Das Dach über dem Schlosstheater wurde vollständig erneuert. Foto: Julian Stähle/dpa-Zentralbild/ZB
© Julian Stähle/dpa-Zentralbild/ZB

Schlosstheater im Neuen Palais wiedereröffnet Seufzer aus Rot und Gold

Lena Schneider

Das Schlosstheater im Neuen Palais war aufgrund von Umbauarbeiten sieben Jahre zu. Jetzt kann dort endlich wieder Theater gespielt werden: Den Auftakt machte das Potsdamer Poetenpack mit „Faust“.

Potsdam - Der erste Eindruck, den herannahende Zuschauer vom Schlosstheater im Neuen Palais haben dürften: Bin ich hier richtig? Nichts an der protzigen Fassade des von Friedrich dem Zweiten errichteten Prachtbaus lässt an ein Theater denken. Es sei denn, der neugierige Blick klettert tatsächlich bis ganz nach oben zu den überdimensionierten Attika-Figuren am Dachfirst: Sie tragen hier nicht Pfeil und Bogen, sondern Masken und Musikinstrumente. 

Als „Fanfaronnade“ soll der Preußenkönig das Gebäude selbst bezeichnet haben. Als Prahlerei. Errichtet von 1763 bis 1769, nach Entwürfen von Johann Gottfried Büring, Heinrich Ludwig Manger, Carl von Gontard und Jean Laurant Legeay. Der Siebenjährige Krieg war gerade zu Ende. Der Palast eine Geste der Überlegenheit, der Machtdemonstration. Eine Siegerpose.

Das Schlosstheater im Neuen Palais. SPSG Hans Bach Vergrößern
Das Schlosstheater im Neuen Palais. © SPSG Hans Bach

Sieben Jahre Palastbau, sieben Jahre Umbaupause

In sieben Jahren ließ Friedrich seine Prahlerei am westlichen Ende des Parks Sanssouci aus dem Boden stampfen. Das Resultat: ein Bau mit 200 Metern Länge, für damalige Verhältnisse enorme Ausmaße, 400 Figuren an der Fassade. Ebenso lang war das Schlosstheater jetzt aufgrund von Umbauarbeiten zu. 2,8 Millionen Euro flossen. Das Resultat in diesem Fall allerdings: kaum sichtbar. Gearbeitet wurde vor allem am Nicht-Sichtbaren.

Der Grund für die Sanierung heißt Hylotox. Bei Umbauarbeiten in den 1960er und 1970er Jahren wurde mit dem in der DDR üblichen Holzschutzmittel gearbeitet, das sich als gesundheitsschädigend erwies. 2013 schloss der Theatersaal, um die Kontaminierung vor allem im Dach zu beheben. Bis 2017 sollte das erledigt sein. 2014 bis 2016 wurde die denkmalgeschützte Dachkonstruktion ertüchtigt, das Dach komplett neu gedeckt, der Schnürboden erneuert, alle Holzteile gesäubert.

Umbaupause. Das Schlosstheater im Neuen Palais während der Brandschutz- und Dekontaminationsarbeiten. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Umbaupause. Das Schlosstheater im Neuen Palais während der Brandschutz- und Dekontaminationsarbeiten. © Andreas Klaer

Erst Hylotox, dann fehlender Brandschutz

Aber Hylotox wütete nicht nur im Dach, sondern auch unter dem Gestühl im Saal. Hier musste das Holz mit einem Vakuumverfahren gereinigt und dann „maskiert“ werden: eine Lackbeschichtung soll nun verhindern, dass das Holz die Giftstoffe weiterhin ausstößt. Vorerst ist die Gefahr gebannt. Nur: Holz arbeitet. Gut möglich, dass in 15 bis 20 Jahren wieder eine Überarbeitung ins Haus steht, heißt es. Auf das Hylotox-Problem folgte die Einsicht, dass die Brandschutzmaßnahmen nicht mehr zeitgemäß seien: abgelaufene Systeme in der Rauchdetektion, veraltete Rettungswege. Sämtliche Versorgungsstränge wurden erneuert, eine neue Beleuchterbrücke eingebaut, stark genug für Elefanten, wie der Bühnenmeister Kai-Uwe Jagsch sagt.

Als Friedrich im südlichen Seitenflügel das Theater errichten ließ, war natürlich nicht vorgesehen, dass die Zuschauerschaft sich von außen nähert. Schon gar nicht zu Fuß. Friedrich selbst lebte direkt nebenan, jenseits der riesigen Prachtgemächer im Haupthaus. Die sogenannte Friedrichwohnung ist ein flacher Bau, eine große zweiflügelige Tür verbindet sie mit dem Theatertrakt. Um von außen zum heutigen Eingang zu gelangen, überquert man einen ungastlichen Vorhof, erklimmt ein wie provisorisch wirkendes Treppchen ganz hinten in der Ecke und nimmt die letzte Terrassentür links. 

