Deutschlandweit unterstützen Bundeswehr-Soldaten die Arbeit der Gesundheitsämter – auch in Potsdam-Mittelmark, wie auf diesem Symbolbild.  Foto: dpa
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Corona-Bekämpfung in Potsdam-Mittelmark Wenn Bürger sich selbst in Quarantäne schicken

Nach seiner Corona-Infektion habe er Quarantäne und Tests selbst organisieren müssen, beschwert sich ein Beelitzer. Der Landkreis lobt das als "Selbstverantwortung".

Beelitz/Bad Belzig - Ende November erfuhr Uwe Schneider, dass einer seiner Arbeitskollegen mit dem Coronavirus infiziert war. Um herauszufinden, ob er sich auch angesteckt hatte, ließ der Beelitzer sofort einen Antigen-Schnelltest durchführen. Ergebnis: positiv. Doch das Gesundheitsamt des Landkreises Potsdam-Mittelmark habe erst nach fast zwei Wochen Maßnahmen eingeleitet, beschwert sich Schneider. Seiner Ansicht nach erhalten die Bürger zu wenig Unterstützung von den Behörden.

"Keiner fühlt sich zuständig"

“Ganz ehrlich, ich bin sehr sauer und aufgebracht”, sagt Schneider. Eigentlich heißt er anders, aber seinen Namen möchte er aus beruflichen Gründen nicht in der Zeitung lesen. “Keiner fühlt sich zuständig.” Um seine Quarantäne und Kontaktverfolgung habe er sich selbst kümmern müssen.  

Als ihm seine Chefin mitteilte, dass ein Arbeitskollege mit dem Coronavirus infiziert sei, rechnete Schneider aus: Fünf Tage zuvor hatte er zuletzt Kontakt mit dieser Person gehabt. In dieser Zeit habe er leichte Erkältungssymptome verspürt, aber das habe er auf eine kürzliche Grippeschutzimpfung zurückgeführt. Nun sei ihm mulmig geworden. Um möglichst schnell Gewissheit zu haben, habe er einen Antigen-Schnelltest durchführen lassen. Das Ergebnis sei zunächst uneindeutig gewesen, sagt er. Am nächsten Tag habe der Arzt einen weiteren Test durchgeführt, der eindeutig positiv gewesen sei. 

Uwe Schneider meldete sich also auf der Arbeit krank. Das Gesundheitsamt habe ihm dann aber telefonisch mitgeteilt, dass Schnelltests in Brandenburg nicht als Nachweis einer Infektion anerkannt werden. Wirkliche Gewissheit könne nur ein PCR-Test geben. Das Amt habe aber weder einen solchen Test noch eine Quarantäne angeordnet. Auf seine Frage, wo er den Test machen könne, habe das Amt lapidar geantwortet, dass er sich selbst einen Arzt suchen müsse. Die Suche habe sich allerdings als schwierig erwiesen. “Das Problem ist die Zeit, die dabei vergeht”, sagt Schneider.

Mehrere Arztpraxen sagten ihm ab

Mehrere Arztpraxen hätten ihm am Telefon mitgeteilt, dass sie keine PCR-Tests anbieten würden. Am Ende habe er über einen persönlichen Kontakt doch noch einen Test organisieren können. Der wurde am 4. Dezember durchgeführt. Am 7. Dezember lag das Ergebnis vor: positiv. Daraufhin habe sich das Gesundheitsamt gemeldet und nach den Kontakten der letzten 48 Stunden gefragt. “Natürlich hatte ich keine”, sagt Schneider, allerdings nur aufgrund seiner freiwilligen Quarantäne.  

“Ich habe zwei schulpflichtige Kinder, die abwechselnd eine Woche bei mir und eine Woche bei ihrer Mutter sind", sagt Schneider. Zwischen Infektion und Schnelltest habe er noch einmal Kontakt zu den Kindern gehabt. Aber das Gesundheitsamt hätte sich dafür gar nicht interessiert. In Eigeninitiative habe er gemeinsam mit der Mutter entschieden, die Kinder sicherheitshalber aus der Schule zu nehmen - trotz Schulpflicht. “Zum Glück hatte die Schule Verständnis.” 

Der Landkreis lobt das umsichtige Verhalten

Schneider habe “verantwortungsbewusst und umsichtig gehandelt”, sagt Landkreissprecher Kai-Uwe Schwinzert. “In dieser Pandemielage kommt es vor allem auf ein hohes Maß an Selbstverantwortung an.” Der Landkreis mit seinem Hauptsitz Bad Belzig stelle Informationen zum richtigen Verhalten und Adressen von Abstrichstellen auf seiner Internetseite zur Verfügung. “Im Allgemeinen” würde das Gesundheitsamt “bei positivem Schnelltest zur sofortigen Isolierung raten, bis zur Bestätigung oder Ausschluss der SARS-CoV-2 Infektion mittels PCR-Testverfahren.”  

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Schwinzert weist darauf hin, dass der Landkreis im November eine Allgemeinverfügung erlassen hat, “die Erkrankten und Verdachtspersonen aufgibt, sich sofort in Absonderung zu begeben, ohne dass es einer Anordnung des Gesundheitsamtes bedarf.” Erst nach dem positiven PCR-Test-Ergebnis werde eine Quarantäne für die betroffene Person und direkte Kontaktpersonen angeordnet.  

Schneider überzeugt das nicht. In der Debatte um die Lockdown-Maßnahmen würden einige Politiker die Schuld an gestiegenen Fallzahlen bei der Bevölkerung suchen. Doch wenn die Patienten alles selbst organisieren müssten, sei es kein Wunder, dass einige überfordert seien. Da würden auch Vorwürfe und Appelle an die Vernunft nicht helfen, meint er. Schon mehrfach hatte es Bericht gegeben, dass das Gesundheitsamt des Landkreises offenkundig überfordert ist.

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