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Heiligabend vor 30 Jahren wurde die Mauer geöffnet Als Groß Glienicke wieder gemeinsam Weihnachten feierte

In der Groß Glienicker Dorfkirche fand zu Heiligabend 1989 ein ganz besonderer Gottesdienst statt. Ost und West konnten endlich wieder gemeinsam daran teilnehmen.

Potsdam - Burkhard Radtke steht am Straßenrand. Mit dem rechten Arm zeigt er auf eine Fläche. Halbwüchsige Bäume stehen dort. Und links daneben ist eine schmale Schneise zu sehen, auf der Gras wächst. „Hier kam die Mauer durch den Gutspark“, sagt der Groß Glienicker. Ein paar Meter von Radtke entfernt, direkt an der Bundesstraße 2 im Norden Groß Glienickes, steht ein Schild. „Hier waren Deutschland und Europa bis zum 24. Dezember 1989 um 8 Uhr geteilt“, heißt es dort in weißen Lettern auf braunem Grund. Die Mauer, von der Radtke spricht, war die Staatsgrenze der DDR. Im Gutspark von Groß Glienicke am Rande der heutigen B 2 gab es nicht die typischen Betonsegmente, sondern Zäune, mit denen man Fluchten aus der DDR verhindern wollte.

Die Dorfkirche Großglienicke wurde durch die Mauer für manche unerreichbar. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Die Dorfkirche Großglienicke wurde durch die Mauer für manche unerreichbar. © Ottmar Winter

Die Mauer durch Berlin war schon anderthalb Monate vorher gefallen, aber erst Heiligabend 1989, heute vor 30 Jahren, öffnete sich der „antifaschistische Schutzwall“ – wie die DDR das Grenzbauwerk offiziell nannte – auch in Groß Glienicke. Der neue Grenzübergang westlich der heutigen Ampelkreuzung von Ritterfelddamm und Potsdamer Chaussee war damals quasi ein Weihnachtsgeschenk für die Menschen rund um den Groß Glienicker See. Verhandlungen zwischen Ost und West hatten den Durchlass in der Grenze möglich gemacht. Fußgänger und Radfahrer, nicht aber Autofahrer, konnten dort nun pünktlich zu Weihnachten 1989 die Seiten wechseln.

Grenzübergang war nicht auf Dauer offen

Bereits am Morgen des 24. Dezember strömten die Menschen zum neuen Grenzübergang. „Das war ein großes Gewühl“, erinnert sich die Groß Glienickerin Annelies Laude. Gegen 8 Uhr hatten die Grenzer den neuen Übergang geöffnet. Doch der war zunächst nur ein Provisorium – lediglich offen am Heiligen Abend und den beiden Weihnachtsfeiertagen. Dann schloss sich die Pforte im Eisernen Vorhang wieder. Bald jedoch fiel die Entscheidung, auch zu Silvester und Neujahr zu öffnen. Danach war die Grenze für mehrere Wochen noch einmal dicht, bevor der Übergang am 30. Januar 1990 auf Dauer geöffnet wurde.

In Groß Glienicke fiel die Mauer an Heiligabend 1989, anderthalb Wochen nach der Öffnung der Grenze in Berlin. Zunächst konnten nur Radfahrer und Fußgänger den provisorischen Grenzübergang im Potsdamer Norden überqueren, für Autos blieb er zunächst gesperrt.  Foto: Helmut Luther Vergrößern
In Groß Glienicke fiel die Mauer an Heiligabend 1989, anderthalb Wochen nach der Öffnung der Grenze in Berlin. Zunächst konnten nur Radfahrer und Fußgänger den provisorischen Grenzübergang im Potsdamer Norden überqueren, für Autos blieb er zunächst gesperrt.  © Helmut Luther

Auch Burkhard Radtke kann sich noch gut an diese turbulente Zeit erinnern, an die spontanen Freudensbezeugungen der Glückseligen in Ost und West, daran, „wie die sich völlig fremden Menschen um den Hals fielen“. Eine wunderbare Stimmung habe geherrscht. „Leider hat sich dann diese Herzlichkeit recht schnell abgekühlt“, blickt Radtke auf die Zeit nach dem Mauerfall zurück. Bereits 1991 kürte die Gesellschaft für deutsche Sprache den „Besserwessi“ zum Wort des Jahres. So schnell hatten sich die Zeiten geändert. Doch zu Weihnachten 1989 war die Freude noch ungetrübt, das Wort „Wahnsinn“ hörte man allerorten. „Es war eine regelrechte Euphorie“, sagt Radtke.

