Der Abriss des Staudenhofs könnte im März 2023 beginnen. Foto: Ottmar Winter
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Gastbeitrag | Zum Abriss des Staudenhofs "Den Austausch von Argumenten müssen wir lernen"

Annette Paul

Die Potsdamer Künstlerin Annette Paul hadert mit dem Abriss des Staudenhofs - auch wegen der klimatechnischen Belastungen. Und sie wünscht sich eine bessere Gesprächskultur.

Am Mittwoch war ich eine der Demonstrantinnen gegen das Abrissvorhaben des Staudenhofs vor der MBS-Arena. Einen kleinen Hoffnungsschimmer sah ich noch für eine Wende des Abstimmungsergebnisses. Schließlich haben wir seit letztem Jahr eine neue Richtschnur im Paket der Entscheidungsparameter: den Klimanotstand. Der kam nun zeitlich etwas kurz bei dieser gewaltigen, lang anstehenden Entscheidung - im Klimarat gab es dazu wohl leider keine Runde mehr.

Inmitten der coronabedingten Akutentscheidungen ist die Zeit auch knapper für Themen, die mit großer Wahrscheinlichkeit klimatechnische Belastungen für künftige Generationen zur Folge haben. An dieser Stelle ist meinerseits die graue Energie gemeint, die eben in einem solchen Bauwerk in großer Menge gebunden ist. Ein Abriss wischt hier leider nichts weg, sondern hinterlässt in erster Linie einen immensen Haufen zusammengefallenen Betons – auch wenn man später ökologisch neu bauen wird. Das ist ja eigentlich nicht das, was wir unseren Kindeskindern hinterlassen möchten. Den Blick noch einmal darauf zu lenken war also meine bescheidene Hoffnung am Mittwoch.

Während der Stadtverordnetenversammlung protestierte das Netzwerk "Potsdam Stadt für alle" gegen den Abriss des Staudenhofs. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Während der Stadtverordnetenversammlung protestierte das Netzwerk "Potsdam Stadt für alle" gegen den Abriss des Staudenhofs. © Ottmar Winter

Eine kleine Depression

Die Entscheidung des Abrisses des Staudenhofs fiel. Wieder ein Abriss in der Stadt, und damit wieder eine Enttäuschung aus vielerlei Gründen für jene, die das Gebäude erhalten wollten. Eine Enttäuschung, eine kleine Depression, die neben Aufbaufreude auch zum Teil dieser Stadt wird. Da ist nicht nur der Aufbruch in eine noch schönere Stadt . Einige unter uns in dieser unserer gemeinsamen Stadt - und da schließe ich mich ein - haben noch immer ihr Leid damit, wenn sie an der leeren Baustelle am Alten Markt stehen. 

Der Erhalt der FH war nicht möglich. Faktisch zeigt es sich uns in der noch bestehenden Leerstelle. Und doch ist da noch immer ein Leid, ein Bedauern, ein Verlust, und nicht – wie oft benannt eine Niederlage für die, die die FH erhalten und umnutzen wollten. Die Niederlage ist es für die Stadtgesellschaft, dass hier nicht alle mitgenommen werden konnten, kaum Verständnis für das Trauern um den Verlust gezeigt wurde.

Es sind nicht nur Entscheidungen, die wir zu akzeptieren haben, weil sie von den Stadtverordneten gefällt wurden. Auch wenn wir anerkennen, dass Entscheidungen anders ausfallen, als wir sie uns gewünscht haben, bleibt doch auch manchmal das Gefühl der Ohnmacht und Erschöpfung übrig.

Furcht vor späterem Verlust

Hier wird ja unsererseits nicht demonstriert, weil wir nichts besseres zu tun haben, sondern weil ein späterer Verlust befürchtet wird – aus unterschiedlichen Gründen. Und jene Gründe haben alle ihre Berechtigung, benannt zu werden – auch sie spiegeln die Vielfalt unserer Stadt wieder. Es wird sicherlich niemanden hier geben, der/die sich wahrhaftig wünscht, dass alle Potsdamer*innen einer Meinung, einer Haltung sind. An anderen Stellen sprechen wir von gelebter Vielfalt - warum lernen wir sie nicht auch hier - in unseren Auseinandersetzungen zur Entwicklung und Gestaltung unserer Stadt?

Die dahingesagte Floskel: Damit müsst ihr jetzt leben! Findet euch doch endlich mal damit ab! Ist ja auch sonst im Leben nicht so einfach zu leben. Überall im Alltag, wird von uns Akzeptanz für fremde Entscheidungen erwartet, die unseren Vorstellungen mitunter zuwider laufen. Und nicht alle tragen. Einen Regenmantel, an dem alles abprallt und hinuntergleitet. Sehen wir es doch mal von einer anderen Seite: Hier brennen Leute für ihre Stadt. Die einen hauptsächlich für Barock und andere vorrangig für soziale Gerechtigkeit und wieder andere und auch die gleichen für ökologische Schwerpunkte. So viele wollen hier mitgestalten, brauchen es, gehört zu werden, weil sie und wir zusammen Potsdam sind.

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Vielfalt von Meinungen schätzen

Fast möchte ich davon sprechen, dass es Depressionen in der Stadt gibt, Menschen, die sich ungesehen und nicht mitgenommen und dann auch noch verhöhnt fühlen. Auch ich bin Potsdamerin mit Recht auf eine individuelle Haltung in dieser, meiner Stadt, wenn ich auch heute nicht die Meinung der Meisten vertrete. 

Die Potsdamer Künstlerin Annette Paul. Foto: privat Vergrößern
Die Potsdamer Künstlerin Annette Paul. © privat

Wir sollten lernen, miteinander auch hier die Vielfalt von Meinungen und Argumenten zu schätzen. Den Austausch von Argumenten müssen wir offenbar lernen – da müssen sich alle besser zuhören und auch bei einer Demonstration mal das Mikrofon der gegnerischen Seite überlassen.

Und nach erfolgter Abstimmung sind triumphierende Posts, Siegerstimmung und verhöhnende Worte in den sozialen Medien hauptsächlich Zeichen von Machtkämpfen, die unsere Stadt nicht entwickeln sollte. Sie sind da nicht hilfreich sondern verstörend.

[Lesen Sie auch: „Abriss des Staudenhofs ist konsequent“ - ein Gastbeitrag von Christian Seidel, früherer SPD-Stadtverordneter und langjähriger Bauausschusschef.]

Worauf ich hinaus will: Es ist das eine, zu akzeptieren, dass eine Mehrheitsentscheidung nicht mit der eigenen Haltung übereinstimmt. Es ist was anderes, mit den Auswirkungen solcher Entscheidungen gemeinsam in einer Stadt weiter zu machen und lebendig mitzugestalten. Und noch etwas anderes ist es für jene, die nun mit Mehrheit entschieden haben, die anderen nicht aus dem Blick zu verlieren, denn trotz allem bauen wir ja an unserer gemeinsamen Stadt. Schauen wir uns also an als vielfältige Bewohner*innen unserer Stadt, nehmen wir uns ernst und hören wir uns zu. Ein paar kommende Entscheidungen für unseren Ort können wir dann künftig vielleicht klüger im Miteinander treffen.


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