Antoine Tamestit. Foto: Julien Mignot
© Julien Mignot

Interview mit Bratschist Antoine Tamestit „Ja, ich bin streng“

Bratschist Antoine Tamestit über die Liebe zu seinem Instrument und seine Meisterklasse in Potsdam.

Herr Tamestit, die Bratsche steht immer im Schatten der Geige. Warum eigentlich?
 

Ich würde nicht sagen, dass die Bratsche im Schatten steht (lacht). Allerdings ist sie definitiv ein Medium-Instrument, sie ist dazwischen. Das heißt, sie spielt nicht die erste Stimme in einem Quintett oder im Orchester. Trotzdem ist sie natürlich ein einzigartiges Instrument, wie auch alle anderen Instrumente im Orchester. Sie kann auch ein führendes Solo-Instrument sein. Aber meistens ist die Bratsche in der Rolle des Bruders oder des Cousins der Geige.

Und warum haben Sie sich ausgerechnet die Bratsche ausgesucht?

Ich habe mich für die Bratsche entschieden, weil ich auf der Violine angefangen habe. Ganz früh, als ich ungefähr neun Jahre alt war, habe ich die Cello-Suiten von Bach angehört. Ich habe mich dann an ihnen versucht, aber das Cello wollte nicht so richtig zu mir passen. Das Gute ist ja, dass die Violine und die Viola sehr nah beieinander liegen, was die Größe und die Haltung, die man für sie einnehmen muss, betrifft. Den großen Unterschied machen die Saiten. Aber du kannst ein und dieselbe Suite auf dem Cello und mit der Bratsche spielen, sie ist bei letzterer lediglich eine Oktave höher. Hier hast du nämlich dieselben Saiten. Mit der Bratsche kann man beide Welten erleben, die der Geige und die des Cellos. Als ich die Bratsche zum ersten Mal spielte, habe ich mich sofort verliebt. Ich hatte das Gefühl, dass ich mit ihr alles vereinen kann, was ich an einer Geige und am Cello so sehr mochte. Und zu dieser Zeit war es für mich ohnehin das Wichtigste, dass ich Bachs Cello-Suiten spielen konnte.

Welche Rolle haben Ihre Lehrer gespielt? Sie hatten unter anderem Unterricht bei Tabea Zimmermann.

Lehrer führen dich in eine Richtung und bringen dir dabei entscheidende Dinge bei. Sie helfen außerdem, Entscheidungen zu treffen. Tabea kam quasi am Ende meines Studiums hinzu. Vorher hatte ich in Paris studiert bei Jean Sulem, der ein wichtiger Lehrer für die Technik und Struktur war, er hat mir beigebracht, wie man sich vorbereitet, wie man übt. Dann war ich an der Yale Universität in den USA und lernte bei Jesse Levine. Hier lernte ich viel über den Klang, den Ausdruck. Dann kam Tabea – sie war komplett anders. Ziemlich schnell fragte sie mich damals, ob ich mit ihr Kammermusik spielen möchte. Ihre Unterrichtsstunden fanden im Klassenzimmer, aber auch auf der Bühne statt. Sie brachte mir die Praxis bei, nicht nur das praktische Üben für sich selbst, sondern die Praxis vor Publikum. Ich lernte die Bühne zu verstehen, wie man flexibel ist, wie man auf den Dirigenten oder Pianisten reagiert, wie man seine Bühnenpräsenz entwickelt. Sie war für mich ein Vorbild. Ich meine, das ist sie immer noch, auch heute.

Als Artist in Residence werden Sie in Potsdam eine Meisterklasse geben. Sind Sie streng?

Ja, ich bin streng – weil ich auch mit mir selbst streng bin. Ich liebe das Unterrichten, sechs Jahre habe ich an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln Unterricht gegeben. Ich war Professor dort. Danach habe ich in Paris drei oder vier Jahre unterrichtet. Ein Bruchstück des Unterrichtens ist das Teilen – das liebe ich. In Potsdam werde ich aber keinen Meisterkurs für die Bratsche geben, stattdessen werde ich vermitteln, wie man in einem Kammerorchester spielt. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich denke, es ist wichtig, streng zu sein, weil wir das Beste aus den Studenten herausholen müssen beziehungsweise aus den Musikern. Wir können der Musik von so großen Komponisten wie etwa Mozart nicht nur zur Hälfte dienen. Wir müssen unser Bestes versuchen, denn das waren Genies. Wir müssen da durch, durch die Art, wie sie komponiert haben, wie sie es uns lehren. Deswegen müssen wir streng mit den Noten sein. Dazu kommt noch, dass es sehr schwierig ist, ein Instrument zu spielen. Man muss sich immer wieder im Kleinen korrigieren und korrigieren, um bei einem hohen Level anzukommen. Damit das Publikum nicht mehr über die Technik nachdenkt, sondern der Musik zuhören kann. Sie sehen: Ein bisschen streng bin ich.

