Früher war Claudia Schebsdat Physiotherapeutin, heute kümmert sie sich um Pferde. Foto: S. Schuster
© S. Schuster

Kleinmachnow Mit der Heilkraft der Hände

Osteopathie bei Pferden steckt noch in den Kinderschuhen. Die Kleinmachnowerin Claudia Schebsdat hat sich auf diese Methode spezialisiert.

Kleinmachnow - Langsam zieht Claudia Schebsdat einen spitzen Holzstift durch das braune Fell. „Das kann schon mal zwicken“, sagt sie, während der 17-jährige Patient vor ihr einmal wild mit dem Schweif schlägt. „Er zeigt, dass er das nicht so toll findet“, erklärt die Therapeutin. Für Pace ist es der zweite Behandlungstag. Schon nach der ersten Stunde hat das Tier große Fortschritte gemacht. „Er war unlustig, man hatte ihm angemerkt, dass er verspannt war“, erzählt Besitzerin Silja Schneider. Zudem zog er, wenn die Hobbyreiterin auf seinem Rücken saß, den Hintern hoch. Inzwischen hat Claudia Schebsdat das Rätsel gelöst. „Der Lendenwirbel saß fest“, erkannte sie.

Die 49-jährige Kleinmachnowerin hat sich auf ein Gebiet spezialisiert, das in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt. Zwar hatte Andrew Taylor Still die erste Schule für Humanosteopathie schon 1872 in den USA begründet, doch es dauerte, bis die Heilmethode den Weg nach Europa fand. Erst um 1950 fingen vereinzelt Heilpraktiker an, osteopathische Techniken aus dem Ausland zu adaptieren, der eigentliche Durchbruch begann erst in den 1980er-Jahren. Zu dieser Zeit hatte der französische Tierarzt Dominique Giniaux bereits begonnen, die Osteopathie aufs Pferd zu übertragen – als Erster weltweit. Vor knapp 20 Jahren setzte sich die Idee schließlich auch in Deutschland durch, in Dülmen in Westfalen gründete sich das Deutsche Institut für Pferdeosteopathie, kurz DIPO, das heute auch eine Außenstelle in Stahnsdorf betreibt.

Auch die gelernte Physiotherapeutin Claudia Schebsdat hat vor 15 Jahren eine Ausbildung am Deutschen Institut für Pferdeosteopathie absolviert. Mehr durch Zufall, wie sie sagt. Ihre eigene Stute hatte Probleme, für die der Tierarzt keine Lösung fand. „Ich dachte mir, das kann doch nicht alles sein“, erklärt sie. Die gebürtige Berlinerin bildete sich fort und behandelte ihr Pferd. Doch dabei blieb es nicht. Seit 2006 arbeitet Claudia Schebsdat selbst als Dozentin an dem Ausbildungsinstitut, will weitergeben, was sie gelernt hat. Daneben fährt sie durch die Lande, um lahmenden und kränkelnden Pferden wieder auf die Beine zu helfen, besser noch, sie gesund zu halten. „Pferde sind in der Lage, ihre Probleme lange zu kompensieren, irgendwann wächst sich das aus und sie werden krank“, weiß sie. Die Osteopathin sieht sich als Ergänzung zur klassischen Tiermedizin. Sie kann sie nicht ersetzen, aber die Problemzone eingrenzen, vor allem, wenn die Beschwerden nicht offensichtlich, sondern eher diffus sind, sagt sie.

Claudia Schebsdat öffnet Pace das Maul und fährt ihm mit der Hand durch den Mund. „Gerade die Zähne können bei Pferden Probleme machen, das geht über ins Kiefergelenk und kann sich bis in den Körper ziehen“, erklärt sie. Diese Erfahrung hat auch Jacqueline Bauer gemacht. Lange wusste die 32-Jährige nicht, was mit ihrem „Woody“ nicht stimmt. „Er ließ sich nicht anfassen, fraß langsam, ließ sich darüber hinaus aber nichts anmerken“, erzählt sie. Erst später erkannte die junge Frau, dass zwei Zähne gebrochen waren. Alle halbe Jahre lässt sie ihren Wallach nun von Claudia Schebsdat bearbeiten. Prophylaktisch eigentlich. Heute allerdings hat „Woody“ aber ein erneutes Problem, mit dem sich die Spring- und Dressurreiterin hoffnungsvoll an die Pferdeosteopathin wendet. Nach einer Kolik ist das Pferd noch nicht wieder auf dem Damm, der Bauch aufgebläht, der Gang schleppend.

Claudia Schebsdat schlägt ihr Laptop auf und klickt sich in die Krankenakte. Ihre Arbeitsutensilien passen in eine Umhängetasche. Laptop, Handy, Holzstifte, vielleicht noch ein paar Tapes, vielmehr benötigt die Therapeutin nicht. Den Großteil der Arbeit erledigt sie mit den Händen, streichelt die Tiere, massiert und ertastet sie, prüft die Gelenke auf ihre Beweglichkeit. „Wenn das Problem so vielschichtig ist wie hier, ist es oftmals nicht so einfach, die Ursache zu finden“, sagt sie. Trotzdem gelingt es ihr, sich zu nähern. Ursache könnte der Blinddarm sein, vermutet sie. „Woody“ reagiert empfindlich, wenn sie seine Hüfte in die Richtung dreht, auch fällt es ihm schwer, die Hinterbeine vorzunehmen. Die Diagnose will Jacqueline Bauer nun nochmals beim Tierarzt abprüfen lassen. Damit die Luft entweicht, zeigt ihr Claudia Schebsdat noch, wie sie das Tier massieren und „Woody“ zum „Luft ablassen“ animieren kann.

Die Pferde, deren Vollblutanteil durch Selektion und Kreuzung immer mehr steige, werden immer feinfühliger und sensibler, sagt Schebsdat. Das sei einerseits positiv für den Reiter, aber sie bekämen auch schneller Probleme mit dem Bewegungsapparat. Prophylaxe und ein vernünftiges Equipment seien wichtig, um die Pferde fit zu halten. Entscheidend sei dabei auch der Sattel, den die zertifizierte Sattelexpertin bei jeder Behandlung mit überprüft. Pferde werden heute nicht mehr in der Landwirtschaft oder als Nutztiere eingesetzt, sondern als Reit- und Dressur-Pferde. „Sie sind Sportler wie der Mensch“, betont sie. Und so wie dieser Physiotherapeut und Betreuer hat, benötigen auch Pferde eine entsprechende Behandlung, die sie stabiler werden lässt.

Ungefährlich ist das nicht. Erst im letzten Jahr bekam Claudia Schebsdat einen Schlag mit dem Huf. „Ich sah aus, als wäre ich gegen einen Bus gerannt“, erzählt sie. Schützen könne sie sich nicht, sagt sie. Normalerweise erkenne sie aber, wenn es brenzlig wird.

Zur Startseite