Saskia Ludwig wünscht sich für Golm eine Seilbahn wie die in Boliviens Hauptstadt La Paz. Foto: Reuters/D. Mercado
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Gastbeitrag zum Verkehr in Potsdam Warum es eine Seilbahn über Potsdam braucht

Saskia Ludwig

Der Transport auf dem Luftweg könnte Potsdams Stauproblem lösen und die Mobilität verbessern. Plädoyer für eine Seilbahn.

Als ich kürzlich wieder einmal in einem knackigen Stau in Potsdams Innenstadt stand, lief im Radio „It’s all over now“ von Van Morrison. Darin trällerte Sir George Ivan Morrison unter anderem: „The highway is for gamblers, better use your sense“ (sinngemäß: Die Autobahn ist für Spieler, nutze besser deinen Verstand). Wenn man sich die Diskussionen um den Straßenverkehr in den letzten 20 Jahren anschaut, hatten die verantwortlichen „Gambler“ in der Stadt offensichtlich kein großes Glück im Spiel. Dabei hat gerade Potsdam mit seinen vielfältigen Städtepartnerschaften großartige Möglichkeiten, aus der Wiederholungsschleife an Argumenten herauszukommen und einmal neue Ideen in die Stadt zu holen. Als Ortsvorsteherin von Golm habe ich eine große Erwartungshaltung an den immer noch „recht neuen“ Potsdamer Oberbürgermeister, der seine Wurzeln in Golm hat.

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Luzern hat eine Seilbahn

Auch zu Lösungen der Straßenverkehrssituation in Golm beziehungsweise ihren Folgen für die Bürger. Bei den regelmäßigen Besuchen in Potsdams Partnerstadt Luzern hat Mike Schubert sicher auch schon einmal Notiz vom „Pilatus“ genommen, der zentral und gut erreichbar im Herzen der Schweiz liegt. Bereits von der Talstation in Kriens/Luzern am Fuß des Berges, lässt sich der cockpitähnliche Kabinenaufbau in der Luftseilbahn „Dragon Ride“ beobachten. Von den Schweizer Freunden heißt es: „Als Mitfahrer hat man das Gefühl zu fliegen und bekommt zudem eine atemberaubende Aussicht in alle Himmelsrichtungen.“

Wäre eine solche Luftseilbahn auch in Potsdam möglich, fragte ich mich. Die üblichen Bedenken einmal ausgeklammert, gab es wenig Gegenargumente, warum die Straßen von Golm auf diesem Weg nicht die dringende Entlastung erhalten sollten. Auch das Thema „Weltkulturerbe“ würde sicher fallen. Wären die Gondeln nicht ein Segen für die Schlösser und Parks von Potsdam, die seit Dezember 1990 aufgrund ihrer Einzigartigkeit und der nachweislichen Verbindung mit historisch weltweit bedeutenden Ereignissen, auf der Unesco-Welterbeliste stehen, wenn sie zukünftig weniger Abgasen ausgesetzt wären?

Keine Wartezeit in der Luft

Man stelle sich nur einmal vor, in der Maulbeerallee und in der Straße „Zur historischen Mühle“ gäbe es keine schädigenden Abgase mehr. Eine größere Unterstützung und Schutz könnte man dem Weltkulturerbe nicht zukommen lassen! Beispiele, wo Seilbahnen bereits etabliert sind, gibt es ohne Ende. Ein Blick nach New York reicht aus, wo es bereits Alternativen zum Auto gibt: Die Luftseilbahn Roosevelt Island Tramway leistet seit 1976 von Manhattan über den East River gute Dienste. Die Folge – nicht nur für die Golmer Bürger – wäre ein „Schwebezustand“ bei der Fortbewegung, statt des täglichen Stop-and-go auf dem Weg zur Arbeit, in die Schule oder am Wochenende ins Umland. In der Luft gäbe es auch keine Ampelmännchen und die Wartezeit an den Haltestellen ist minimal. Fast lautlos gleiten die Gondeln durch die Luft, somit ist auch die Lärmbelastung stark reduziert. 

