Fahrrad statt Auto. Im vergangenen Jahr demonstrierten etwa 200 Potsdamer in der Feuerbachstraße für ein anderes Verkehrskonzept. Nun soll der Verkehrsbetrieb Autofahrern beim Umstieg helfen. Foto: Andreas Klaer
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Führerschein gegen Monatskarte tauschen Klimaktivisten machen Vorschlag zum "Autofasten"

Kostenlosen Nahverkehr wünschen sich die Klimaaktivisten von „Potsdam autofrei“ zu Ostern. Und sie machen einen konkreten Vorschlag: Eine Monatskarte für die Abgabe des Führerscheins.

Potsdam - Das Auto stehen lassen, öfter zu Fuß gehen, das Rad oder den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Das sollen die Potsdamer tun, wenn es nach der Initiative „Potsdam autofrei“ geht. Für die Wochen vor Ostern rufen die Aktivisten zum „Autofasten“ auf. Vom Verkehrsbetrieb (ViP) fordern sie dafür vergünstigte Fahrscheine.

„Wir müssen einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz leisten und für unsere Kinder eine lebenswerte Zukunft gestalten“, sagt Initiativensprecher Florian Kirchesch. Der ViP habe am Dienstag überraschend Gesprächsbereitschaft signalisiert, sagt er und verweist auf den Potsdamer „Masterplan 100 Prozent Klimaschutz“ von 2017. Dort heißt es: „Durch öffentlichkeitswirksame Aktionen und Events können größere Teile der Bevölkerung angesprochen und sensibilisiert werden.“ Seinerzeit wurden sogar konkrete Maßnahmen beschlossen. Die sollten „kurzfristig“ eingeführt und dann „regelmäßig“ stattfinden, heißt es in dem Papier. Unter anderem sollten „autofreie Events“ wie das „Autofasten“ durch vergünstigte Fahrkarten unterstützt werden. So lautete zumindest der Plan. Doch seitdem sei kaum etwas passiert, beklagt Kirchesch.

Spezielle Autofrei-Events würde der Verkehrsbetrieb momentan nicht unterstützen, teilt dessen Sprecher Stefan Klotz auf Anfrage mit. Der ViP sei aber immerhin „verkehrlicher Partner bei Events in der Landeshauptstadt“. Zum Beispiel bei Großveranstaltungen wie der „Potsdamer Erlebnisnacht“ gäbe es günstige Tickets, um den Autoverkehr zu reduzieren. Ebenso beim „Tag der offenen Tür“ der Wasserwerke.

Monatskarte für Führerschein

„Angesichts der aktuellen Klima-Herausforderungen genügt das nicht“, entgegnet Kirchesch. Eine Möglichkeit wäre ein kostenloses Monatsticket für jeden Autofahrer, der in der Fastenzeit den Führerschein freiwillig abgibt, schlägt Kirchesch vor. Er hofft nun auf die neue ViP-Führung. In der vergangenen Woche waren Claudia Wiest und Uwe Löschmann von der Gesellschafterversammlung zur Doppelspitze bestellt worden.

Die Idee des „Autofastens“ vor Ostern mag in Brandenburg neu sein, in Südwestdeutschland ist sie bereits seit Jahren etabliert. Verantwortlich dafür ist vor allem eine kirchliche Initiative desselben Namens aus dem Saarland, die inzwischen von mehreren katholischen Diözesen und evangelischen Landeskirchen mitgetragen wird. „Die Bewahrung der Schöpfung ist unser Hauptanliegen“, sagt die Geschäftsführerin Ute Letter. „Jeder kann etwas beitragen und versuchen, seine Gewohnheiten zu ändern.“ Es ginge nicht um ein generelles Verbot des Autofahrens. „Wer klassisch fastet, verzichtet schließlich auch nicht vollständig auf Nahrung“, sagt Letter. Es ginge darum, ein Bewusstsein zu schaffen.

Kirche wünscht sich Fastentarife

Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) wirbt für eine ähnlichen Aktion, das „Klimafasten". Das siebenwöchige Programm enthält eine Woche zum Thema Mobilität. Die EKBO ruft unter anderem zum klimafreundlichem Reisen auf. Und dazu, auf Autobahnen ein „freiwilliges Tempolimit von 130 Kilometer pro Stunde“ einzuhalten.

„Viele Menschen fragen sich heute: Was ist gutes Leben?“, sagt Beate Corbach vom Umweltbüro der Landeskirche. Über Verschwendung nachzudenken und Verzicht zu üben, sei nicht weit entfernt von dem, was Christen unter „innerer Einkehr“ verstünden, sagt Corbach. Die Forderung der Klimaschützer nach vorösterlichen Fahrpreis-Rabatten hält sie für eine „tolle Idee“. Aber bisher gäbe es in Berlin und Brandenburg keine besonderen Fastentarife im Nahverkehr.

Gutes Beispiel in Karsruhe

Anders in Südwestdeutschland. Dort unterstützen bereits mehrere regionale Verkehrsverbünde das „Autofasten“. Unter anderem der Karlsruher Verkehrsverbund (KVV), dessen Verkehrsnetz von der südlichen Weinstraße bis zum nordöstlichen Schwarzwald reicht. Zwischen Aschermittwoch und Ostermontag bietet der KVV ein „Fastenticket“ an. Es gilt an sieben aufeinanderfolgenden Tagen in allen Bussen und Bahnen des gesamten Netzes. An Sonn- und Feiertagen kann die komplette Familie umsonst mitfahren. Das Ticket kostet 26 Euro. „Wir wollen Anreize schaffen, das Auto stehen zu lassen“, sagt KVV-Sprecher Nicolas Lutterbach und fügt hinzu: „Das wird gut angenommen.“ Der KVV sieht in dem Sonderangebot nicht zuletzt eine Möglichkeit, neue Kunden zu gewinnen. Wer auf den Geschmack kommt und eine KVV-Jahreskarte kauft, erhält den Kaufpreis des Fastentickets erstattet. Auch der Verkehrsverbund Rhein-Mosel, der Rhein-Nahe Nahverkehrsverbund und andere bieten ähnliche Spezialtickets an.

„Heute sind viele Menschen noch auf das Auto angewiesen“, gibt Florian Kirchesch von „Potsdam autofrei“ zu. Wer nicht verzichten könne, habe trotzdem die Möglichkeit, sich bei „Potsdam autofrei“ zu engagieren. „Das ist auch wie Fasten“, behauptet Kirchesch. Eine Gelegenheit könne das nächste Treffen der umtriebigen Gruppe bieten. Das findet passenderweise am Aschermittwoch statt, um 20 Uhr im Madia in der Lindenstraße.

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