Die Ausstellung "weltall-erde-mensch" von Rainer Sperl ist ab 1. April im Potsdam Museum zu sehen. Foto: Ottmar Winter PNN
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Personalausstellung zu Rainer Sperl im Potsdam Museum In der Sperlzone

Mal zart, mal deftig, immer satirisch: Das Potsdam Museum zeigt in einer Personalausstellung erstmals die erfinderische, eigensinnige Welt des Potsdamer Künstlers Rainer Sperl.

Potsdam - Atlas, der Titan, ist müde. Er gönnt sich ein Päuschen. Die Weltkugel hat er abgelegt, jetzt ist sie ihm Rückenlehne. Er sitzt da, wie Zeus ihn schuf, nur das Gemächt dürftig mit einem goldenen Blatt bedeckt. Der von ebenfalls goldenen Locken umkrauste Kopf ist ihm auf die Brust gesunken. Auf dem Knie balanciert er, gerade so, ein fast leeres Weinglas. Atlas, der Titan, ist besoffen - und das Dach des Alten Rathauses, sein Potsdamer Posten, ist leer.

In der neuen Sonderausstellung des Potsdam Museums gibt der schlafende Atlas den nachlässigen Türsteher. Die Schau ist dem Potsdamer Künstler und Galeristen Rainer Sperl gewidmet. „weltallerdemensch“ heißt die Schau - betitelt nach dem Buch, das Generationen von Ostsozialisierten seit 1954 zur Jugendweihe bekamen. Hier zeigt sich einer, der seine Ostbiografie nicht versteckt - vor allem aber: einer mit Humor. Der sperlsche Blick auf die drei großen Themen, die der Titel umreißt, ist mal zart, mal deftig, und immer satirisch. Kein Zufall, dass er auch einer der Gründer des Kabaretts „Obelisk“ ist.

Den "Atlas" hat Rainer Sperl für die Ausstellung im Potsdam Museum geschaffen: Er hat ihn dafür vom Dach des Alten Rathauses geholt. Foto: Ottmar Winter PNN Vergrößern
Den "Atlas" hat Rainer Sperl für die Ausstellung im Potsdam Museum geschaffen: Er hat ihn dafür vom Dach des Alten Rathauses geholt. © Ottmar Winter PNN

Noch im stärksten Titan sieht er den menschlichen, verletzlichen Kern

Rainer Sperl ist gebürtiger Chemnitzer, Jahrgang 1949, seit 1976 lebt er in Potsdam. Her zog er für seinen Broterwerb als Filmarchitekt im Defa-Studio für Spielfilme, aber seit 1986 ist er freiberuflicher Künstler. Ungefähr genauso lange experimentiert er schon mit dem Material, aus dem auch der müde Atlas ist: Terrakotta.

Dieser Atlas bündelt alle Qualitäten, die das Sperlsche Universum insgesamt ausmachen: Noch im stärksten Titanen sieht Sperl den menschlichen, also verletzlichen Kern. Der zeigt sich nicht nur, aber auch in den unidealischen Körpermaßen des Titan: Er gleicht eher einer Putte als einem Herkules. Noch den größten Mythos vermag Sperl auf Alltagsmaß herunterzubrechen. Noch im Zartesten liegt bei ihm etwas Anarchisches. Oder in der Anarchie eine Zartheit? Ein Atlas, der Rotwein trinkt, anstatt der Weisung seines Vorgesetzten Zeus zu folgen und die Welt zu buckeln, das ist nicht weniger als Befehlsverweigerung. Das Sperlsche daran: Sein Atlas sieht zufrieden aus dabei.

In vielen der satirischen Arbeiten ist Rainer Sperl selbst zu erkennen. Foto: Ottmar Winter PNN Vergrößern
In vielen der satirischen Arbeiten ist Rainer Sperl selbst zu erkennen. © Ottmar Winter PNN

Ein Heer von friedvollen Ungehorsamen

Sperl schafft mit seinen Figuren ein Heer von friedvollen Ungehorsamen. Das erkennt man schon daran, dass man oft nicht erkennt, mit wem man es hier eigentlich zu tun hat. Mensch oder Tier? Oder Maschine? Oder mythisches Wesen? Die Skulpturen sperren sich gegen eindeutige Zuordnungen, so wie sich der Künstler gegen eindeutige Interpretationen sperrt.

