"Time to play" heißen die Fotos der finnischen Künstlerin Iiu Susiraja, derzeit zu sehen in "Touch me" im Kunstraum Potsdam. Foto: Andreas Klaer
© Andreas Klaer

„Nudes“ im Kunstraum Potsdam Time to play

Mann? Frau? Egal? „Touch me“ versammelt im Kunstraum Potsdam Akte aus der Sammlung Timo Miettinen. Zu sehen sind nackte Körper in all ihrer Vielfalt - als hochpolitische Gestaltungsräume.

Potsdam - Vor zwei Jahren war im Kunstraum Potsdam eine Ausstellung der Berliner Künstlerin Stefanie Gutheil zu sehen. „Övre“ hieß sie, und versammelte farbenprächtig eine Phantasiewelt aus Höhlenmenschen und Whistleblowern, bevölkert von Fabelwesen zwischen Mensch und Tier, Mann und Frau. Auch in der aktuellen Schau „Touch me“ ist Stefanie Gutheil dabei - nur dass sie jetzt Oska Gutheil heißt.

Das Bild, das jetzt dort hängt, heißt „Gymnastics“: Zwei Wesen turnen übereinander, die Gesichter hinter Masken verborgen. Die obere Figur blank und fleischfarben, eine Frau? Die untere, unbequem verrenkt, im blauen Ganzkörperanzug. Ein Mann? Ist das überhaupt wichtig?

Kein Entweder-Oder mehr

Wer im Jahr 2022 eine Ausstellung über Körper macht und es ernst meint, bewegt sich auf hochpolitischem Terrain. Vielleicht nie zuvor war der Körper so sehr Gestaltungsraum wie heute. Das biologische Geschlecht ist ein Ausgangspunkt, aber nicht unbedingt Endpunkt einer Identitätssuche. Mann oder Frau - das ist nicht mehr Entweder-Oder. Gleichzeitig regieren Normierungszwänge wie eh und je, beherrscht ein bestimmtes Körperideal (schlank, am besten weiß) noch immer den Mainstream. Diese Schau, sie zeigt auch das Gegenteil.

„Nackte Menschen haben wenig oder keinen Einfluss auf die Gesellschaft“, soll Mark Twain gesagt haben. Die Macher:innen von „Touch me“ zitieren den Satz genüsslich, weil sie sie wissen: Er könnte falscher nicht sein. Dass es in „Touch Me“ um Nacktheit gehe, hält Timo Miettinen überhaupt für einen Irrtum. Es gehe nicht um Blöße, sagt er, vielmehr um Körper - deren politische Aussagekraft, deren vielgestaltige Formen. 

Das Gemälde „Gymnastics“ von 2017 stammt von Oska Gutheil, der 2020 als Stefanie Gutheil hier ausstellte. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Das Gemälde „Gymnastics“ von 2017 stammt von Oska Gutheil, der 2020 als Stefanie Gutheil hier ausstellte. © Andreas Klaer

Neue Möglichkeiten durch externe Sammlungen

Timo Miettinen ist in Helsinki Vorsitzender der EM Group Oy, einem finnischen Familienunternehmen. Und seit seinem 16. Lebensjahr ist er Sammler. Zunächst, gemeinsam mit der Mutter, Landschaften und Stillleben, seit 2004 vermehrt Zeitgenössisches. 1300 Werke umfasst seine Sammlung inzwischen. Einen Teil davon zeigt er in der Marburger Straße in Berlin-Charlottenburg. Dort hat er ein Haus gekauft, seine riesige Wohnung zur Galerie gemacht. Zum „Salon“ wie er sagt. Was er hat, will er zeigen.

Hier kommt der Kunstraum ins Spiel. Bislang hat Leiter Mike Gessner selbst kuratiert oder kuratieren lassen, hat Einzelausstellungen gemacht. Dass ein einzelner Sammler so groß zum Zuge kommt, ist neu. Künftig gerne einmal im Jahr, sagt er. Das weite den Blick. „Und es eröffnet noch einmal ganz neue Möglichkeiten.“

Schiele grüßt. Der ghanaische Künstler Amoako Boafo zitiert in seinen Porträts Schwarzer Menschen klassische Posen. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Schiele grüßt. Der ghanaische Künstler Amoako Boafo zitiert in seinen Porträts Schwarzer Menschen klassische Posen. © Andreas Klaer

Picasso, Lüpertz, Hockney

So kommt es, dass jetzt erstmals drei Radierungen von Picasso im Kunstraum hängen, oben im ersten Stock. Von Markus Lüpertz, einer der bekanntesten deutschen Gegenwartskünstler, steht eine übermannshohe Skulptur des Heiligen Sebastian hier - früher übrigens in Miettinens Wohnzimmer, wie er nebenbei sagt. Von Francis Picabia, dem kolportierten Frauenhelden, ist ein Doppel-Akt zu sehen: zwei Männer in enger Umarmung. Auch David Hockney ist dabei, dessen Bilder auf Auktionen viele Millionen Dollar erzielen.

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Aber auch jenseits des Promi-Faktors macht „Touch me“ ein erstaunliches Panorama auf. Das beginnt beim antiken Torso gleich im Eingangsbereich, ein Apoll oder Dionysos aus dem 1. Jahrhundert - der Ausgangspunkt für alle folgenden Betrachtungen von Nacktheit. Die Skulptur ohne Kopf und Gliedmaßen nimmt trotz aller Idealmaße das Brüchige, Verletzliche vorweg, das viele der hier gezeigten Körper haben.

Timo Miettinen ist der Sammler hinter der Miettinen Collection, deren Akte in "Touch me" zu sehen sind. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Timo Miettinen ist der Sammler hinter der Miettinen Collection, deren Akte in "Touch me" zu sehen sind. © Andreas Klaer

 

Geschwollene Muskelpracht, flächige Körperlichkeit und der Humor von Iiu Susiraja

Spuren von Hauterkrankungen, Krebs oder Aids sind zu finden - aber auch die in der idealisierten Überhöhung fast humoristischen Akte eines Tom of Finland, der schon in den 1940er-Jahren homoerotische Zeichnungen mit riesig geschwollenen Penissen und vor Muskelkraft schier platzenden Bizeps schuf.

Die flächige, beinahe gemütliche Körperlichkeit eines Alexander Basil steht neben der entspannten Nacktheit des jungen ghanaischen Künstlers Amoako Boafo, dem die Kunstzeitschrift Monopol einen „kometenhaften Aufstieg“ attestierte. Er malt einen Mann beim Lesen, in einer Pose, die an Egon Schiele erinnert - aber mit schwarzer Hautfarbe.

Einem Porträt des Models Kate Moss von Katherine Bernhardt gegenüber hängen zwei Fotos der finnischen Künstlerin Iiu Susiraja. Ihren massigen Körper hat sie in theatralem Setting zwischen Klobecken, roten Pumps und weißen Schwänen in Szene gesetzt. Der Titel: „Time to Play“. Er könnte für die Gesamtheit dieser Schau gelten. Sie jongliert mit den Möglichkeiten sexueller Identität ebenso virtuos wie mit den Erwartungen der Zuschauer:innen, die kommen, um „Nudes“ zu sehen.

„Touch me“, bis 20. März im Kunstraum Potsdam 

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