Bei Elena Baschkirova folgt auf Stimmungsmalendes von Mozart und Dvorák der knallige Antipode Bartók.  Foto: Nikolaj Lund
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Pianistin Elena Baschkirova im Palais Lichtenau Überirdische Schwelgereien

Babette Kaiserkern
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Die Pianistin Elena Baschkirova spielt im Palais Lichtenau ihren ganz persönlichen Mozartreigen. Verheiratet ist sie mit Daniel Barenboim.

Potsdam - Seit ihrer Kindheit ist sie ihm verfallen. „Es klingt banal, aber ich liebe Mozart“, sagt Elena Baschkirova. Für ihren neuen Klavierabend, mit dem sie sich kommenden Dienstag im Palais Lichtenau vorstellt, wählte die Pianistin eine sehr persönliche Serie von Mozartstücken, die diese alte und ewig frische Liebe unter Beweis stellen. Dazu gesellt sich mit den „Poetischen Stimmungsbildern“ von Anton Dvorák ein kaum bekanntes musikalisches Kleinod. Und als grandiosen Kontrast gibt es Bela Bartóks „barbarische“ Klaviersonate Sz. 80.

Obwohl Elena Baschkirova vielbeschäftigt ist, nimmt sie sich Zeit, um bei einem Tee in ihrem Zuhause, das sie mit ihrem Gatten Daniel Barenboim teilt, über das Programm zu sprechen. Viele Jahre reiste sie mit Solo-Programmen durch die Welt, doch das Gefühl von Einsamkeit vor und nach dem Auftritt gefiel ihr gar nicht. Vor allem nachdem ihre beiden Söhne auf der Welt waren, vermisste sie ihre Familie. So gründete sie vor zwanzig Jahren ein Festival für Kammermusik in Jerusalem. Seit acht Jahren existiert ein Ableger davon im Jüdischen Museum Berlin: das Festival intonations. Bei beiden freut sich Elena Baschkirova jedes Mal aufs Neue, wenn es ihr wieder gelungen ist, Musiker in perfekter Harmonie zusammenzubringen.

„Als Kind wollte ich Opernregisseurin werden."

Als Tochter einer Geigerin und eines Pianisten und Professors am Moskauer Tschaikowski-Konservatorium war sie von Kindheit an umgeben von Musik. Von ihrem Vater Dmitri Baschkirov erlernte sie das Klavierspiel. Durch ihre Mutter, die im Orchester des Bolschoitheaters spielte, erwachte die Liebe zur Oper und ganz speziell zu denen von Mozart.

„Als Kind wollte ich Opernregisseurin werden. Jetzt kann ich das auf dem Klavier herausbringen“, freut sich Elena Baschkirova. Denn gerade Mozarts Musik besitze solch eine Fülle von Charakteren, Situationen und Affekten wie sonst kaum eine. Ein Beispiel dieses unendlich großen inneren Reichtums gibt schon die kleine Fantasie d-Moll, mit dem Elena Baschkirova ihr Recital eröffnet. Obwohl nur kurz und ein Fragment noch dazu, besticht diese einzigartige Mozart-Fantasie mit ergreifenden, schnell wechselnden melodischen Motiven. 

Auf das leichtherzige D-Dur-Rondo folgen die selten zu hörenden Variationen pour le Clavecin A-Dur. Sie basieren auf dem letzten Satz von Mozarts berühmtem Klarinettenquintett – ein solches Werk in der Klavierfassung zu spielen, zeugt von hohen Ansprüchen. „Es gibt so viel Innigkeit darin, es platzt vor Gefühlen. Man sagt ja, die Kinder spielen gut Mozart, weil sie noch die Unschuld haben“, so Elena Baschkirova. Mit der großen B-Dur-Sonate folgt ein beliebtes Werk, das als einzige von Mozarts Klaviersonaten ein großes Konzertfinale besitzt. Dass ein Pianist auswendig spielen müsse, sei ein altes Dogma, dem Elena Baschkirova widerspricht: „Der Druck auswendig zu spielen, ist im Grunde unmusikalisch.“ Manchmal sei es gut, die Noten vor sich zu sehen, denn sie geben einem die innere Ruhe, die es brauche, um die musikalischen Ideen auszudrücken.

Poetische Stimmungsbilder

Reich gefüllt mit Bildern aus der inneren Vorstellungskraft sind die „Poetischen Stimmungsbilder“ von Anton Dvorák. Als Klavierkomponist ist der große tschechische Musiker weniger bekannt, ja er galt sogar als zweitrangig im Vergleich zu anderen Meistern der Romantik. Dvorák selbst zeigte sich sehr zufrieden mit diesen späten kleinen Werken, die er auf seinem Sommersitz in Vysoká vollendete, sah aber gleichwohl voraus, dass nur wenige Pianisten sich ihrer annehmen würden. Die Reise ins Dvorák-Land war eine wunderbare Entdeckung für Elena Baschkirova. Begeistert schwärmt sie von den „Poetischen Stimmungsbildern“: „Sie sind bezaubernd, sie öffnen das Herz.“

Nach so viel geradezu überirdischen Schwelgereien in Melodie und Harmonie gibt es noch einen knalligen Antipoden im Programm. Den Wandel des Zeitgeistes nach dem ersten Weltkrieg repräsentiert Béla Bartóks Sonate Sz. 80 in radikaler Kompromisslosigkeit. Es ist ein rhythmisch intensives, konstruktivistisches Stück, bei dem das Klavier über weite Strecken perkussiv eingesetzt wird. Zugleich besitzt es, wie kein zweites Werk aus dieser Epoche, im Mittelsatz grandios gebrochene, elegische Klänge.

Was Mozart für seine Zeit erreicht hat, was Dvorák kreierte, gelang Bartók auf seine Weise: vollendete Klaviermusik, angefüllt mit Charakteren, Bildern, Gedanken und Gefühlen. In ihrem Recital nimmt Elena Baschkirova die Herausforderung an, diese fantastischen musikalischen Gebilde neu zu beleben.


Palais Lichtenau, 15. Januar, 20 Uhr, Karten für 40 Euro an der Abendkasse

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