Seelsorger Matthias Amme. Foto: Ottmar Winter
© Ottmar Winter

Ein Jahr nach den Morden im Oberlinhaus „Das war ein Schockfunktionieren“

Seelsorger Matthias Amme über die Bewältigung der Trauer, fehlende Therapeuten für Menschen mit Behinderung und den Sinn von Ritualen.

Herr Amme, Sie betreuen die Bewohner und Mitarbeiter des Thusnelda-von-Saldern-Hauses seit der Gewalttat mit vier Toten vor einem Jahr bis heute als Seelsorger. Wie erinnern Sie sich an den 28. April 2021? Wann und wie haben Sie erfahren, was passiert ist?
Ich hatte in der Nacht, als es passierte, mein Handy aus. Am nächsten Morgen um 7.30 Uhr las ich dann die Nachricht meines Chefs: Kommen Sie sofort zum Thusnelda-von-Saldern-Haus! Als ich dort ankam, sah ich die Polizeiautos und Krankenwagen. Ich bin rein ins Haus, traf unten auf die sechs Notfallseelsorger der Stadt, und habe mich von ihnen ins Bild setzen lassen. Auf die Wohnebene, wo sich die Tat ereignete, durfte ich zunächst nicht gehen. 

Was haben Sie dann gemacht? 
Ich habe mit den Menschen geredet, die im Foyer standen. Angehörige der Bewohner waren gekommen, um zu erfahren, was passiert ist. Mir war klar: Wir müssen schnell etwas unternehmen, wir brauchen für die Angehörigen einen Raum außerhalb des Thusnelda-von-Saldern-Hauses. Also bin ich mit ihnen, etwa 25 Leuten, in die Oberlinkirche rübergegangen.  

Wussten Sie da schon, wer die Opfer sind?
Nein, es wurden zunächst keine Namen genannt, auch der Name der Täterin nicht. Es waren also Angehörige dabei, die noch gar nicht wussten, wie es ihrem Kind, Bruder oder ihrer Schwester geht. Das war eine schwere Begleitung, weil es so viele Fragezeichen gab. Ich habe den Angehörigen Mut zugesprochen, einen Segen gesprochen, wir haben gemeinsam gebetet und geweint. In den nächsten Wochen haben wir dann jeden Tag die Kirche aufgemacht, eine Andacht abgehalten. 

Das Thusnelda-von-Saldern-Haus in Babelsberg. Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Das Thusnelda-von-Saldern-Haus in Babelsberg. © Ottmar Winter

Waren Sie schon einmal in einer ähnlichen Situation?
Nein, so einen schweren Fall hatte ich noch nie. Wir sind im Oberlinhaus auch mit Sterben und Tod konfrontiert, aber das war etwas völlig anderes. Diese unvorstellbare Tat ist plötzlich über uns gekommen. In den ersten Wochen war das so ein Schockfunktionieren. Da gerät man auch als Seelsorger an seine Grenzen, sitzt am Schreibtisch und fängt an zu heulen. Nach zwei Monaten habe ich eine kleine Auszeit gebraucht, weil ich merkte: Ich kann nicht mehr ruhig reagieren. 

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Was haben Sie unternommen? 
Ich bin mit meinem Camper für eine Woche rausgefahren, an einen See. Meine Kollegin hat mir einen Zettel mitgegeben, auf den ich meine Gedanken schreiben und den ich dann vergraben konnte. Solche Rituale helfen. Und ich bin viel gelaufen. Laufen, schweigen, aushalten. Meine Seelsorgerkollegin und ich haben Supervision in Anspruch genommen. Gerade bin ich von einem fünfwöchigen Aufenthalt in einem Kloster in Bayern zurück, um das Geschehene und Erlebte für mich selbst zu verarbeiten. 

Fällt gläubigen Menschen die Trauerarbeit leichter?
Ja. Mir geht es jedenfalls so: Ich fühle mich durch den Glauben stärker. Ich glaube, dass es vielen Betroffenen geholfen hat, dass das Oberlinhaus eine diakonische Einrichtung ist – unabhängig davon, ob sie konfessionell gebunden sind oder nicht.  