Ärger wegen des Glühweins auf der Ost-Seite

Die Groß Glienicker wurden Heiligabend auf Berliner Seite von den Kladowern mit Ständen empfangen, an denen es kostenlos Südfrüchte und Kaffee gab. „Wir kamen ja mit leeren Händen hin, aber die Kladower, die hatten sich darauf vorbereitet“, berichtet die heute 93-jährige Annelies Laude, die auch damals in Groß Glienicke wohnte. Auf DDR-Seite habe es zudem einen Stand mit Glühwein gegeben, sagt Radtke.

Im Tagesspiegel vom 30. Dezember 1989 berichtete ein Kladower SPD-Mitglied allerdings von Verstimmungen zu Weihnachten am neuen Groß Glienicker Grenzübergang, weil ein geschäftstüchtiger DDR-Kneipier Getränke nur gegen Deutsche Mark verkauft habe, das Ostgeld seiner eigenen Mitbürger hingegen nicht akzeptieren wollte.

Burkhard Radtke und Annelies Laude waren am Tag der Grenzöffnung dabei.  Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Burkhard Radtke und Annelies Laude waren am Tag der Grenzöffnung dabei.  © Ottmar Winter

Nicht nur die Groß Glienicker passierten Heiligabend die Grenze am neuen Übergang. Auch in umgekehrter Richtung stand der Weg offen. Unvergessen ist für Radtke der Hauptgottesdienst mit Pfarrer Hans-Christian Diedrich in der evangelischen Dorfkirche von Groß Glienicke am Nachmittag des 24. Dezember 1989. „Sehr, sehr überfüllt“ sei die Kirche gewesen. Viele der Gottesdienstbesucher fanden trotz zusätzlich herbeigeschaffter Stühle keinen Sitzplatz und mussten während des Gottesdienstes stehen. Auch Menschen aus Berlin vom Ostufer des Groß Glienicker Sees – gelegen im politischen Westen – waren unter den Gottesdienstbesuchern. Die Westberliner seien die winterlichen Temperaturen im Gotteshaus nicht gewöhnt gewesen und hätten ordentlich gefröstelt, erinnert sich der heute 80-jährige Radtke, der bis vor Kurzem Vorsitzender des Gemeindekirchenrates von Groß Glienicke war. Lediglich unter den ersten fünf Bankreihen habe es damals in der Kirche Bahnheizkörper gegeben – die einzige Heizmöglichkeit in dem Sakralbau. Auch die Wärme der vielen Menschen reichte freilich nicht aus, um eine wohlige Temperatur zu erzeugen.

Für Christen war die Kirche das Zentrum des Ortes

Für so manchen Westberliner dürfte der Besuch des Heilig-Abend-Gottesdienstes 1989 gewissermaßen eine Heimkehr gewesen sein – erstreckte sich das Gebiet von Groß Glienicke doch bis zum Jahre 1945 auch auf ein weites Areal östlich des Groß Glienicker Sees im späteren Westberlin. Und die Dorfkirche wiederum war einst für alle evangelischen Christen rings um den See das kirchliche Zentrum im Ort.

In den 50er Jahren wurde die Schilfdachkapelle gebaut. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
In den 50er Jahren wurde die Schilfdachkapelle gebaut. © Ottmar Winter

Nach dem Krieg hatte man den geografischen Ostteil Groß Glienickes dem Britischen Sektor zugeschlagen, weil der von den Briten genutzte Berliner Flugplatz Gatow zunächst zum Teil in der sowjetischen Besatzungszone gelegen hatte – was den Briten natürlich nicht passte. So tauschte man einige Flächen. Groß Glienicke wurde gespalten. Im Zuge der zunehmenden Trennung von Ost und West – schon lange vor dem Mauerbau – ließ der Groß Glienicker Pfarrer Wilhelm Stintzing in den 1950er Jahren nahe dem Ostufer des Sees eine Schilfdachkapelle bauen. Sie wurde für viele evangelische Christen, die wegen der Grenzziehung zunehmend schwieriger ihre alte Dorfkirche erreichen konnten, eine neue kirchliche Heimstatt.

Die Berliner Mauer ist längst Geschichte, die Dorfkirche von Groß Glienicke hat diese politischen Wirren überdauert. Und auch die Schilfdachkapelle gibt es noch heute.

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