Die Skulpturen, die Rainer Sperl aus dem riesigen Fundus seiner Babelsberger Ateliers bastelt, nennt er ganz einfach „Sperlzeug“. Wer diese Ausstellung betritt, betritt eine „Sperlzone“, so steht es an der Eingangstür. Diese Zone wird bevölkert von rund 40 Skulpturen. Kuratorin Hendrikje Warmt hat versucht, sie zu gruppieren: unter die Themen Weltall, Erde, Mensch - aber natürlich ist das All nichts ohne die Erde, die Erde nichts ohne das Menschliche. 

Sperl deutet viele klassische Motive der Kunstgeschichte neu, hier "Das Narrenschiff". Foto: Ottmar Winter PNN Vergrößern
Sperl deutet viele klassische Motive der Kunstgeschichte neu, hier "Das Narrenschiff". © Ottmar Winter PNN

Kalauernder Witz, grundsätzliche Kommentare

Das wird schon beim Betreten der Schau deutlich: Eine Discokugel wirft kosmisches Licht in den Raum, die Gestalten, die sich darunter in einer engen Gondel drängeln, sind nur allzumenschlich: Sie trinken, singen, blasen in Instrumente, einer mit Krone kneift die Augen zu. Sie alle sind galaktisch unterwegs - wollen aber nicht sehen, wohin. Der Titel: „Mondscheinparty“.

Kalauernder Witz ist hier nie weit weg vom grundsätzlichen Kommentar auf die Beschaffenheit dieses tierischen Wesens Mensch an sich. Und man tut bei Rainer Sperl immer gut daran, die Skulpturen von vorne und hinten, und bis in den Titel hinein zu betrachten. „Kleiner Trompeter“ heißt ein Elefantentier mit Trompetenrüssel, in Anspielung auf das in der DDR sehr bekannte Lied auf einen gefallenen Soldaten. Vorn trompetet das Fabelwesen bei Sperl hingebungsvoll - und hinten auch. Aus dem Hinterteil ragt das Mundstück der Trompete.

"Die Taufe des Friedrich II.", eine von rund 40 Skulpturen in der Ausstellung.  Foto: Ottmar Winter PNN Vergrößern
"Die Taufe des Friedrich II.", eine von rund 40 Skulpturen in der Ausstellung.  © Ottmar Winter PNN

Friedrich der Große, ganz klein

Überhaupt mischt Ideologiekritik ganz ordentlich mit in der Kunst des Rainer Sperl. Vor allem Preußentum kommt nicht gut weg. „Der König geht baden oder die Taufe des FII.“ heißt eine Skulptur, die den Soldatenkönig nebst Gattin und drei Lange Kerls in einer Blechwanne zeigt - bis zum Bauchnabel in rotem Saft. Blut, Wein? Ganz vorne, ganz klein: Sohn Friedrich, später der Große. An anderer Stelle sind die Langen Kerls in Form von langen Lanzen zu sehen: auf uniformen Stäben stecken Köpfe. Dumme, ratlose, verschmitzte. Karikaturen, aber klar auch Individuen.

Militarismus-Satire sieht sich in Zeiten tatsächlichen Kriegsgeschehens anders als in Friedenszeiten. Das sagt auch Sperl. Die Auswahl für diese Schau stand lange bevor Russland den Angriffskrieg auf die Ukraine begann. Tagesaktuelle Bezüge sind aber ohnehin nicht die Sache von Rainer Sperl. Eher schon die Beobachtung von Hornochsen und Haien, Eitelkeiten und Begehrlichkeiten, die es immer schon gab, und immer geben wird. Erstaunlich tagesaktuell mutet eine Arbeit von 2009 an. Titel: „Entwurf zum Neubau der Garnisonkirche zu Potsdam“.

Rainer Sperl lebt seit 1976 in Potsdam, ist seit 1986 freier Künstler und betreibt seit dreißig Jahren mit seiner Frau eine Galerie. Foto: Ottmar Winter PNN Vergrößern
Rainer Sperl lebt seit 1976 in Potsdam, ist seit 1986 freier Künstler und betreibt seit dreißig Jahren mit seiner Frau eine Galerie. © Ottmar Winter PNN

Für da Lachen, für die Kunst

„Eindeutig ein Siegerentwurf“, sagt Sperl in sperlscher Manier dazu, „zu errichten in Originalhöhe natürlich“. Der Entwurf zeigt einen erhobenen Zeigefinger. Ein Fingerglied ist eine durchsichtige Kapsel, in der ein bärtiger Mann in Uniform sitzt, die Augen fest geschlossen. „Ich bin nicht für den Turm und nicht dagegen“, sagt Sperl. Er ist für das Lachen und für die Kunst. „Wofür sonst?“

Vom 1.4. bis 9.10. zu sehen im Potsdam Museum

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