Haben Sie da gewisse Grundprinzipien? Was wollen Sie Ihren Studenten mit auf den Weg geben?

Ich habe das bereits in meiner letzten Antwort erwähnt: Dass die Studenten sehr sorgfältig mit der Partitur umgehen, ist mir besonders wichtig. Jede einzelne Partitur wird zu einer Bibel, der man folgen muss. Du musst immer wieder eine neue Sprache lernen. Jeder Komponist, jede Periode, ob wir nun Barock oder Zeitgenössisches spielen – so lautet mein Grundsatz – hat eine eigene Sprache. Wir müssen diese Sprachen wie Fremdsprachen lernen, die Aussprache, die Betonung. Ich möchte mit jedem einzelnen Studenten über das jeweilige Stück und den Komponisten, auch über die Zeit und den Style sprechen. Wenn meine Studenten meinen Unterricht mit einem Fünkchen mehr Wissen zu einem Stück verlassen können, ist das das Beste.

In Potsdam müssen Sie bei einigen Werken Solist und musikalischer Direktor zugleich sein. Wie machen Sie das?

Das ist tatsächlich schwierig. Bis zum Jahr 1800 gab es keine Dirigenten in dem Sinne, wie wir sie kennen. Die Stücke waren für einen Solisten geschrieben, der führen musste. Zuerst einmal mit seinem Klang, und ebenfalls mit seinen Bewegungen, seiner Atmung, seinen Blicken. Bei den Proben lernen wir die Bewegungen und Reaktionen der anderen Musiker kennen, um dann zusammen spielen zu können. Wir entwickeln eine Art Zeichensprache. Der Körper, seine Schwingungen, implizieren genau das Tempo des Stücks – wie es ein Dirigent tut. In Potsdam spielen wir auch Zeitgenössisches, wie etwa von Hindemith oder Britten. Hier spielt der Solist, während er dirigiert. Dabei habe ich die großartige Gelegenheit, im Orchester zu spielen, nicht mehr außen vor zu sein. Ich sehe diese Stücke wie Kammermusikstücke – das heißt, bei ihnen sind alle Musiker gleich wichtig. Und Aufführungen können besonders toll sein, wenn wir genau das tun, wenn wir also Orchestermusik wie Kammermusik betrachten. Dann wird ein Konzert auch zu einem tollen Erlebnis für das Publikum.

Antoine Tamestit. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Antoine Tamestit. © Andreas Klaer

Sie spielen eine Bratsche von Stradivari. Warum ist diese Bratsche so besonders?

Sie ist sehr speziell, weil sie die erste Viola von Stradivari ist. Er hat sie 1672 gebaut. Außerdem ist sie ein Beispiel für eine der ersten Contralto-Violas. Die Größe ist sehr interessant für Solisten: Sie klingt kaum höher oder tiefer als eine Violine, obwohl sie sehr breit und groß ist. Und ich denke, der Klang ist einzigartig, besonders warm, wie der eines italienischen Opernsängers. Ich spiele dieses Instrument nun seit elf Jahren. Es ist sehr schön gemacht, es trägt zum Beispiel einen honigfarbenen-goldenen Lack – mit diesen Farben würde ich auch die Klangfarbe beschreiben.

Was machen Sie vor Konzerten?

