Schauspieler Guido Lambrecht Foto: PNN / Ottmar Winter
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Kraftakt gegen die Urgewalten Guido Lambrecht ist der Deichgraf im "Schimmelreiter"

Am 1. März 2019 hatte hat Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ am Hans Otto Theater Premiere. Die PNN haben sich mit dem "Deichgrafen" Guido Lambrecht getroffen.

Potsdam - Manchmal ist Schauspiel harte körperliche Arbeit – im ursprünglichen Sinne. Sandsäcke schleppen zum Beispiel. Und diese eine schräge Ebene hinaufbefördern. Das nämlich muss Schauspieler Guido Lambrecht gleich zu Beginn des Stücks. Ihm gefalle der Einstieg, gerade weil dieser sehr körperlich sei, sagt der 51-Jährige. In der Inszenierung von Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“, die am 1. März 2019 am Potsdamer Hans Otto Theater (HOT) Premiere hatte, spielt er den Deichgrafen Hauke Haien und kämpft als dieser vollbepackt mit der herausfordernden Schräge auf der Bühne. Hauke Haien beschäftigt sich seit Kindheitstagen damit, wie sein nordfriesisches Heimatdorf von den Fluten verschont werden kann. Der Einsatz aller physischen Kräfte ist somit ein wichtiges Element in dem Stück, in dem sich alles um den Deichbau dreht. Der entscheidende Schutzwall gegen die Urgewalt des Meeres.

Bei Sturmflut auf Spiekeroog

Welche Bedeutung diese in den Küstenregionen haben, erlebte Lambrecht selbst. Als er Freunde auf der ostfriesischen Insel Spiekeroog besuchte, kam eine Sturmflut. Er habe erfahren, wie existenziell das sei, sagt er bei einem Gespräch im HOT. Dass die Existenz eines ganzen Dorfes bedroht ist, wenn die Konstruktion der Deiche fehlerhaft ist, versteht schon der junge Hauke Haien in Storms Novelle von 1888. Stundenlang sitzt er als Kind am Wasser und beobachtet den Wellengang. Er ist Einzelgänger und mathematisch begabt. Früh begreift er, dass die steil abfallende Form der Deiche leichter zu einem Bruch führen kann, als ein langsam ansteigender Deich, der sich stärker der Form der Wellenbewegung anpasst. Später als Deichgraf setzt er den neuen Deichbau gegen den Widerstand der Dorfbewohner durch. Und das mit aller Härte. Trotz Regen und Wind zwingt er seine missmutigen Arbeiter, weiterzubauen, von früh bis spät. Der neue Deich erweist sich schließlich als erfolgreich. Die Distanz zu den Dorfbewohnern bleibt dennoch bestehen.

An eine Inselbegabung oder an das Asperger-Syndrom hätten Regisseurin Katrin Plötner und er bei der Figur des Deichgrafen gedacht, erzählt Lambrecht. Schließlich zieht sich Hauke Haien immer mehr zurück, sucht kaum den Kontakt zu den anderen Dorfbewohnern und hat nur zu seiner Frau Elke (gespielt von Kristin Muthwill) und seiner Tochter Wienke ein liebevolles Verhältnis. In seiner Interpretation hat sich Lambrecht auf das Deich-Thema konzentriert und will den Protagonisten vor allem in seiner Verschlossenheit zeigen. „Schmaler spielen“, nennt er das. Man schaue in sich selbst, wie sich das hervorbringen lässt. Hauke Haien, der stille, weltferne Mensch, sei ihm vom Wesen her eher fern. „Das bin ich eigentlich nicht. Eher das Gegenteil.“ Umso interessanter sei es, sich dieser Figur anzunähern. Auch in Konflikten mit seinem stärksten Widersacher Ole Peters. Von diesem lässt sich Hauke Haien in einem entscheidenden Moment davon abbringen, den letzten Schritt zu gehen. Es ist der Beginn des Untergangs. „Es gibt dramatische Momente“, kündigt Lambrecht an, ohne zu viel verraten zu wollen.

Auch der Schimmel, in dem die Dorfbewohner den Teufel vermuten, der Unglück über das Dorf bringen wird, nimmt in der Inszenierung eine wichtige Rolle ein. Ein echtes Pferd hätten sie auf der Bühne nicht. „Er wird verbalisiert“, sagt Lambrecht nur. Mit dem Schimmel, den Hauke Haien einem zwielichtigen Händler abkauft, sowie anderen Tieren greife die Regisseurin auch Spuk und Aberglaube auf, die in der Novelle angelegt sind. Allerdings in einer abgewandelten Form.

Parallelen zur Psychotherapie

Überhaupt findet der Schauspieler, dass die Lesart eines Stücks entscheidend sei. Wichtiger als die einzelnen Rollen sei die Zusammenarbeit mit verschiedenen Regisseuren. Aber er sagt auch: „Rollen, an denen sich ein ganzes Stück erzählt, sind immer spannend.“ Wie eben im Falle der Figur des Hauke Haien.

Es ist das Unmittelbare, das Lambrecht an Theater und Schauspiel schon immer fasziniert hat. Der Ort, an dem man Konflikte zwischen Menschen unmittelbar darstellen könne, sagt Lambrecht und zieht Parallelen zur Psychotherapie. „Das macht mit beiden Seiten etwas“, findet er. „Mit den Spielern und im besten Fall auch mit den Zuschauern.“

„Ich lebe im Moment.“

Lambrecht, 1968 in Dessau geboren, wusste schon früh, dass er Schauspieler werden wollte. „Das war für mich immer klar.“ Mit sieben Jahren teilte er seiner Mutter diesen Wunsch mit. Reizvoll sei für ihn damals die Vorstellung gewesen, in der Tagesschau zu sehen zu sein, erzählt Lambrecht und lacht. Als Kind spielte er regelmäßig in verschiedenen Stücken mit. In der neunten Klasse war er Förderkind an der Schauspielschule „Ernst Busch“. Schließlich studierte er an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig. Es folgten unter anderem Engagements am Schauspiel Leipzig, am Schauspielhaus in Hamburg sowie am Bayerischen Staatsschauspiel München. In Berlin arbeitete er an der Volksbühne sowie am Maxim-Gorki-Theater. Auch in verschiedenen Filmen und Fernsehserien war Lambrecht bereits zu sehen, darunter im Tatort, im Polizeiruf oder auch in „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“.

Seit Sommer letzten Jahres ist er festes Ensemblemitglied am Potsdamer Hans Otto Theater, wo er aktuell auch in der Inszenierung von Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ auf der Bühne steht. Mit seiner Familie wohnt der Schauspieler mittlerweile in Potsdam. Das sei eine bewusste Entscheidung gewesen. „Ich wollte dort leben, wo ich arbeite“, sagt Lambrecht. Dass er seine Rollen nach der Probe ablegt, ist dem Schauspieler wichtig. „Ich lebe im Moment.“ Dass man nur so die stärkste Kreativität entfalten könne, davon ist er überzeugt. Nur wenn er derart große Rollen wie eben den Hauke Haien spielt und die Premiere noch dazu kurz bevorsteht, sei das nicht immer möglich. In den letzten Probentagen wird noch hart gearbeitet. Aus dem naheliegenden Bühnenraum ist ein Donnergrollen zu vernehmen. Die Sturmflut naht.

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