Der Potsdamer Nikolaisaal zur Geburtstagsgala. Foto: Sebastian Gabsch
© Sebastian Gabsch

Jubiläumsgala im Nikolaisaal Potsdam Beethoven mit Herzweh

Zum 20. Geburtstag des Potsdamer Konzertsaals und zum Saisonauftakt musizierten die Kammerakademie, das Filmorchester Babelsberg sowie zahlreiche Solo-Künstler. Manch Darbietung litt - auch wegen Corona.

Potsdam - Zwanzig Jahre Nikolaisaal und der heiß ersehnte Saisonauftakt. Ein Grund zum Feiern. Doch aus bekannten Gründen in diesem Jahr nicht ganz so üppig. Im Hof begrüßen Freitagabend die Leitung des Nikolaisaals und der Kammerakademie Potsdam die wenigen Ehrengäste. Durch das Foyer huschen versprengte Gestalten, wenige Sekunden später macht sich zunächst Frustration breit. Nur 150 statt 724 Konzertgäste „füllen“ den Saal. Das schüttere Häufchen ist jedoch dankbar, denn die Wiederhörens-Freude wird nun wieder Wirklichkeit.

"Kultureller Seismograph unserer Gesellschaft"

Kulturministerin Manja Schüle (SPD) lässt in ihrem Geburtstagsgruß keine Rührung aufkommen, sondern zaubert dem  Publikum ein dankbares Lächeln auf das Gesicht, welches sich auch dank der hochrangigen musikalischen Leistung durchgehend halten sollte. Die Ministerin findet Worte der Dankbarkeit  für den französischen Nikolaisaal-Architekten Rudy Ricciotti und das Betreiberteam unter Andrea Palent, die bis vor zwei Jahren das Konzert- und Veranstaltungshaus leitete, sowie für die aktuelle  Geschäftsführerin Heike Bohmann. „Seit 20 Jahren ist der Nikolaisaal ein kultureller Seismograph unserer Gesellschaft. Und in Krisenzeiten wie diesen gibt er mit seinen Angeboten Orientierung, Zuversicht und Kraft“, so Manja Schüle.

Die Wahl-Potsdamerin und Geigerin Antje Weithaas. Foto: promo Vergrößern
Die Wahl-Potsdamerin und Geigerin Antje Weithaas. © promo

Die Leitung des musikalischen Geburtstagsgrußes übernimmt Antje Weithaas. Die renommierte Violinistin ist mit der Kammerakademie Potsdam seit vielen Jahren künstlerisch verbunden. Mühelos reicht sie vom Konzertmeisterpult das Draufgängerische und sogar Stürmische der Sinfonie Nr. 31 in D-Dur KV 297  von Wolfgang Amadeus Mozart an das Orchester weiter. Der 22-Jährige hat sie während seines dritten Besuchs in Paris geschrieben. Dramatisch, auch manchmal sehr direkt und schroff erklingt das Allegro assai, um dann glücklicherweise das Gesangliche und Schwungvoll-Jugendliche des zweiten und dritten Satzes nicht zu vernachlässigen.

Ehrengäste zur Geburtstagsgala: Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst und ihr Mann, Bundesfinanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz (beide SPD).  Foto: Sebastian Gabsch Vergrößern
Ehrengäste zur Geburtstagsgala: Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst und ihr Mann, Bundesfinanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz (beide SPD).  © Sebastian Gabsch

Antje Weithaas lässt es sich nicht nehmen als Solistin des Abends aufzutreten. Vom Geburtstagsstar dieses Jahres, Ludwig van Beethoven, spielt sie den Dauerbrenner: das Violinkonzert D-Dur op. 61. Und doch vermag es zu einer frischen, unverbrauchten, freudigen Begegnung zu werden, wenn eine renommierte Geigerin wie die Wahl-Potsdamerin Antje Weithaas sich mit dem Werk auseinandersetzt.

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Man erlebt eine ganz natürliche Wiedergabe. Elysisch säuselnd aber auch mit energischer Kraft spielt sie diesen Beethoven mit Spontaneität und Spielwitz. Ihre wahrlich kongenialen Partner sind die nicht minder engagierten Musikerinnen und Musiker der Kammerakademie. Sie markieren mit Pauken und Trompeten strahlende Ausbrüche und die grandiosen Streicher (Konzertmeisterin: Meesun Hong Coleman) erschaffen mit dichtem Klang einen Wohlfühl-Beethoven, ohne ihn anzudicken oder zu romantisieren. Sichtlich freudig bewegen sich Weithaas und das Orchester durch den Beethoven, ohne auf einige Herzweh-Momente zu verzichten.

Mit seiner selbst geschriebenen heiter-übermütigen Fantasie für Klarinette solo gibt der Klarinettist, Dirigent und Komponist Jörg Widmann als Artist in Residence der  Kammerakademie für diese Spielzeit seinen virtuosen Einstand und zugleich Ausblick auf zu erwartende Konzerte, die musikalisch viel Gewinn versprechen.

Gemma Ray spielte zur Jubiläumsgala im Nikolaisaal. Foto: Sebastian Gabsch Vergrößern
Gemma Ray spielte zur Jubiläumsgala im Nikolaisaal. © Sebastian Gabsch

Das Deutsche Filmorchester Babelsberg gehört zu den Klangkörpern, die seit Anbeginn im Nikolaisaal mit dabei sind - mit großem Erfolg. Dabei hat das Orchester die Zuhörer in die traumhafte Welt der Filmmusik aus Vergangenheit und Gegenwart geführt. Doch auch im Crossover ist das Orchester bestens zu Hause. Mit seine stilistischen und musikalischen Vielfalt ist es im Nikolaisaal wunderbar aufgehoben.

Gemma Ray bleibt blass, auch Jasper Munk

In der Geburtstagsgala ist der Klangkörper, der unter der Leitung des versierten Dirigenten Robert Reimer musiziert, als Begleiter von Songs, die im Pop-, Blues-, oder Rockstil geschrieben wurden, beschäftigt. Eine ganze Reihe von Gesangssolisten wird aufgeboten, doch nicht immer von einer Qualität, die überzeugt. Gemma Ray, obwohl mit einer dunklen und warmen Stimme bedacht,  bleibt blass, auch der Blues-Sänger Jasper Munk sowie die fast nur schreiende Teresa Bergman. 

Auch vor dem Saal konnten Gäste die Jubiläumsgala verfolgen - doch viele Liegestühle blieben auch wegen des kühlen Wetters leer. Foto: Sebastian Gabsch Vergrößern
Auch vor dem Saal konnten Gäste die Jubiläumsgala verfolgen - doch viele Liegestühle blieben auch wegen des kühlen Wetters leer. © Sebastian Gabsch

Bei der Gruppe Keimzeit erinnert man sich eher an die glanzvollen Zeiten vor Jahren. Doch der erfahrene Schauspieler, Schriftsteller und Sänger Dominik Horwitz vermag noch immer mit der feinen Brillanz seines Singens zu überzeugen, die unter die Haut geht. Auch die aus Polen stammende Sängerin Balbina wusste ihren ironisch-nachdenklichen Songs mit vielen Farben, die ihre Stimme bietet, und mit großer Ausdruckskraft der Gala  einen Höhepunkt zu geben, auf den man so dringend wartete. 

     

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