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Ganz persönlich Wenn der Taxifahrer ausfällig wird

Carsten Holm

PNN-Redakteur Carsten Holm fährt gerne Taxi, aber bei diesem einen Fahrer wird er wohl nicht mehr zusteigen. Dessen Äußerungen haben seine Toleranzgrenze zu sehr strapaziert.

Potsdam - Man sollte sich bemühen, Menschen zu verstehen, die andere Meinungen vertreten, vielleicht sogar, sofern es irgend möglich ist, andere Meinungen zu tolerieren.

Es kommt aber auch vor, dass man diese recht hoch gesteckten Ziele einer Alltagsmoral verfehlt.

Mir ging es während einer Fahrt im Taxi so, ich ließ mich bei McDonalds gegenüber des Betriebshofs der VIP abholen und nannte die PNN-Redaktion am Platz der Einheit als Fahrtziel. Der Fahrer des Mercedes, wahrscheinlich Anfang oder Mitte fünfzig, nutzte die 20 Minuten zu einer Kanonade von Tiraden gegen Ausländer, unter besonderer Berücksichtigung ihrer dunklen Hautfarbe und ihres Status als Flüchtlinge.

Während er sich laut darüber aufregt, dass „die Merkel“ 2015 die Grenzen geöffnet und eine Million nach Deutschland gelassen habe, die nun „auf unsere Kosten“ lebten, frage ich, was „die Merkel“ denn hätte tun sollen: die Grenzen, die ja offen waren, zu schließen und mit Bundeswehr, Bundespolizei und Wasserwerfern zu sichern? „Jedes Land sichert seine Grenze“, sagt er. „Trump schafft es ja auch nicht“, sage ich, „hätte Merkel eine Mauer bauen sollen?“ Er schweigt, aber er gibt nicht auf.

Er kramt sein Handy hervor, scrollt es hoch und scrollt es runter, bis er den schlagkräftigen Beweis für das gefunden hat, was er für eine Meinung hält: ein Foto, in Potsdam aus seinem Taxi aufgenommen. Es zeigt drei freundlich aussehende Schwarzafrikaner vor einer Kneipe am Hauptbahnhof. Sie sitzen ruhig da und trinken etwas, er will wissen, dass es Bier war. „Von unserem Geld“, sagt der Taxifahrer, „das Bier kostet da nicht 80 Cent, sondern zwei Euro, und wir bezahlen das. Ich habe da in der Hitze in meinem Taxi gesessen und war durchgeschwitzt, und die haben im Schatten gesessen und Bier getrunken. Im Winter sitze ich da im Taxi und friere, und die sitzen in der Kneipe, haben es warm und werfen unser Geld in den Spielautomaten.“

Ich überlege, ob ich ihm einen Kurzvortrag über unlogische „und“-Verknüpfungen halten sollte, aber ich befürchte, ihn zu überfordern und verzichte.

Er kann sich nicht mehr in den Griff bekommen. „Da kommen die übers Mittelmeer ins gelobte Land, weil sie wissen, dass wir alles bezahlen“, sagt er recht laut und schlägt mit der Innenseite der rechten Hand auf das Lenkrad. „Wissen Sie, dass Tausende auf dieser Flucht ertrinken, weil die EU die Rettung von Flüchtlingen eingestellt hat?“, frage ich. „So‘ n Quatsch“, schreit er, „die laufen mit ihren Schlauchbooten aus, weil sie wissen, dass Rettungsschiffe auf sie warten.“ „Das ist längst widerlegt“, sage ich, „diesen Zusammenhang gibt es nicht, zumal die Flüchtlingsschiffe doch nirgendwo an Land gelassen werden.“ „Überall gibt es ein Risiko, beim Autofahren und auf dem Mittelmeer“, sagt er, „man weiß, worauf man sich einlässt.“

Frauen und Kinder aus Libyen, die vor dem Krieg flüchten, „das ist okay“, sagt er, „aber wer kommt? Ihre Männer, die lieber Ihr Gewehr in die Hand nehmen sollten.“ Die Nachfrage, auf welcher Seite sie das denn tun sollten, kann er nicht beantworten, weil er die Kriegsparteien in Libyen ja gar nicht kennt.

Wir halten vor der Redaktion. „Lassen Sie mich raten: bei der Landtagswahl wählen Sie AfD, oder?“ „Ja, was denn sonst?“, herrscht er mich an.

Zum ersten Mal seit langer Zeit gebe ich kein Trinkgeld. „Sie bekommen nichts, ich bringe das Geld nachher den Flüchtlingen am Bahnhof“, sage ich, „für ein Bier.“
„Machen Sie doch, was Sie wollen“, sagt er.

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