Nach 35 Jahren Erfahrung muss ich sagen, dass man zwar lernt, die Nervosität nicht abzulegen – ich bin vor jedem Auftritt nervös – aber dass man auch lernt, was passiert, wenn man selbst nervös ist. Ich weiß zum Beispiel, dass mein Herzschlag schneller wird, dass ich nicht mehr in der Lage bin, gewisse Dinge gut zu machen. Und deswegen übe ich diese Dinge. Um meinen Puls zu beruhigen, mache ich außerdem vor jedem Konzert ein kurzes Nickerchen. Sogar zehn Minuten helfen schon: Das beruhigt die Atmung. Und ich übe vor einem Auftritt auch langsamer. Ich versuche, alles zu entschleunigen, um nicht zu aufgeregt zu sein, um noch Selbstkontrolle zu haben. Man hat natürlich mit der Zeit auch Routine: Man braucht morgens eine Probe, ich brauche noch dazu gute Pasta zu Mittag und meinen Tee am Nachmittag, um gewärmt und entspannt zu sein. Und ich muss vor einem Konzert meine Augen schließen, auch wenn ich dann gar nicht richtig schlafe. Manchmal helfen Atem- oder Dehnübungen, manchmal Yoga oder Meditation. Alles Mögliche kann richtig sein, das Wichtigste ist, dass man fokussiert und konzentriert auf die Musik ist.

Sie meinten gerade, dass Sie seit 35 Jahren musizieren. Hat sich die Musikwelt verändert?

Ich habe angefangen, richtig aufzutreten, als ich ungefähr 20 war. Die Welt hat sich ein wenig verändert, sie ist schneller. Die Bedeutung von Videos und sozialen Netzwerken hat auch die Klassische Musik beeinflusst. Jeder möchte berühmt sein, schnell berühmt vor allem. Ich denke, es ist wichtig, zu der klassischen Musik an sich zurückzukommen. Dafür muss man sich ihre Geschichte anschauen, es gab Zeiten ohne Videos oder Elektrizität. Man muss sich Zeit nehmen. Ich versuche das, indem ich Bücher lese oder manchmal einen gesamten Tag damit verbringe, eine einzige Partitur zu studieren. Ich gehe in dem Punkt einen entgegengesetzten Weg, was nicht bedeutet, dass ich nicht auch Teil meiner Zeit sein muss. Und ich habe natürlich Spaß an neuen Technologien. Aber um Kunst zu produzieren, musst du irgendwie ein bisschen langsamer sein und ein Gehirn haben, das nicht überschwemmt von irrelevanten Informationen ist. Man muss immer die Balance finden.

Unter Musikern herrscht ein enormer Konkurrenzdruck. Tut das der Musik gut?

Es gibt immer mehr Bratschisten und Lehrer und die Ansprüche steigen. Der Konkurrenzdruck ist notwendig und gut. Die Leute vergleichen sich und wissen dann: Oh, ich muss mindestens das hier üben. Man muss diese Informationen sammeln und dann seinen eigenen Weg finden. Je mehr Künstler es gibt, desto mehr Inspiration gibt es. Man motiviert einander. Aber Wettbewerb um des Wettbewerbs willen ist nicht gut, denke ich. Musik ist kein Sport.

Denken Sie, dass man das Publikum von klassischen Konzerten verjüngen kann?

Die Verantwortung liegt bei den Veranstaltern. Sie müssen das konservative Programm, das wir seit ungefähr 50 Jahren haben, verändern. Die Konzertprogramme sehen meistens folgendermaßen aus – nicht immer natürlich: Eine Ouvertüre, ein Concerto, dann eine Sinfonie in der zweiten Hälfte. Meistens wird Orchestermusik gespielt. Das finde ich sehr schade! Denn Leute wollen neue Dinge sehen, sie wollen überrascht werden. Sie wollen natürlich auch unterhalten werden und von ihrer täglichen Routine abgelenkt werden. Wir müssen innovativ sein. Wir könnten beispielsweise Orchestermusik machen und innerhalb desselben Programms auch Kammermusik. Wir könnten Orchestermusik spielen, die kurz ist, zum Beispiel lediglich eine Sinfonie. In meinen Augen würde das sehr helfen. Wir müssen den Code ein wenig verändern. Außerdem sollte man Workshops für Kinder anbieten – das mache ich auch im Rahmen eines Festivals in Japan. Man kann die klassische Musik mit Geschichten verbinden. Denn junge Menschen sind eigentlich sehr offen, sie brauchen nur Erklärungen.

>>Das heutige KAP-Sinfoniekonzert mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy und Paul Hindemith beginnt 19.30 Uhr im Nikolaisaal, Wilhelm-Staab-Straße 10-11


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