Abreißen oder erhalten? Am Mittwoch entscheiden Potsdams Stadtverordnete über die Zukunft des Staudenhofs.  Foto: Andreas Klaer
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Gastbeitrag „Abriss des Staudenhofs ist konsequent“

Christian Seidel

Nur so ist der Weg frei für die Wiedergewinnung der Mitte. Ein Gastbeitrag von Christian Seidel, früherer SPD-Stadtverordneter und langjähriger Bauausschusschef.

Im Oktober 1990 fasst die Stadtverordnetenversammlung den wegweisenden Beschluss zur Wiedergewinnung der historischen Mitte. Die städtebauliche Entwicklung im Herzen der Stadt soll zukünftig durch die „behutsame Annäherung an den historischen Stadtgrundriss“ bestimmt werden. Schon Anfang 1991 wird mit dem Abriss des Theater-Rohbaus der erste Schritt auf dem langen Weg zur Wiedergewinnung der Potsdamer Mitte beschlossen. Heute lädt dort unter anderem das Museum Barberini mit hochkarätigen Ausstellungen zum Besuch ein.

Leitbild der „autogerechten Stadt“

Gelingt in den 1950er-Jahren auch in Potsdam beispielhafter Wiederaufbau, zum Beispiel in der Wilhelm-Staab- und Yorckstraße, erfolgt nach dem Parteibeschluss zur Neugestaltung der Stadtzentren von 1958 und dem Leitbild der „sozialistischen Stadt“ ein Bruch. Fatalerweise wird dabei das Leitbild der „autogerechten Stadt“ übernommen. Sozialistische Weihen erhält es vielleicht dadurch, dass Verkehrsmagistralen hervorragende Aufmarschrouten für verordnete Demonstrationen darstellen. Hinzu kommt eine gefährliche lokale Spezifik. Man glaubt, den sogenannten Geist von Potsdam austreiben zu müssen und versteigt sich dabei wohl in der Überzeugung, dass dieser in kontaminierten Steinen und einem historischen Stadtgrundriss zu lokalisieren sei. So klafft in der Mitte der Stadt mit dem Abriss der ausgebrannten Mauern des Stadtschlosses im Jahr 1960 (trotz konkreter Wiederaufbaupläne) eine große Fehlstelle mit einer überdimensionierten Verkehrsanlage.

Christian Seidel, langjähriger SPD-Stadtverordneter und Vorsitzender des Potsdamer Bauausschusses. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Christian Seidel, langjähriger SPD-Stadtverordneter und Vorsitzender des Potsdamer Bauausschusses. © Andreas Klaer

Bereits Anfang 1991 findet ein erstes internationales Architektenseminar zur Neuausrichtung der Potsdamer Stadtplanung statt. Für sieben Gebiete der Innenstadt werden Ideen erarbeitet. Zum Alten Markt erfolgt die Empfehlung: „maßstabbrechende Gebäude in der Umgebung der Nikolaikirche werden abgerissen und durch sensiblere Raumstrukturen ersetzt“.

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Auf einer internationale Planungswerkstatt unter Mitwirkung angesehener Potsdamer Kollegen des BDA (Bund Deutscher Architekten) wird 2006 anhand unterschiedlicher Entwürfe auch der Erhalt des Staudenhof-Komplexes diskutiert. Die mit übergroßer Mehrheit getroffene Bewertung lautet: Das Gebäude ordnet sich weder in seiner Lage in den historischen Stadtgrundriss ein, noch nimmt es in seinen Dimensionen einen Bezug zur Maßstäblichkeit im Aufriss. Darüber hinaus ignoriert es den Umgebungsschutz des Denkmals Nikolaikirche. Das formulierte Ziel „Wiederannäherung an den historischen Stadtgrundriss“ ist mit einem Erhalt unvereinbar. Deshalb ist der Abriss des Staudenhof-Komplexes konsequenterweise ein Bestandteil des 2010 beschlossenen „Integrierten Leitbautenkonzepts“ für das Sanierungsgebiet Potsdamer Mitte.

Sichtbare Erfolge bei Wiedergewinnung der historischen Mitte

Potsdam hat sichtbare Erfolge bei der Wiedergewinnung seiner historischen Mitte vorzuweisen. Neben dem Landtag im Stadtschloss ist das Baufeld an der Alten Fahrt fast fertig gestellt. Schon jetzt ist der Alte Markt aufgewertet und deutlich stärker frequentiert (von Pandemiebeschränkungen abgesehen). Schon bald werden die Baufelder längs der Friedrich-Ebert-Straße Gestalt annehmen und für weitere Belebung sorgen. Um der Gefahr der Leere außerhalb von Öffnungszeiten zu begegnen, wird in allen innerstädtischen Sanierungsgebieten ein hoher Wohnanteil festgeschrieben – so auch in der neu entstehenden Mitte. Darüber hinaus wird hier in besonderer Weise darauf geachtet, eine soziale Durchmischung der zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner zu erreichen. Die Vergabe von Grundstücken an Potsdamer Wohnungsgenossenschaften und das Studentenwerk ist dafür ein überaus gelungener Schritt.

Potsdamer Mitte wird Einwohner wie Besucher überzeugen

Auftragsgemäß hat die Pro Potsdam für den Staudenhof verschiedene Szenarien geprüft. Das Ergebnis zeigt, dass das Ziel, sozial verträgliche Mieten zu garantieren, nur durch Abriss und Neubau und den Einsatz von Fördermitteln zu erreichen ist. Damit steht aus meiner Sicht nichts mehr im Weg, die Zielgerade für die Wiedergewinnung der Potsdamer Mitte frei zu machen. Ich bin überzeugt, dass die weitere Umwandlung der Mitte in ein lebendiges Quartier mit großer Variabilität in den Funktionen und hoher sozialer Durchmischung – und zwar in den baulichen Dimensionen der historischen Mitte und in einer Potsdam-typischen Mischung aus partieller Rekonstruktion und modernem Neubau – Potsdamerinnen und Potsdamer ebenso überzeugen wird wie die Gäste unserer schönen Stadt.

Ein neuer Aspekt gewinnt allerdings mit dem voranschreitenden Klimawandel an Bedeutung: Pro Potsdam und Stadtverwaltung sind deshalb gut beraten, Anregungen zur Verbesserung von Klimabilanz und Nachhaltigkeit des Vorhabens aufzugreifen.

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