Wilhelminischer Schwulst trifft auf Friderizianisches Rokoko

Im Palais dann andere Dimensionen: eine breite Treppe führt zum unteren Parkett, eine weitere nach oben. Der Theatersaal selbst liegt vor einem wie ein glänzender Seufzer aus Rot und Gold. Wilhelminischer Schwulst trifft auf Friderizianisches Rokoko. Die Sitze sind mit rotem Samt bespannt. Das war zu Zeiten des Alten Fritz anders: Da waren nur die ersten zwei Reihen gepolstert – und zwar grün. Der Rest des Publikums saß auf Holzbänken. Die großen Hermen auf den Balkonen aber räkelten sich schon damals in Richtung Bühne. Mit großen Gesten der Furcht, Bestürzung, Staunen oder Neugier. Sie glänzen gülden.

Was diese Hermen schon alles gesehen haben: Wie der Alte Fritz die Aufführungen aus nächster Nähe vor dem Orchestergraben oder von der dritten Reihe aus verfolgte. Wie der Saal 1865 umgebaut, 1929 die Bühnentechnik saniert wurde. Wie zu DDR-Zeiten hier auch Jugendweihen stattfanden. Und natürlich immer wieder auch Theater. In jüngerer Zeit einen zauberhaften Marivaux von Jutta Hoffmann oder eine existenzielle „Fräulein Julie“ von Ingo Berk. Oder die Potsdamer Winteroper, die nach erneut verzögerter Eröffnung im November eigentlich den Spielort nach der Restaurierung einweihen sollte. Kammerakademie Potsdam und Hans Otto Theater sahen sich dazu im Jahr der Corona-Pandemie nicht in der Lage.

"Faust" vom Potsdamer Theater Poetenpack, das damit die Wiedereröffnung des Schlosstheaters im Neuen Palais bestritt. Foto: Rüdiger Boehme Vergrößern
"Faust" vom Potsdamer Theater Poetenpack, das damit die Wiedereröffnung des Schlosstheaters im Neuen Palais bestritt. © Rüdiger Boehme

Die Wiedereröffnung durch das Theater Poetenpack

So kam es, dass die Ehre der Wiedereröffnung vor coronabedingt auf 80 Plätze ausgedünntem Publikum dem Poetenpack zukam, einer freien Potsdamer Theatergruppe. Das passt, gewissermaßen. Denn so wie man dem Saal den Aufwand der letzten sieben Jahre von außen nicht anmerkt, so ließe sich auch der „Faust“ des Poetenpacks, eine Kooperation mit dem Brandenburger Theater, problemlos einige Jahre, Jahrzehnte in der Zeit zurückversetzen. In der Regie von Kai O. Schubert ist Faust (Andreas Hueck) ein zergrübelter alter weißer Mann hinter dem Schreibpult, Gretchen (Clara Schoeller) eine in Weiß gekleidete Unschuld. Der geschmeidige, eher schelmische als bedrohliche Mephisto (Justus Carrière) trägt Zylinder mit Feder und Mantel. Eine weitere Zeitreise in der Zeitreise, die das Schlosstheater ohnehin bedeutet.

Das wandelbare Bühnenbild von Patricia Walczak ist eine halbierte Weltkugel, in der sich die Stimmungen dieses Abends spiegeln: pflaumenviolette Melancholie, rote Lust, goldene Morgenstimmung. Wenn Letztere aufblinkt – am Verzweiflungsabend, bevor die Osterglocken Faust zurück ins Leben holen zum Beispiel – scheint diese Bühne tatsächlich mit den Goldornamenten des historischen Theatersaals verwoben. So stimmig dieses Licht ist, so geschwätzig ist es aber gewissermaßen auch: Hier wird gesagt, was gefühlsmäßig angesagt ist.

Clara Schoeller als Gretchen in "Faust", die Eröffnungsinszenierung des Poetenpack im Schlosstheater nach sieben Jahren Pause. Foto: Rüdiger Boehme Vergrößern
Clara Schoeller als Gretchen in "Faust", die Eröffnungsinszenierung des Poetenpack im Schlosstheater nach sieben Jahren Pause. © Rüdiger Boehme

Ein Mann, ein Buch, ein Ach

Für Zwischentöne, Momente des Innehaltens sorgt das live eingespielte Saxophon von Arne Assmann: Es atmet jene Lücken in den Abend, die er so dringend benötigt. Gibt, gemeinsam mit den kurzen Blacks, die die Szenen voneinander trennen, einen Rhythmus vor, der dem Geschehen etwas Traumhaftes verleiht. Ein Eindruck, den auch die teilweise umgestellte Chronologie bekräftigt: Der Prolog im Himmel wird hier nicht eingangs gesprochen, sondern dann, als Faust das Giftfläschchen schon an die Lippen geführt hat. Hier entscheiden Gott und Teufel über Faustens Leben, bevor es weitergehen kann: Das leuchtet ein.

Was aber nicht einleuchten mag: Warum dieses Gretchen im Jahr 2020 so ungebrochen mädchenhaft-naiv, so spring-fröhlich oder zu-Tode-betrübt gezeigt werden muss, als gäbe es kein Dazwischen und kein Heute. Mit dieser Leerstelle an der Seite bleibt Faust mit seinem Gelehrtendrama ziemlich allein. Ein Mann, ein Buch, und am Ende ein Ach.

Die Vorstellungen des "Faust" sind bis 4. Oktober ausverkauft. Zusatzvorstellungen gibt es vom 2. bis 17. Dezember.

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