Rock & Church in Werder (klaer) Axel Merseburger in der Inselkirche. Foto: Bild ohne Text
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Leserpost Bitte mit mehr Feingefühl

"Zumal das Thema – Hard Rock- und Heavy Metal-Konzerte in unserer Kirche – in der Tat sehr differenziert zu sehen ist und dem ganz und gar nicht „die meisten aufgeschlossen“ gegenüber stehen."

„Oh Gott ’n’ Roll“ vom 26. Januar

Seit meiner Geburt, sprich Taufe, bin ich Mitglied der evangelischen Kirche, wohne seit 1972 in Werder und habe Auf und Ab der Stadt, gesellschaftliche Umbrüche einschließlich der damit einhergehenden Verwerfungen und auch einige Pfarrer in unserer Kirchengemeinde erlebt. Ich denke da an Pfarrer Ullmann, Pfarrer Stolte und nicht zuletzt Pfarrer Schalinski, sie alle habe ich als Seelsorger unserer Gemeinde, im Gottesdienst und auch in persönlichen Kontakten kennenlernen dürfen.

Dass sich die Welt dreht, habe ich verstanden, alles fließt und verändert sich, täglich, stündlich – nicht immer ist das, was danach oder anstatt kommt, besser, optimaler, effektiver, günstiger. Dass man aber eine andere, abweichende Meinung beziehungsweise die Bedenken eines Mitgliedes unserer Kirchengemeinde einfach so als „fundamentalistisch“ abtut, das hat schon eine neue Dimension.

Zumal das Thema – Hard Rock- und Heavy Metal-Konzerte in unserer Kirche – in der Tat sehr differenziert zu sehen ist und dem ganz und gar nicht „die meisten aufgeschlossen“ gegenüber stehen. Welche Kirchenmitglieder hat denn Herr Pfarrer Timme dazu befragt? Und dass der Gemeindekirchenrat vor Begeisterung außer sich war, könnte ich mir so auch nicht vorstellen. Warum soll nicht in einer Kirche Musik stattfinden, Lesungen, Gesprächsrunden? Viele gute Beispiele gibt es dafür, von denen auch ich sehr oft und immer wieder gern Gebrauch mache.

Doch nicht alles, was möglich ist, muss man auch tun. Eine Kirche ist für mich und viele andere kein umbauter Raum beliebigen Inhalts, sondern dieser Ort ist besetzt mit Begriffen wie Ehrfurcht, Spiritualität, Ruhe finden, Einkehr halten, ja, auch Gemeinsamkeit mit anderen Menschen erfahren. Aber nicht begleitet von Lärm und Krach – Musik genannt – und in künstliche Nebelschwaden gehüllt. Gleiches könnte in selbiger Qualität genauso in anderen Räumlichkeiten, Sälen, Kasematten, Freilichtbühnen oder ähnlichem stattfinden.

Wenn Herr Timme „gute Gespräche“ im Rahmen dieser Musikveranstaltungen führt, sei ihm das gegönnt. Wenn er aber ebenso daran interessiert wäre, die „wenigen Gottesdienstbesucher“ zahlenmäßig aufzustocken beziehungsweise durch „gute Gespräche“ doch als Neu-Mitglied für unsere Gemeinschaft zu gewinnen, dann wäre uns allen doch sehr geholfen und unsere Kirche auf einem guten Weg. „Stolz darauf zu sein, dass die Kirche auch Rock kann“ erscheint mir sehr wenig.

Eine freie Meinungsäußerung so abzubügeln, wie geschehen, zeugt weder von Toleranz noch von Großzügigkeit im Denken. Fundamentalistisch ist auch diese Haltung, dass andere Sichtweisen schon vorab grundsätzlich falsch sind und keiner weiteren Überlegung wert.

Ich möchte darauf verweisen, dass ich die Briefeschreiberin aus Werder nicht kenne, aber nicht nur ich schließe mich den Vorbehalten und Bedenken an.

Auch in der Zukunft wird der Gemeindekirchenrat Lösungen verschiedenster Art finden müssen, nicht immer kann es allen recht gemacht werden. Aber die Gemeindemitglieder bei Entscheidungen nicht schon von vornherein außen vor lassen, wäre ein erster richtiger Schritt. Die Gemeindezeitung Briefbote böte dazu die geeignete Plattform an. Das Ausloten unterschiedlichster Standpunkte ja – aber zukünftig bitte mit mehr Feingefühl, auch oder gerade in unserer Kirche.

Birgitt Neumann, Werder (Havel)

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