Das Foto von Andreas B. Krueger ist Ende März 2011 in Japan entstanden, 14 Tage nach dem Reaktorunglück. Foto: Andreas B. Krueger
© Andreas B. Krueger

Potsdams Galerien beenden den Lockdown Bienen in Plastikblumen

Potsdams Galerien öffnen wieder - und setzen so Zeichen der Hoffnung für die Bildende Kunst. Den Auftakt machen Ausstellungen in der AE Galerie, dem KunstHaus und der Guten Stube.


Potsdam - Mit vorsichtigen Schritten regt sich die Potsdamer Kunstszene wieder. Abstrakte Zeichnungen, Fotos aus Fukushima oder Papierkunst im Freien: Ausstellungshäuser und Galerien reagieren auf die gegenwärtige Situation mit unterschiedlichen Konzepten. Alle sind gewillt, die Szene der Bildenden Kunst in Potsdam der widrigen Umstände zum Trotz nicht veröden zu lassen. Den Anfang machen das KunstHaus, die AE Galerie und die Gute Stube.

Ein Vielschreiber im Ulanenweg

Die Eröffnungsrede zur Ausstellung gebe es erst zum Schluss, erklärte Birgit Möckel, Vorsitzende des Kunstvereins KunstHaus Potsdam anlässlich der Vernissage der neuen Schau „Polygraph“. Gerade angesichts der gegenwärtig wieder steigenden Inzidenzzahlen sei vieles ungewiss. Dennoch ist nun eine Ausstellung von Christian Schwarzwald eröffnet.

Etliche hunderte Zeichnungen des österreichischen Künstlers im Format 32 mal 24 Zentimeter hängen, gefügt zu einer quadratischen Form, an den Wänden des Kunsthauses im Ulanenweg. Das Quadrat nimmt die Form des Ausstellungsraumes des auf. Der „Polygraph“ im Titel der Ausstellung, kann sowohl Vielschreiber wie auch Lügendetektor heißen.

Christian Schwarzwald interessiert sich für Schrift als abstrakte Zeichen. Foto: Christian Schwarzwald Vergrößern
Christian Schwarzwald interessiert sich für Schrift als abstrakte Zeichen. © Christian Schwarzwald

Buchstaben jenseits einer festen Bedeutung

Größtenteils sind es abstrakte Zeichen, die Schwarzwald in Rot, Blau und Schwarz auf Papier und Aluminiumplatten gezeichnet hat. Formen mischen sich, transportieren aber keine bestimmte Bedeutung. Lediglich „Polygraph IV“ besteht aus „Four Letter Words“ aus dem Englischen, Wörtern mit vier Buchstaben. Der Künstler hat sie jeweils an den vier Ecken der Platten angebracht. An den Wänden befindet sich Graffiti, in die: Zeichnungen montiert sind.

„Die Schrift, Schreiben, ist ein ganz individueller Vorgang und sagt sehr viel über einen Menschen“, sagt Schwarzwald. Darum interessiert er sich für das Zeichen, den Buchstaben, auch unabhängig von einer festen Bedeutung. So entsteht ein abstraktes Bedeutungsfeld, das mit jedem Blatt neue Assoziationen eröffnet.

Christian Schwarzwalds Ausstellung "Polygraph" im KunstHaus Potsdam. Foto: Christian Schwarzwald Vergrößern
Christian Schwarzwalds Ausstellung "Polygraph" im KunstHaus Potsdam. © Christian Schwarzwald

Pläne für Veranstaltungen, trotz allem

Lange hat Schwarzwald in Berlin gelebt, seit einigen Jahren unterrichtet der aus Österreich stammende Künstler in Wien. Der Kunstverein hofft, dass die Corona-Regeln zum Ende der Ausstellung weiter gelockert sein werden. „Eine vorherige Ausstellung mussten wir gleich nach der Eröffnung schließen. Eine weitere fand nur virtuell statt“, resümiert Birgit Möckel die vergangenen Monate. 