Und das Beste: Mit rund 44 Gramm Treibhausgasen pro Personenkilometer hängt die Seilbahn andere Verkehrsmittel locker ab. Wohlgemerkt, das sind keine „visionären Luftnummern“ einzelner Träumer, wie einer Ortsvorsteherin aus Golm, sondern rund um den Globus wird der Nahverkehr Stück für Stück in die Luft verlegt. Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist in der bolivianischen Metropole La Paz (rund 750 000 Einwohner) anzufinden: Im März 2019 ging dort die seit der Eröffnung 2014 insgesamt bereits zehnte Seilbahnlinie an den Start. Auf einer Gesamtlänge von 33 Kilometern werden täglich um die 300 000 Passagiere transportiert. Jeder „himmlische Pendler“ erspart sich pro Jahr rund 16 Tage Stau-Zeit auf überfüllten Straßen. Wie wäre es also zu Beginn in Potsdam mit einer „Teststrecke“ vom Uni-Gelände in Golm zum Campus in Babelsberg? Garantiert auch mit keiner Gefahr behaftet, den Weltkulturerbestatus zu verlieren!

Verbesserte Mobilität

Das urbane Gondel-Geschäft ist auch kein „Hexenwerk“, sondern den Stadtverordneten aller Parteien in der Landeshauptstadt anschaulich vermittelbar. So wäre eine Golmer Seilbahn ein umweltfreundliches und effizientes Verkehrsmittel und würde zur verbesserten Mobilität in Potsdam und darüber hinaus beitragen. Was in Megacitys wie Mexiko-Stadt, Medellín (Kolumbien) und New York klappt, wird auch in Potsdam und seinem schönsten Ortsteil eine Entlastung sein. 
In der Vergangenheit sind Gondelanlagen häufig dort entstanden, wo Flüsse überbrückt oder Wohn- und Gewerbeviertel angebunden werden. Ein Blick aus dem Fenster genügt und bestätigt genau diese Ausgangslage: Großer Zernsee, Wublitz oder die Havel. Jüngstes Beispiel, wo man sich auch für eine City-Gondel entschieden hat: Frankreich. 2020 wird in Toulouse das Universitäts- und Klinikviertel an den Nahverkehr angeschlossen, bis zu 1500 Menschen werden so pro Stunde pendeln. Bei Morrison im Radio würde es „Yeah, go start new, go start new“ heißen.

In München zählt jede kreative Idee

In der auch nicht ganz „emotionslosen Stadtpolitik“ sollten sich die Stadtverordneten vielleicht ein Bild vor Ort machen, wie eine nahverkehrsmittelähnliche Seilbahn auch in Deutschland funktionieren kann. Dafür braucht man nicht in die Partnerstadt nach Luzern fahren. Zum Beispiel in Koblenz führt die Seilbahn vom Rheinufer zur Festung Ehrenbreitstein und kann 7600 Personen pro Stunde befördern. Und München plant eine 4,5 Kilometer lange Verbindung zwischen Oberwiesenfeld, Frankfurter Ring und der Studentenstadt. Denn ähnlich wie in Potsdam auch, stehen die Münchner statistisch 140 Stunden pro Jahr im Stau. Dort heißt die Devise: Jede kreative Idee, die uns hilft, Verkehrsinfarkte zu verhindern, verdient eine ernsthafte Prüfung. Eine Machbarkeitsstudie läuft dort bereits. Und Bremen, Köln und viele andere Städte machen sich auch schon Gedanken. 

Wenn Potsdams Kämmerer nach dem lieben Geld fragen sollte, lautet die simple Antwort, dass der Bau einer Seilbahn wesentlich schneller und sicher nicht teurer ist als zum Beispiel der einer Straßenbahn. Mal schauen wie lange es dauert, bis man in der Seilbahn von Golm nach Babelsberg trällern kann: „Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein …“


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