Vor dem Griff zum Bohrer erstmal den Beipackzettel der Dübelpackung lesen, rät Steffi Pyanoe. Foto: dpa
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Kolumne PYAnissimo Dübel-Dilemma

Der Einsatz von Dübeln ist nicht immer so einfach wie es scheint. Wurde am Beispiel des BER-Flughafens gerade deutlich. Vielleicht ist der richtige Dübel aber auch einfach Glücksache, glaubt Steffi Pyanoe.

Der Flughafen sollte mir schnurz sein, schließlich ist das eine Stadtkolumne. Aber es hilft nichts, das Dübel-Dilemma geht mir seit der letzten Katastrophenmeldung vom BER nicht mehr aus dem Kopf. Und jetzt ist auch noch Heidi Hetzer gestorben. Die Berlinerin hat sich meines Wissens nie zum BER geäußert. Aber wenn, was hätte die gelernte Automechanikerin gesagt? Vermutlich: Einfach mal die Frauen ranlassen.

Frauen denken nämlich vorausschauend. Wenn ich beim Kochen mit beiden Händen im Boulettenfleisch stecke, weiß ich genau, wie ich später mit dem Knie die Tür zum Mülleimer öffne, um die Eierschalen wegzuwerfen, und anschließend mit dem Ellenbogen den Wasserhahn aufdrehe, zum Händewaschen. Männer entscheiden sich in solchen Situationen gerne für ein Inklusive-Katastrophenmanagement: Schatzi, kannst du mal bitte...!?Und wo ist jetzt schon wieder...?!

Oder für Prinzip Hoffnung wie am Flughafen: Wird schon klappen mit der nachträglichen Abnahme tausendfach eingebauter Weichgummis an sicherheitsrelevanten Punkten. Solche „vorhabenbezogenen Bauartengenehmigungen“ gibt es eh schon eine ganze Menge am Flughafen, hieß es. Das sollte uns vermutlich beruhigen. Ich finde das eher sehr besorgniserregend.

Frauen, da bin ich mir sicher, hätten sich nie in so ein Dübelproblem reingesteuert. Die hätten vor dem Griff zum Bohrer erstmal den Beipackzettel der Dübelpackung gelesen. Wenn das Teil bauaufsichtlich zugelassen ist, muss das nämlich draufstehen. Mit Montageanleitung in Wort und Bild. Männer bevorzugen zum Erkenntnisgewinn die Methode learning by burning. Ist halt in einem öffentlichen Gebäude eher schlecht.

Was tun? Hilfe gibt’s in diversen Heimwerkerforen oder praktischen Kursen, die Baumärkte regelmäßig anbieten, auch in Potsdam. Bei Toom findet man „Bohren und Dübeln“ inklusive Einführung in „Sicherheitsbestimmungen“. Als Einsteigerkurs gendergemischt oder exklusiv für Frauen. Das Programm ist identisch. Allerdings dauert der gemischte Kurs drei bis fünf Stunden, der für Frauen immer fünf. lch dachte erst, die halten uns für blöder, aber wir Frauen sind einfach nur gründlicher. Hellweg in Geltow veranstaltet Anfang Juli gleich eine ganze Ladies Night und auch dort gibt’s einen Kurs „Bohren, schrauben, dübeln“. Die Anmeldung läuft. Die Volkshochschule hat Heimwerken leider nicht im Programm. Das Projekthaus Babelsberg bietet immerhin das Erlernen von Tischler-Grundtechniken und im Freiland existiert eine „mach-bar“.

Keine Ahnung, wo man sonst das Dübeln lernen kann. Vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass es Glückssache ist, ob so ein Schraub, Stab-, Metallspreiz-, Kunststoff- oder Kipp-Dübel oder Hinterschnittanker passt und hält und hält. Und was wären wir ohne die vielen unterhaltsamen Geschichten von heruntergefallenen Deckenlampen oder Bücherregalen? Die gibt’s in jeder Familie, eine auch bei uns. Die Eltern hatten Besuch, der mehrere Stunden auf der bequemen Couch saß. Über ihnen an der Wand drei Zentner Bücher verteilt auf eine mehrere Quadratmeter große Hänge-Regalwand, die sich netterweise erst dann aus der Verankerung löste, während die Gäste an der Haustür verabschiedet wurden. Die Fehleranalyse ergab, dass die Masse zum Verspachteln diverser Dübel-Löcher mit Tapetenleim, nicht mit Gips angerührt worden war. Da hatte auch jemand das Kleingedruckte auf der Tüte nicht gelesen. Ob eine „vorhabenbezogene Bauartengenehmigung“ vorlag, ist nicht überliefert.

Unsere Autorin ist freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Babelsberg.

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