Aber manche wenden sich nach so einem traumatischen Ereignis vielleicht auch von Gott ab?
Auch das habe ich erlebt. Natürlich kommt die Frage: Hätte Gott das verhindern können?  

Was ist Ihre Antwort darauf?
Jein. Gott ist kein Polizist, der überall herumschleicht und Taten verhindert. Aber Gott ist bei den Menschen und er unterstützt sie, um mit dem Erlebten leben zu lernen.

Die Morde hatten bundesweit für Entsetzen gesorgt. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Die Morde hatten bundesweit für Entsetzen gesorgt. © Andreas Klaer


Wie können Sie selbst unterstützen, speziell was die Bewohner angeht, die nicht sprechen können? Gibt es eine Ausbildung als Seelsorger für Menschen mit Behinderung?
Nein, die gibt es nicht. Die Aufarbeitung der Tat war gerade am Anfang eine große Herausforderung. Man findet einfach keine Spezialisten. Suchen Sie mal in Potsdam einen Psychotherapeuten für Menschen mit Behinderung. Gibt es nicht! Eine Kinder- und Jugendpsychologin hat uns dann unterstützt, sie hat extra parallel zwei Fortbildungen gemacht auf diesem Gebiet und kommt weiter ehrenamtlich ins Haus, weil sie gesagt hat: Mir sind diese Menschen wichtig. Mir selbst hat meine Ausbildung als Spielpädagoge und meine Fortbildung in körperorientierte Seelsorge geholfen.  

Wie muss man sich das konkret vorstellen?
Nehmen wir zum Beispiel die Bewohnerin, die die Gewalttat schwerverletzt überlebt hat. Sie kann nicht sprechen, aber ich kann ihre Mimik und Gestik lesen. Ich spiele für sie Gitarre, singe. Wenn ich summe oder einen bestimmten Rhythmus anstimme, nimmt sie ihn auf, wiegt sich mit dem Oberkörper. Dann weiß ich: Sie freut sich. 

[Lesen Sie auch: Der Mordprozess Oberlinhaus: Die Abgründe der Angeklagten Ines R. – eine Rekonstruktion (T+)]

Kommen noch viele Mitarbeiter des Hauses zu Ihnen?
Eher andersrum. Ich gehe durchs Haus und frage: Wie geht es Ihnen? Was hat Ihnen geholfen, was kann ich tun, damit es Ihnen besser geht?

Im Gedenken an die Opfer standen vier Rollstühle beim Gedenkgottesdienst in der Nikolaikirche nach der Bluttat.  Foto: Soeren Stache/dpa Vergrößern
Im Gedenken an die Opfer standen vier Rollstühle beim Gedenkgottesdienst in der Nikolaikirche nach der Bluttat.  © Soeren Stache/dpa

Und was hat geholfen? 
Die Emotionen rauslassen zu können. Viele sagen: Ich durfte schreien, schimpfen, klagen, trauern, brüllen. Manchen hilft es, wenn man sich mit ihnen hinsetzt und gemeinsam atmet, sie festhält, einfach mal aufmunternd auf die Schulter klopft. Zuhört. Es hat auch geholfen zu sagen: Komm’ wir gehen jetzt zusammen in die Zimmer der getöteten Bewohner. Das war unglaublich schwer für die meisten, diese Räume wieder zu betreten, auszuräumen, die Bilder an den Wänden abzuhängen. Meine Aufgabe als Seelsorger war es zudem, die positive Sprache wiederzufinden. 

Was meinen Sie damit?
Öfter war vom „Mörderhaus“ zu hören oder zu lesen. So ein Begriff darf sich nicht festsetzen. Das Thusnelda-von-Saldern-Haus ist das Zuhause vieler teils langjähriger Bewohner. Ihnen mussten wir vermitteln: Das ist nicht „das Mörderhaus“, das ist immer noch dein Zuhause, du musst keine Angst mehr haben. Es kommt niemand mit einem Messer in dein Zimmer. Für die Beschäftigten wiederum war es schwer auszuhalten, dass das Haus so stigmatisiert wurde. 

