Schriftstellerin Judith Schalansky und Politiker Robert Habeck (r.) diskutierten über den Wert und die Macht der Sprache. Ortwin Renn (M.) vom Potsdamer Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung moderierte. Foto: Andreas Klaer
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Judith Schalansky und Robert Habeck bei Lit:Potsdam Zwei Intellektuelle und die Sprache

Sarah Kugler

Schriftstellerin Judith Schalansky und Grünen-Vorsitzender Robert Habeck harmonierten bei Lit:Potsdam. Sie diskutierten über die Macht der Sprache in Kunst und Politik.


Potsdam - Auf jeder anderen Veranstaltung hätte Robert Habeck ein anderes Kapitel gewählt. Er hätte nicht seine Auseinandersetzung mit der Deutschen Literatur- und Kulturgeschichte vorgelesen, sondern vielleicht etwas zum Sprachkonzept der Liebe vorgestellt. Im Rahmen von Lit:Potsdam wurde er aber mit Judith Schalansky zusammengebracht. Einer Schriftstellerin, deren Werke sprachlich anspruchsvolle Kunstwerke sind. Besonders ihr aktueller Prosaband „Verzeichnis einiger Verluste“ zeigt die Vielseitigkeit ihres Erzähltons, die Liebe zum poetischen Detail.

Da kann Robert Habeck, Parteivorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, mit seinem Buch „Wer wir sein könnten. Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht“ nicht ganz mithalten. Das gab er selbst am Donnerstag im Potsdam Museum unumwunden zu – und versuchte es dennoch. Indem er sein Kapitel „Die Nation als Kunstwerk“ vorstellte, ein etwas verkürzter Ritt durch die verschiedenen Literaturepochen und deren Auswirkungen. Immer Bezug nehmend auf die kulturelle Erschaffung eines Nationalgedankens durch Sprache. 

Ein Konzept, das aufgeht

Verblüffenderweise ergänzten sich seine Ausführungen mühelos mit den Gedanken Judith Schalanskys, die sich vor allem im Vorwort von „Verzeichnis einiger Verluste“ mit der nachträglichen Konstruktion unserer Vergangenheit beschäftigt – ebenfalls durch Sprache. Gerne hätte man noch weitere ihrer Texte gehört, die viel zugänglicher, viel poetischer als ihr – wie sie selbst sagt – „wahnsinniges“ Vorwort sind.

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Trotzdem ist endlich das gelungen, was die Organisatoren von Lit:Potsdam auch schon in vorhergehenden Lesungen, etwa mit Nino Haratischwili und María Cecilia Barbetta sowie Alexa Henning von Lange und Karen Duve versucht haben: Das Zusammenbringen zweier schreibender Intellektueller, die sich auf fast identische Art mit einem Thema auseinandersetzen. In diesem Fall die Konstruktion einer Wirklichkeit durch Sprache.

Alltägliche Beispiele

Judith Schalansky brachte im Potsdam Museum ein schönes alltägliches Beispiel: Beerdigungen. „Das sind Situationen, in denen eine Person fehlt und somit eine Leerstelle ausgefüllt werden muss“, sagte sie. Die Folgen seien nicht selten ausgeschmückte Geschichten über den Verstorbenen, oft positive. Mythenbildung zur Tröstung. Eine Aufgabe, die früher die Religion übernommen habe. Die Geschichten hätten sich geändert, die Funktion ist die gleiche geblieben. Sinnsuche, seinen eigenen Platz in der Welt verifizieren. Wahrhaben wollen das die wenigsten.

Ähnlich sei es in der Politik, sagte Habeck. Wichtig wäre es, sich ständig zu hinterfragen, Fehler zuzugeben, anderen Parteien auch mal zuzustimmen. „Wiedergewählt wirst du allerdings, wenn du andere beleidigst und dich selbst als Tollsten darstellst“, ergänzte er. 

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Es war amüsant zu beobachten, wie Habeck die Bühne gekonnt für sich zu nutzen wusste, ohne sich aufzudrängen. Publikumsnah waren seine Anekdoten über Beziehungen, die wegen sprachlicher Aussetzer schnell in die Brüche gehen können. „Wenn Sie Ihrem Partner ständig vorwerfen, er sei zu blöd, die Mülltüte richtig zuzuknoten, wird es nicht lange halten“, sagte er. Auch der Kosename „Schatzi“ führe irgendwann zielsicher zum Tod der Liebe. Simple Beispiele dafür, welche Auswirkungen Sprache haben könne. „Deswegen ist es eben nicht egal, wie wir etwa Flüchtlinge bezeichnen“, betonte Habeck.

Das Selbstdarstellerische ist Schalansky zuwider

Eine Zuschauerin bemerkte zu Recht, dass sein intellektueller Buchtext eigentlich der von ihm gepredigten Offenheit der Sprache widerspreche. Seine alltäglicheren Anekdoten würden viel mehr Menschen erreichen. Habeck stritt das nicht ab, räumte aber ein, dass es auch ihm nicht immer gelänge, das Elitäre, die politische Mythenbildung mitzudenken und im besten Fall sogar zu dekonstruieren. Dabei sei es so wichtig, Sprache klar zu formulieren und trotzdem ambivalent sein zu dürfen.
Dieses Unambivalente schrecke Judith Schalansky von der Politik ab, wie sie sagte. „Natürlich wird oft an mich herangetragen, mich zu politischen Themen zu äußern, mich einzumischen.“ Doch das Selbstdarstellerische liege ihr nicht, es sei ihr zutiefst zuwider. 

Lieber stellt sie ihre Werke dar, deren Klappentexte sie selbst schreibt und an deren Gestaltung sie ebenfalls mitbeteiligt ist. Beim Signieren ihrer Bücher unterschrieb sie mit Füller und verzierte mit mitgebrachten Stempeln. Wieder konnte Habeck, der eine simple Unterschrift setzte, nicht mithalten, wie er schmunzelnd und gespielt verzweifelt bekannte. 


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