Das Gelände des Oberlinhauses Babelsberg Foto: Andreas Klaer
© Andreas Klaer

Oberlinhaus in Babelsberg Für jene, die es besonders schwer haben

Nach der Gewalttat in Babelsberg: Die Tragödie trifft einen Verbund mit 150-jähriger Geschichte. Was steckt hinter dem Oberlinhaus? Ein Hintergrund.

Potsdam - „Ein Ort zum Leben“ nannte Friedrich-Wilhelm Pape sein 1999 herausgegebenes Buch zur Geschichte des Oberlinhauses. Anlass war das 125-jährige Bestehen. In diesem Jahr wird der Verein 150 Jahre alt. Das Motto, das der Pfarrer und langjährige Oberlin-Direktor Pape seinem Buch gab, umfasst in seiner Schlichtheit und Direktheit genau das, was „Oberlin“, wie der Verbund in Potsdam oft knapp benannt wird, ausmacht: Es geht um die Teilhabe jedes einzelnen und gerade derer, die es aufgrund von körperlicher oder geistiger Behinderung oder Krankheit besonders schwer haben in dieser Welt.

Als der Verein 1871 gegründet wird, ist Nowawes eine arme Arbeitersiedlung. Diakonissen, unter ihnen Thusnelda von Saldern, wollen zunächst vor allem den Kindern helfen und gründen eine „christliche Kleinkinderschule“. Bald werden hier auch Lehrerinnen ausgebildet. 1879 wird das Diakonissen-Mutterhaus gebaut, 1890 das Krankenhaus eröffnet – der Kaiser gab 5000 Mark dazu. 1905 wurde die Oberlinkirche im Beisein von Kaiserin Augusta eingeweiht. Namenspatron der Einrichtungen ist der Pfarrer, Pädagoge und Sozialreformer Johann-Friedrich Oberlin. Sein Grundsatz: "Erzieht eure Kinder ohne zuviel Strenge … mit andauernder zarter Güte, jedoch ohne Spott.“

Beginn der Taubblindenarbeit

Die Behindertenarbeit entsteht schrittweise. Zunächst kommen aus den armen Wohnvierteln Kinder mit Behinderungen oder schweren Krankheiten zu den Diakonissen. Während die Eltern ihnen nicht helfen können, werden sie im sogenannten Krüppelheim der Diakonissen betreut, medizinisch behandelt und vor allem nach modernen Methoden gefördert. 1887 kommt Hertha Schulz als das erste taubblinde Kind in die Obhut der Schwestern. Es ist der Beginn der Taubblindenarbeit, die damals einzigartig ist. Bis 1962 ist Oberlin in Babelsberg in ganz Deutschland die einzige Bildungseinrichtung für Menschen mit dieser Behinderung.

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Der Verein wächst und übersteht die Weltkriege und die DDR. Die kirchliche, hochspezialisierte Einrichtung wird gebraucht. Nach der Wende ergeben sich wirtschaftlich neue Chancen. Oberlin investiert zunächst in Babelsberg. Wo bis dahin der rote Backstein dominiert, entstehen moderne Neubauten, darunter neue Gebäude für die Fachklinik für Orthopädie und die Oberlinschule, teils mit Internatsplätzen. Wartelisten gibt es für beide Einrichtungen.

Eine Umgebung, die alle willkommen heißt

Die Wohnstätten für behinderte Menschen wie das 2010 eröffnete Thusnelda-von-Saldern-Haus sind ein sehr komplexes Geflecht. Manche Bewohner leben hier vorübergehend, beispielsweise nach einer schweren Erkrankung wie einem Schädel-Hirn-Trauma. Für andere ist der Campus dauerhaft Zuhause – mit Spielplatz, Sinnesgarten und dem Campus-Park, alles barrierefrei. Eine Umgebung, die alle willkommen heißt, die hier eintreten.

Das Thusnelda-von-Saldern-Haus in der Rudolf-Brietscheid-Straße Foto: Ottmar Winter PNN Vergrößern
Das Thusnelda-von-Saldern-Haus in der Rudolf-Brietscheid-Straße © Ottmar Winter PNN

Insgesamt 15 Gesellschaften an 26 Standorten in Potsdam, Berlin und Brandenburg gehören heute zum Verbund Oberlinhaus: Kindergärten, Schulen, die Fachklinik, Rehaeinrichtungen und Wohnstätten und Werkstätten für Behinderte. Das Besondere ist, dass die Betreuung behinderter Menschen mit sehr hoher Fachlichkeit und Spezialisierung erbracht werde. Zudem seien Leben und Arbeiten bei Oberlin von einem starken Gemeinschaftssinn und Verantwortung füreinander geprägt. Dort begegnen sich junge und alte Menschen, mit schweren Mehrfachbehinderungen, chronischen Krankheiten, in Krisensituationen oder wenn sie mit dem schnellen Leben in der Welt draußen nicht Schritt halten können und einen geschützten Ort brauchen. 

An der Oberlinschule können Jugendliche anerkannte Abschlüsse erreichen, im Berufsbildungswerk einen Beruf für ein selbst bestimmtes Leben erlernen. In den Werkstätten auf Hermannswerder finden Menschen mit Behinderung einen sinngebenden Arbeitsplatz.

Beratung und Begleitung von Familien

Wichtiges Tätigkeitsfeld ist zudem die ganzheitliche Beratung und Begleitung von Familien mit behinderten Kindern, dazu gehören moderne Diagnostik, Behandlung, pädagogische und therapeutische Arbeit. Herzstück des Verbunds ist nach wie vor der ursprüngliche, von den Diakonissen gegründete Campus zwischen Rudolf-Breitscheid-Straße, Alt Nowawes und Garnstraße. Fest verwurzelt im historisch geprägten Stadtteil Babelsberg. 

Bewohner aus den Heimen, Diakonissen und auch die vielen markanten Oberlin-Schulbusse gehören zum lebendigen Stadtbild. Die gar nicht so kleine Kirche ist öffentlicher Veranstaltungsort für Konzerte und die jährliche Oberlinrede prominenter Gäste. Dass 2017 Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hier sprach, war eine besondere Würdigung der Arbeit des Vereins – und der etwa 2000 Beschäftigten. Der Träger ist einer der größten Arbeitgeber der Region und der drittgrößte der Stadt. Aktuell wird weiter investiert, in der Babelsberger Glasmeisterstraße sollen in den kommenden Jahren barrierefreie Wohnungen, Arzt- und Therapiepraxen sowie eine Kita entstehen.

Abrissarbeiten auf dem Gelände des Vereins "Oberlinhaus" in der Glasmeisterstraße. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Abrissarbeiten auf dem Gelände des Vereins "Oberlinhaus" in der Glasmeisterstraße. © Andreas Klaer

Was Besuchern nur auf Anfrage gezeigt wird, ist der wertvolle Fundus historischer Möbel und Gegenstände auf dem Speicher eines Hauses – ein kleines Museum beinahe, das die Geschichte der Arbeit des Oberlinvereins sehr anschaulich illustriert. Viel ist seit den Anfängen dort entstanden. „Ein Ort zum Leben“, schrieb Pfarrer Pape. Das ist immer noch das Wichtigste.


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