Der Grabstein des jüdischstämmigen Musikwissenschaftlers Max Friedlaender (r.). Foto: dpa
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Neonazi-Bestattung in Stahnsdorf Friedhofs-Experte verteidigt Südwestkirchhof

Nach der Beisetzung eines Holocaust-Leugners im Grab eines jüdischstämmigen Wissenschaftlers ergriff ein langjähriger Mitarbeiter Partei für den Kirchhof - mit Verweis auf die Grabkarte.

Stahnsdorf - Die Beisetzung eines Holocaust-Leugners im Grab des jüdischstämmigen Musikwissenschaftlers Max Friedlaender (1852-1934) auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf hatte zuletzt für Empörung gesorgt. Nun ergriff ein langjähriger Mitarbeiter und Kenner der Anlage Partei für den evangelischen Friedhof. Auf der Grabkarte Friedlaenders habe „evangelisch“ gestanden, so Gerhard Petzholtz. So hätten die jüngeren Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung nicht erkennen können, welchen Konflikt es bei der Beisetzung des Neonazis geben würde. Älteren sei der Name Friedlaender noch als jüdischen Ursprungs bekannt, "allerdings nicht mehr den jüngeren Mitarbeitern des Kirchhofs, denn Stigmatisierungen von Familiennamen nach der Herkunft gibt es heute nicht mehr!". Nach Angaben der "Jüdischen Allgemeinen" war Friedlaender in 1890ern zum Protestantismus konvertiert.

Petzholtz wies in seinem Statement darauf hin, dass sich der Erbauer des 1909 eröffneten Südwestkirchhofs, der Berliner Stadtsynodalverband (BstV), verpflichtet hatte, für immer und ewig alle Menschen hier beizusetzen. Eine Ablehnung der Beisetzung habe es also nicht geben können. Im Fall der Beisetzung des Neonazis Henry Hafenmayer hätte der Südwestkirchhof aber einen Grabstein mit einem Namen nichtjüdischen Ursprungs auswählen müssen, räumt auch Petzholtz ein. 

Der ehemalige Mitarbeiter, der nach eigenen Angaben 28 Jahre auf dem Südwestkirchhof wohnte und arbeitete, gab aber auch zu bedenken: "Hinterher wissen es einige (selbsternannte) Kenner, Historiker und tolerante Zeitgenossen immer besser." Er betonte, dass die Verwaltung des Südwestkirchhofs bereits einige Vorstöße der Anhänger des Neonazis Hafenmayer abgelehnt habe. Diese "wollten ihn nahe der Allee zur Kapelle, auf dem ,Urnenhain II', oder: auf der ,Alten Umbettung', Synonym für Speers Germania-Pläne*, beisetzen lassen", so Petzholtz. Das habe die Verwaltung strikt abgelehnt und eine etwas abgelegene Grabstelle auf dem Block „Erlöser“ angeboten - ohne jedoch auf den Namen des dort einst Bestatteten zu achten.

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Hafenmayer wurde am 8. Oktober auf der ehemaligen Grabstätte des Musikwissenschaftlers Max Friedlaender beigesetzt. Das Grab stand seit 1980 laut Evangelischer Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) zur Wiederbelegung frei. Sein Grabstein steht dort noch, denn der Südwestkirchhof ist ein Flächendenkmal, alle Grabmäler bleiben daher laut Petzholtz bestehen. An der Trauerfeier nahmen zahlreiche Rechtsextremisten teil, darunter auch der wegen Volksverhetzung lange inhaftierte Antisemit Horst Mahler.

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Beisetzung auf abgelegener Grabstelle

Es hätte erkannt werden müssen, dass sich die Beisetzung eines Holocaust-Leugners auch mit der ausgewählten Grabstätte nicht vertrage. Das sagte die Erinnerungsbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg Schlesische Oberlausitz (EKBO), Marion Gardei. Landesbischof Christian Stäblein hatte sich entschuldigt und eine Prüfung angekündigt, ob die Urne des Holocaust-Leugners umgebettet oder der Grabstein Friedlaenders versetzt werden kann. Geplant ist in jedem Fall, das Andenken an den Musikwissenschaftler zu wahren. (mit dpa/epd)

* Zwischen 1938 und 1940 wurden etwa 14.500 Tote aus Berlin-Schöneberg nach Stahnsdorf umgebettet, um Platz für die Umwandlung Berlins in die Hauptstadt "Germania" zu schaffen.

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