die Region gekommen, erzählt sie. Erst habe sie in einem Zimmer in Berlin gewohnt. Weil sich die Wohnungssuche in der Bundeshauptstadt als aussichtslos erwies, sei sie dann auf Potsdam gekommen. Schließlich kann sie auch von hier aus mit der Bahn zur Arbeit pendeln. Schon beim ersten Besuch tat es ihr die Stadt mit dem vielen Grün und Wasser an, dazu die Museen und Schlösser: „Das kann man mit keiner anderen Stadt vergleichen – ich habe mich richtig in Potsdam verliebt“, schwärmt Zofia.

Zofia hatte schon viele Jobs

Dabei hat sie schon viel probiert. Sie lebte einige Jahre in einer Kleinstadt bei Magdeburg, dann in Mannheim und zuletzt in Halle an der Saale. Auch beruflich hat sie schon vieles gemacht: Noch in Polen absolvierte sie eine Lehre zur Elektrotechnikerin. In der DDR dann arbeitete sie zuerst als Reinigungskraft – „wegen der Sprachbarriere“ –, dann als Schaltschrankreparateurin. Als Lagerlogistikerin und im Transport habe sie gearbeitet und bei der Volkssolidarität als Pflegekraft. Auch selbstständig sei sie eine Zeit lang gewesen: Auf Märkten verkaufte sie Geschenkartikel und Unterwäsche. „Wie sagt man so schön: Fliegender Händler.“

Heute arbeitet Zofia als Elektrofachkraft in einem Unternehmen in Berlin-Zehlendorf, das unter anderem Teile für Medizintechnik wie etwa Beatmungsgeräte herstellt. Es ist ein Job in Schichtarbeit, aber Zofia ist zufrieden. Momentan arbeite sie öfter an den Wochenenden, erzählt sie. Denn sie spart für eine Renovierung ihrer Wohnung. Neue Farbe an den Wänden und neue Möbel wünscht sie sich. „Die Schrankwand soll raus, der Fernseher auch“, sagt sie: „Der frisst mir zu viel Strom.“

Der Staudenhof hat eine Renovierung nötig, meint Zofia

Eine Renovierung hat auch der Staudenhof nötig, findet Zofia. Nicht nur die heruntergekommene Fassade ärgert sie. Auch die Sauberkeit im Haus, speziell im Fahrstuhl und in den Treppenhäusern, lasse zu wünschen übrig. Die ständig laufenden Heizkörper und das permanent brennende Licht in den langen Fluren stören sie. „Wieso gibt es keine Lampen mit Bewegungsmelder?“, fragt sie: „Das würde auch Strom sparen!“ Die Miete sei in den letzten Jahren immer wieder erhöht worden, fast 400 Euro warm zahle sie nun. Für die Wohnung im Staudenhof habe sie sich damals wegen der zentralen Lage entschieden. „Ich bin schnell am Bahnhof, die Tram ist vor der Tür.“ Auch der Fahrstuhl im Haus war ihr wichtig: Wegen einer Arthrose könne sie nicht mehr so viele Treppen steigen, erzählt Zofia.

Dass die historische Mitte in Potsdam wiederaufgebaut wird, findet die 62-Jährige gut. Von ihrem Balkon aus hat sie einen unverstellten Blick auf das Alte Rathaus, das Museum Barberini und die Nikolaikirche. „Ich finde das schon schön“, sagt sie: „Aber diese hohen Mieten!“ Die machen Zofia auch mit dem Blick auf die Zukunft Sorgen. „Wenn der Staudenhof abgerissen wird, hoffe ich, dass Sozialwohnungen gebaut werden“, sagt sie: „Und zwar hier im Zentrum, nicht irgendwo am Stadtrand.“

Noch vier Jahre hat Zofia bis zur Rente. Eigentlich will sie in Potsdam bleiben. „Mal sehen, wie lange es klappt“, sagt sie: „Wenn die Rente nicht reicht, dann muss ich auswandern.“ Bulgarien kann sie sich zum Beispiel vorstellen: „Irgendwo, wo man in Würde leben kann – als Rentner.“

HINTERGRUND 

Der Wohnblock mit der Adresse Am Alten Markt 10 wurde 1971 bezogen. Benannt ist er nach der gleichnamigen, bereits abgerissenen Grünfläche.  

182 Wohnungen gibt es in dem Wohnblock, die meisten haben ein Zimmer und sind genau 30,25 Quadratmeter groß. Nur einige wenige an der nordwestlichen Gebäudeecke haben vier Zimmer und rund 100 Quadratmeter - wie jene von Ludmila und ihrer Familie. 30 Wohnungen werden außerdem als Flüchtlingsunterkunft genutzt, der sogenannte Wohnungsverbund wurde 2014 gestartet. 

Wie es mit dem lange unsaniertem Bau weitergeht, ist noch nicht entschieden. Die Eigentümerin, die kommunale Pro Potsdam, favorisiert einen Abriss. Auch viele Stadtpolitiker sind gegen Erhalt und Sanierung. 

Zum Abschluss unserer Serie erscheint am Samstag eine Sonderseite mit großer Reportage und allen Hintergründen zum Staudenhof. 


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