Hella Dittfeld ist langjährige Redakteurin und jetzt freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Potsdam. Foto: Sebastian Gabsch
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Kolumne | Etwas Hella Wie ich versuche, die Jugend zu verstehen

Hella Dittfeld

Keine Disko, kein Lagerfeuer, kein Spaß: PNN-Kolumnistin Hella Dittfeld zeigt Verständnis für die unteramüsierte Potsdamer Jugend zu Corona-Zeiten.

Potsdam - Man muss die Teenies verstehen. Sie haben es am schwersten in Corona-Zeiten. Keine Diskos, keine Massenfeste, kein Spaß mit der Super-Clique in finsterer Nacht. Am Lagerfeuer singen dürfen sie auch nicht - wegen der Trockenheit und der Coronaviren. Und wenn es mal beim Grasrauchen in gemütlicher Runde zu laut wird, sorgen sich die Nachbarn und rufen die Polizei. Und dann müssen sie sich auch noch von einem achtjährigen Bengel anhören, dass sie Umweltsünder sind und ihren Müll auf dem Schulhof einfach liegen lassen. Im Kino tobt ebenfalls nicht gerade das Leben, die Blockbuster liegen noch in der Schublade. Denn außer in Babelsberg werden in der Welt wegen Corona kaum noch Filme gedreht (in Hollywood haben sich Studios und  Gewerkschaften erst diese Woche nun auf ein Corona-Konzept geeinigt). Wenn erst der Impfstoff... Aber wer weiß, fürchten die Jugendlichen, ob sie dann noch welche sind.

Andere suchen sich Hobbies

Man könnte sich natürlich auch als junger Mensch mit einem Hobby beschäftigen oder sich gemeinnützig einbringen oder im Haushalt der Eltern etwas Nützliches tun. Aber doch nicht als Freizeitspaß! Es soll ja trotzdem junge Leute geben, die all so etwas machen, doch die im Dunkeln Fleißigen, die sieht man meistens nicht.

Ich zum Beispiel mache gerade aus meinen regenarm aufgewachsenen etwas klein geratenen Äpfeln einen leckeren Saft, koche Marmelade ein, bemale Steine, die ich in einer unserer Partnerstädte deponieren will, wenn ich denn wieder reisen darf. Und ich entwerfe ein neues Sofakissen, dass ich farbenfroh besticken will. Ist natürlich alles ziemlich omamäßig und nichts für hippe junge Leute.

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Am Wochenende bin ich frohgemut vom Schiff gestiegen, nachdem die Havel leider nicht in Flammen aufgegangen war. Hier und da ein Feuerchen oder Laserstrahlchen auf dem Wasser hätte mir schon gefallen. Immerhin wurde im Waldbad Templin ein fröhliches Feuerwerk in den Himmel geschossen. Doch was müssen die Jugendlichen, die sich am Hafenbecken aufhielten, gedacht haben? Wenn ich es richtig deuten konnte, dann das: Na ja, typische Rentnerveranstaltung. Wahrscheinlich Musik aus dem Fünfzigern und Sechzigern, und nicht mal dazu durfte getanzt werden. Durfte doch. Allerdings, wie uns die nette Kellnerin sagte: „Nur am Tisch und sitzend.“ Ging auch, aber abhotten konnte man das natürlich nicht nennen. Außerdem habe ich mich ob meiner Freude über das Feuerwerk ein bisschen geschämt, denn die Ballerei ist nicht umweltverträglich.

Fridays for Future im Aufwind

Wenigstens sparen wir die Feuerwerkersinfonie im Volkspark ein. Und deshalb bekommen hoffentlich ich und die Initiatoren des Feuerwerks keinen Ärger mit der Klimaschutzbewegung Fridays for Future, die ja ganz speziell junge Leute ins Leben gerufen haben. Bei den Heizstrahlern für draußen könnte man wegen der Umwelt vielleicht ganz schnell noch ein Strom-Pendant erfinden. Sie sehen, ich versuche die Jugend zu verstehen.

Es wundert mich übrigens, dass in Potsdam noch keine Spaßdemo angekündigt wurde, bei der alle die zum Krakelen kommen, denen sonst nichts Besseres einfällt. Da lobe ich mir bei allem Verständnis für junge unteramüsierte Leute denn doch, dass Potsdam dafür offenbar zu klein und zu spießig ist.

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