Streberin und Subjekt:  Hannes Schönemann erzählt in "Die Kaminski" (1980) von zwei Jugendlichen in der DDR. Foto: Filmuni Babelsberg
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DVD mit Filmen der Filmhochschule Babelsberg Die Streberin und das Subjekt

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Ein Glücksfall: Die Doppel-DVD „Babelsberger Freiheiten“ entdeckt Absolventenfilme der Filmhochschule Babelsberg aus den Jahren 1957 bis 1990.

Potsdam - Als die Babelsberger Hochschule für Film und Fernsehen 1954 gegründet wurde, trug sie noch die Kunst im Namen. „Deutsche Hochschule für Filmkunst“ hieß sie bis 1969, und das ist kein Zufall. Ungeachtet dessen, was in den Kinos der DDR zu sehen – oder eben nicht zu sehen – war, sollten die Studierenden hier auf dem Laufenden sein, sollten Filmauffassungen des ost- und westeuropäischen Kinos kennen, um sich diese dann anzuverwandeln.

Künstlerischer Freiraum also war erwünscht – aber in Maßen bitteschön. Dieses Spannungsfeld beschreibt die Filmwissenschaftlerin Ilka Brombach in einem höchst lesenswerten Booklet zu der allerhöchst sehenswerten Doppel-DVD „Babelsberger Freiheiten“, die sie gerade für die Filmuni herausgebracht hat. „Babelsberger Freiheiten“ umreißt in insgesamt sechseinhalb Stunden nicht nur die beeindruckende Bandbreite von filmischen Handschriften, die in Babelsberg heranwuchsen, sondern auch ein Grunddilemma des Landes, in dem Filme entstanden: Man wollte so viel, man wollte so viel Gutes – aber man traute den Menschen nicht, die es vollbringen sollten.

Einer Gesellschaft beim Sich-Erfinden zusehen 

19 Filme von Absolventen der Babelsberger Filmhochschule versammelt die Doppel-DVD, entstanden zwischen 1957 und 1990. Berühmte Namen sind darunter, und weniger berühmte. Einige, Andreas Dresen etwa, sind heute in aller Munde. Andere sind vergessen, oder fast. Der Dokumentarfilmer Volker Koepp befindet sich irgendwo dazwischen. Seine zarten, mit viel Ruhe und unverborgener Demut vor seinen Sujets gedrehten Liebeserklärungen an märkische Landschaften sind auch in großen Kinos zu sehen. „Babelsberger Freiheiten“ ist seine erste Filmübung aus dem Jahr 1967: ein aus heutiger Sicht überraschend konformistisch daherkommendes Dokumentarstück über eine Reise ins Bruderland Sowjetunion. Georgische Männerchöre, Arbeiter, Frauen in Kopftüchern: „Sommergäste bei Majakowski“ gleicht einem Folkore-Stück, brave Literaturschaffende loben den revolutionären Dichter und Manfred Krug – immerhin! – donnert Majakowski-Zitate aus dem Off. 

Wie viel beredter ist da der zehn Jahre zuvor entstandene „Elefant von Hoyerswerda“. Der Titelheld des Diplomfilms von Kameramann Christian Lehmann ist ein Kran, und zwar jener, der die ersten Wohnplatten der DDR montieren sollte – ein Wohnviertel für die Mitarbeiter des Gaskombinats „Schwarze Pumpe“. Der Film zeigt, ohne pompöses Gehabe, sogar ohne Ton, eine Stadt beim Entstehen, eine Gesellschaft beim Sich-Erfinden. Wenige Jahre vor dem Mauerbau.

Der Dokumentarfilm "Zöglinge" von Peter Heinrich (1974) über ein Kinderheim in der DDR wurde nie fertiggestellt.  Foto: Filmuni Babelsberg
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Unliebsames Porträt eines „Idealheims in einem Idealstaat“

Wie beschränkt die Freiheit der Filmstudenten in Babelsberg tatsächlich war, zeigt die Geschichte des Dokumentarfilms „Zöglinge“ (1974) von Peter Heinrich, gedreht im größten Kinderheim der DDR in der Königsheide. „Idealheim in einem Idealstaat“, war die Parole. Ein Junge listet zu Filmbeginn seinen soldatischen Tagesablauf auf, vom Aufstehen bis zur Bettruhe, unterdrückt alles Bengelhafte und schaut unsicher, wenn er sich verhaspelt. Ohne dass der Film das kommentiert, wird hier auf schmerzliche Weise die Disziplinierung der Kinder deutlich, auch ihre Sehnsucht danach, die Dinge richtig zu machen – zu gefallen. „Zöglinge“ lässt die Kinder und Jugendlichen reden, klagt nicht an; trotzdem passte das Gezeigte nicht in den geforderten Rahmen. „Es wird niemand unter Zwang gestellt“, heißt es im Abnahmeprotokoll der Hochschule, das im DVD-Booklet zitiert wird. „Es gibt jedoch gewisse Positionen, die nicht aufgegeben werden können.“ Der Film wurde nie fertiggestellt.

Hannes Schönemann zeigt Streberin und Subjekt

Auch in Hannes Schönemanns Diplomfilm „Die Kaminski“ von 1980, dem vielleicht erstaunlichsten Film der Sammlung, geht es um die beängstigende Nähe zwischen Erziehen, Zwang, Verziehen. Die Kaminski ist eine Abiturientin, „der Stolz der Familie, der Schule, der Stadtgesellschaft“. Sie soll Leo, einem heiklen „Subjekt“, langhaarigen Hilfsarbeiter und Bob-Dylan-Hörer, die richtigen Ideale beibringen. Streberhaft versucht sie das eine ganze Weile lang – bis „das Subjekt“ auf sie abfärbt. „Wozu lebst du eigentlich?“, fragt die Streberin Kaminsky das Subjekt Leo einmal. „Um zu essen, zu leben, zu bumsen, und weil der Herbst so schön ist“, gibt Leo zurück. Das verstört die politisch Genormte, schließlich überzeugt sie es. Allein bleibt sie trotzdem.

Der Regisseur Schönemann konnte nach seinem Studium keine Spielfilme mehr realisieren. Unter dem Namen „Zweifler“ beobachtete ihn die Stasi, 1985 wurde er zu zwölf Monaten Haft verurteilt und schließlich von der BRD freigekauft. „Das Kapitel des Defa-Films, in dem Schönemanns Filme für Bewegung sorgen, wird nicht geschrieben“, schreibt Herausgeberin Ilka Brombach nüchtern. Wenn „Babelsberger Freiheiten“ heute Abend im Filmmuseum vorgestellt wird, dann ist „Die Kaminski“ in Anwesenheit des Regisseurs noch einmal zu sehen. Ein Glücksfall, wie die DVD insgesamt – für alle, die sich für ein ambivalentes DDR-Bild interessieren.

Auch „So schnell geht es nach Istanbul“ (1990) wird heute gezeigt, der erste Spielfilm von Andreas Dresen. Hierin ist die Mauer schon gefallen; so richtig frei ist trotzdem niemand. Aber das wäre dann eigentlich schon das nächste Kapitel. Abgeschlossen ist keins von beiden. 


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Die DVD-Premiere mit Herausgeberin Ilka Brombach und Filmemacher Hannes Schönemann findet am Freitag, 26. Oktober um 19 Uhr im Filmmuseum Potsdam statt

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