Zwei Mitarbeiter waren zwei Wochen nach der Tat bei einer Fortbildung in Berlin und haben sich nicht getraut zu sagen, dass sie von Oberlin kommen. In der ersten Zeit nach der Tat waren auch viele Aggressionen zu verarbeiten. Eine Bewohnerin sagte mir: „Jetzt suchen wir diese Frau auf, die das getan hat, kommen Sie mit, Herr Pastor!“ Das geht natürlich gar nicht, aber ich konnte das gleichzeitig sehr gut nachfühlen. Es ist schwer, etwas zu verarbeiten, das man nicht versteht.  

Nach den Morden legten Trauernde Blumen vor dem Thusnelda-von-Saldern-Haus ab, auch Kerzen wurden entzündet. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Nach den Morden legten Trauernde Blumen vor dem Thusnelda-von-Saldern-Haus ab, auch Kerzen wurden entzündet. © Andreas Klaer

Kannten Sie die Täterin gut?
Ja, sie hat ja schon lange bei Oberlin gearbeitet, kam hier in die Kirche. Auch ich habe keine Erklärung für die Tat, auf mich wirkte die Frau ganz normal. Wir haben auch eine Andacht abgehalten, bei der es um das Dunkle in uns ging. Wir haben die Täterin dann sogar in ein Gebet aufgenommen, das ein Bewohner des Thusnelda-von-Saldern-Hauses gesprochen hat. Das fand ich stark. 

Also Vergebung?
Es geht nicht um Vergebung. Auch beim heutigen Gottesdienst wird es eine Fürbitte geben – für die Familie der Täterin, die auch viel auszuhalten hat. Das Prozessende war auch ein wichtiger Punkt für die Aufarbeitung, weil dann sichtbar wurde: Es gibt eine gewisse Gerechtigkeit, die Täterin wurde verurteilt. Wichtig war aber auch das Zeichen der Angehörigen: Ihr seid nicht schuldig an dem, was geschehen ist, sondern wir tragen das gemeinsam. 

Am Rathaus wehte nach den Morden ein Trauerflor.  Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Am Rathaus wehte nach den Morden ein Trauerflor.  © Ottmar Winter

Wie sah dieses Zeichen aus?
Zu Weihnachten kamen Verwandte der Opfer zum Haus und brachten zwei Säcke voller Schoko-Weihnachtsmänner für die Mitarbeiter und Bewohner. Sie sagten: Wir sind Weihnachten immer vorbeigekommen, also kommen wir auch jetzt zu euch. 

Früher hat man vom Trauerjahr gesprochen. Gilt das noch: Wird die Trauer nach einem Jahr leichter?
Für die meisten schon. Man hat dann alles einmal ohne den geliebten Menschen erlebt und durchgestanden – Weihnachten, Ostern, Geburtstage. So ging es uns im Oberlinhaus auch: Vier Plätze blieben leer, sei es beim Erntedank oder anderen Gelegenheiten, bei denen wir zusammenkommen. Der Gottesdienst heute soll auch ein Abschluss dieses Trauerjahres sein

Kommen an so einem Jahrestag nicht auch die schrecklichen Bilder wieder hoch?
Sicherlich. Die Wunden werden bleiben, aber wir schaffen daraus gute Erinnerungen. Wir haben vier Glasstelen herstellen lassen, die für die vier getöteten Bewohner stehen, ihre lebendige Seite zeigen sollen, die wir im Oberlinhaus kennengelernt haben. Die vier Stelen sind nicht schwarz und düster, sondern in Regenbogenfarben. Und jede Stele ist individuell– so wie es die vier Menschen waren, die wir nicht vergessen werden. 

Das Interview führte Marion Kaufmann

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