Dennoch hat der Kunstverein sein Jahresprogramm bereits geplant. Über das ganze Jahr verteilt sind Musikveranstaltungen zusammen mit dem Brandenburgischen Verein Neue Musik angesetzt. Eine für den 19. März. Der Verein hofft, dass danach jeweils ein Gespräch über die nicht immer unmittelbar eingängige Neue Musik mit dem künstlerischen Leiter Thomas Gerwin möglich ist.

Ein Flügel in Tschernobyl, 2014 fotografiert von dem Potsdamer Fotografen Klaus D. Fahlbusch. Zu sehen in der AE Galerie. Foto: Klaus D. Fahlbusch Vergrößern
Ein Flügel in Tschernobyl, 2014 fotografiert von dem Potsdamer Fotografen Klaus D. Fahlbusch. Zu sehen in der AE Galerie. © Klaus D. Fahlbusch

Das Grauen von Tschernobyl und Fukushima

Galeristin Angelika Euchner hat ihre Ausstellung „Hiroshima mon amour - Fukushima“ in der AE Galerie bereits im Februar eröffnet, noch im Lockdown. „Ich habe genauso geöffnet, wie in der Presse angekündigt. Besucher sind zu den Bürozeiten gekommen. Meist führen organisatorische Gründe sie hierher“, erklärt sie. Die Verwaltung habe sich bisher auch noch nicht beschwert.

Die Ausstellung mit Fotos zu den Reaktorunfällen in Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 wurde wegen des großen Interesses verlängert, so Euchner - auch von Seiten der japanischen Botschaft. Teils Jahrzehnte später zeigt sich in den dokumentarischen Bildern der Schau das Grauen, das die letztlich doch nicht beherrschbaren Atommeiler bei ihrem Kollabieren verursacht haben. 

Das Verhältnis von Künstlichkeit und Natur

Ein Vergnügungspark, geplant nahe der Arbeiterstadt Prypjat, die damals für das Kraftwerk Tschernobyl errichtet worden war, wurde nie eröffnet. Das verwaiste Riesenrad wirkt wie ein Sinnbild der erstarrten Gesamtsituation, die einen ganzen Landstrich über Jahrzehnte gelähmt hat. 

Mit 500 Plastikblumen bestückt die Fotografin Megumi Fukuda einen Garten ihres Großvaters, der die Katastrophe von Hiroshima überlebt und als Gärtner gearbeitet hat. Mit den Plastikblumen will Fukuda herausfinden, wie sich Natur und Künstlichkeit zueinander verhalten. „Nachdem die Plastiktulpen ein Jahr gestanden hatten, war dort Leben eingekehrt“, sagt Euchner. „Insekten hatten sie besiedelt“.

Die Papierinstallation von Alice Bahra ist im Hof der Galerie Gute Stube zu sehen. Foto: Ottmar Winter PNN Vergrößern
Die Papierinstallation von Alice Bahra ist im Hof der Galerie Gute Stube zu sehen. © Ottmar Winter PNN

Papierinstallation im Hof der Guten Stube

Im Hof des Potsdamer Kunstvereins in der Charlottenstraße schwingt eine Papierinstallation von Alice Bahra im Wind. Aufgereiht an Fäden bewegen sich weiße, dreieckige Papiere. Bahra, die gelernte Keramikerin ist, hat sich schon seit Jahren dem Material Papier und der Fotografie zugewandt. 1960 bis 1964 war sie Schülerin Hubert Globischs, von dem parallel maritime Motive in der Guten Stube zu sehen sind. 

Bahra zeigt unter dem Titel „Im Fokus“ hier Fotografien sich wandelnder Lichtstimmungen in ihrem Atelier und außerhalb. Die Ausstellung zeigt den Blick nach Innen, aufs Private. Das war zwar so nicht geplant, sagt die Künstlerin - und passt doch gut zu der aktuellen Situation unter Corona-Bedingungen. 

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