Umgestürzter Wachturm im Park Babelsberg. Im Hintergrund ist die Glienicker Brücke zu sehen. Foto: Manfred Thomas
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Damals im Welterbe Auf den Spuren der Grenzanlage im Park Babelsberg

Jahrzehntelang zerschnitt eine breite Grenzanlage den Park Babelsberg. Der Todesstreifen ist heute nur noch zu erahnen.

Es ist ein schöner Ort. In der Oktobersonne liegt die Landschaft wie gemalt, sanfte Hänge, kurvige Wege, hier und da der Blick aufs Wasser. Am Sonntag sind viele Spaziergänger im Park Babelsberg unterwegs, vor allem unterhalb des Schlosses. Dass sich dort bis vor 30 Jahren das Grenzgebiet befand, ein streng bewachter und technisch ausgetüftelter breiter Sicherungs- und Todesstreifen, ist heute nur noch zu erahnen, wenn man sich hier auskennt.

Karl Eisbein kennt sich bestens aus. Er war von 1969 bis 2008 Fachbereichsleiter im Park Babelsberg und hat den Park zu DDR-Zeiten, im Mauerfalljahr 1989 und der sich anschließenden Zeit der Wiederherstellung des Areals betreut. Jetzt im Ruhestand bietet er regelmäßig Führungen an. Der Sonntagspaziergang durch das einstige Grenzgebiet war gut besucht. Unter den etwa 25 Gästen waren Touristen aber auch eine Berlinerin, die bis 1989 nur von der Westseite Klein-Glienickes rüber schauen könnte. Andere, ehemalige DDR-Bürger, kannten den Park gut, auch aus der Zeit der Teilung. „Aber man vergisst vieles mit der Zeit“, sagt ein Mann. „Wir wollen unsere Erinnerung heute auffrischen.“

Von 1969 bis 2008 war Karl Eisbein Fachbereichsleiter im Park Babelsberg. Heutzutage führt er regelmäßig Besuchergruppen durch das Gartendenkmal. Foto: Manfred Thomas Tsp Vergrößern
Von 1969 bis 2008 war Karl Eisbein Fachbereichsleiter im Park Babelsberg. Heutzutage führt er regelmäßig Besuchergruppen durch das Gartendenkmal. © Manfred Thomas Tsp

Bis 1939 war der Park gut gepflegt. Dann kamen Krieg und Nachkriegsjahre, in denen die von Fürst Pückler einst bis ins kleinste Detail gestaltete Anlage verwilderte. Die DDR begann ab Mitte der 1950er, hier aufzuräumen. Zum Beispiel wurde das sogenannte Bowlinggreen unterhalb des Schlosses wiederhergestellt. Bis 1961 war es zudem möglich, den gesamten Park zu betreten. Dann war plötzlich Schluss: Die Staatsgrenze, die mittig durchs Wasser führte und dann einen Bogen Richtung Glienicker Brücke machte, wurde zunächst mit einem Zaun am Ufer gesichert. Schrittweise wurde das System dann ausgebaut, so Eisbein. Schließlich bestand die Anlage durch einen ersten Maschendrahtzaun, dahinter lag der Streifen, in dem scharfe Schäferhunde an langen Leinen liefen. Daran schloss sich der etwa drei Meter breite Kolonnenweg an, befahrbar und mit Betonplatten ausgelegt. Unmittelbar am Ufer sollte der etwa sechs Meter breite Todesstreifen auch den letzten von einer Republikflucht abhalten. Signal- und Selbstschussanlagen wurden mit der Zeit nachgerüstet

Währenddessen spielte sich nur wenige Schritte vom ersten Zaun entfernt ein vergleichsweise normales Leben ab. Im Schloss wurde damals das Museum für Ur- und Frühgeschichte eingerichtet. Besucher, darunter auch viele Schulklassen, marschierten teilweise dicht an den Grenzanlagen vorbei. Eisbein erinnert sich, wie in den 1970ern und 1980ern Stück für Stück die historische Bepflanzung im sogenannten Pleasureground wiederhergestellt wurde. Hier Blumen – dort Hundegebell und Schießbefehl. Fotografiert hat er die Grenze dennoch nie - es sei ihm einfach zu abstoßend erschienen. Kein Foto wert. „Das Nebeneinander von gärtnerischer Schönheit und Grenzanlage wurde einfach nie hinterfragt“.

Karl Eisbein, ehemaliger Fachbereichsleiter im Park Babelsberg, begab sich am Sonntag mit seinen Gästen auf Spurensuche der alten Grenzanlagen. Foto: Manfred Thomas Tsp Vergrößern
Karl Eisbein, ehemaliger Fachbereichsleiter im Park Babelsberg, begab sich am Sonntag mit seinen Gästen auf Spurensuche der alten Grenzanlagen. © Manfred Thomas Tsp

Dennoch hat es gerade die Gärtner damals geschmerzt, das Welterbe unter den Planierraupen verschwinden zu sehen. Pücklers ausgeklügelte Sichtbeziehungen gingen am Ufer komplett verloren. Ebenso manch wertvolle Pflanzen. An den Orkan vom 11. November 1972 erinnert sich Eisbein genau: Von einem sehr alten Baum im Grenzsteifen brach ein gewaltiger Ast ab, der nicht weggeräumt werden durfte. Schlimmer war, dass die unversorgte Wunde am Baum diesen mit der Zeit eingehen ließ. Im Gegenzug haben die Grenze als Sichtschutz gegen neugierige Blicke zahlreiche Ahornbäume angepflanzt, die nach 1989 mühsam gerodet werden mussten.

Trockene Grasflächen auf ehemaligem Postenweg

Mauerreste gibt es heute keine mehr. Nach der Öffnung haben oftmals dieselben, die sie einst bewachten, die Anlagen abgebaut. Mit Hilfe von Teilnehmern von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen begannen die Gärtner anschießend, die heute makellos erscheinende paradiesische Anlage wiederherzustellen – sofern man originale Pläne hatte. Man suchte in Archiven, auf Bildern und in anderen Quellen nach Hinweisen. Wie war der Blick aus Prinzessin Augustas Arbeitszimmer? Wie sah die Plattform der Fontäne aus? Wie waren die Wege geführt? „Wir hatten manchmal beim Bau der Grenze zugeschaut und versucht uns zu merken, wo was war“, sagt Eisbein. Jahre später waren die Erinnerungen sehr wertvoll. Oft half auch Fachwissen. „Wenn die Wiese einen leichten silbergrauen Schimmer hat, liegt darunter die originale Grasnarbe. Da haben wir dann Profilschnitte gemacht und vorsichtig alles aufgedeckt.“

Auch heute noch ist die Farbe Indikator – aber in umgekehrter Richtung. Eisbein weist die Besucher auf mehrere trockene Grasflächen hin, die sich in einer Reihe befinden. Was wie ein unscheinbarer kleiner Makel im Rasen aussieht, hat einen anderen Hintergrund. „Hier verlief der Postenweg“, sagt Eisbein, und stellt sich selbst mitten auf die Stelle, die bis 1989 verbotene Zone war. Der Wegeverlauf der DDR berücksichtigte freie Sicht von Kontrollturm zu Kontrollturm – Pücklers Sichtachsen waren nichts mehr wert. Eisbein zeigt Fotos, die gemacht wurden, als die Anlagen zwar abgebaut, alles andere aber noch original war. Der Parkstreifen sieht darauf aus wie ein ungepflegter, zugewucherter Wald, dahinter ahnt man den Postenweg.

Auch unterirdisch fanden die Aufräumer nach 1989 jede Menge Reste, zum Beispiel eine drei Meter tiefe Betongrube, in der sich eine Art Schaltzentrale aller Elektro- und Telefonkabel der Grenze befand. Ebenfalls verbuddelt Mauersteine von Beeteinfassungen und technische Teile von diversen Wasserläufen. Manches war überraschend gut erhalten. Unterm Postenweg lagen die originalen Holzträger des Bohlenwegs, der über den Wasserfall führt. Die Träger gaben wiederum Auskunft, wie die weiteren Bauteile einst aussahen und machten eine Rekonstruierung möglich.

Das Maschinenhaus mit Glienicker Brücke im Hintergrund. Eigentlich wollte die DDR-Führung auch das Heizhaus am Ufer abreißen lassen. Doch die hätte einer erfolgreichen Aufnahme der DDR in die Unesco im Wege gestanden, berichtete am Sonntag Karl Eisbein. Foto: Manfred Thomas Vergrößern
Das Maschinenhaus mit Glienicker Brücke im Hintergrund. Eigentlich wollte die DDR-Führung auch das Heizhaus am Ufer abreißen lassen. Doch die hätte einer erfolgreichen Aufnahme der DDR in die Unesco im Wege gestanden, berichtete am Sonntag Karl Eisbein. © Manfred Thomas

Zuletzt geht es bei der Führung am Heizhaus vorbei, das mitten auf dem früheren Postenweg steht. Die DDR hätte das gerne abreißen lassen. „Aber die wollten ja in die Unesco, also musste es bleiben“, sagt Eisbein. Das Heizhaus wird gerade saniert. Sichtbare Spuren der DDR-Geschichte am Mauerwerk sollen hier ausnahmsweise erhalten bleiben.

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