Freiräume Potsdam, ein Wandkalender für 2022 von Christina Bretschneider . Foto: Andreas Klaer
© Andreas Klaer

Die schönsten lokalen Kunstkalender 2022 Immer Potsdam, immer anders

Sieben künstlerische Reisen durchs kommende Jahr: Das sind die schönsten Kalender 2022. Auch zwei Debüts sind dabei - und die letzte Ausgabe eines Klassikers.

Potsdam - Die betrübliche Nachricht vorweg: Alfred Schmidt, der seit 30 Jahren Zimmerwände mit Potsdamer Gärten, Straßen und Seen bestückt, beendet seine Kalenderlaufbahn. Mit der Ausgabe 2022, dem 30. Kalender in Folge, ist Schluss. Und das ist nicht alles. Der Dezember ist noch nicht halb rum, der Kalender aber bereits vergriffen. In Läden nicht mehr lieferbar, nur enge Vertraute dürfen ihn sich noch persönlich abholen.

Die Kalender von Alfred Schmidt gehörten zum Jahreswechsel wie die unerfüllte Sehnsucht nach Schnee. Die Idee dazu kam von der Besitzerin der Buchhandlung Internationales Buch vor 30 Jahren. Damals war die Neugier auf Potsdam groß, Kalender gab es keine. Schmidt war vor allem im unsanierten Holländischen Viertel unterwegs. Warum nicht? Sie bezahlte das Experiment. Es gelang, und wurde zum Dauerbrenner. In den vergangenen Jahren druckte er jeweils 2500 Stück. Sie waren immer ausverkauft.

Der Maler Alfred Schmidt legt 2022 seinen 30. Wandkalender vor - es soll der letzte sein. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Der Maler Alfred Schmidt legt 2022 seinen 30. Wandkalender vor - es soll der letzte sein. © Andreas Klaer

Die exklusive Alternative

Alfred Schmidts Kalender kostete rund 20 Euro, nur das KaDeWe hat es mal teurer versucht, was ihm nicht gefiel. Christian Heinze, der im Dezember seinen 80. Geburtstag feiert und bis vor Kurzem in der Galerie Kunstwerk eine kleine Retrospektive hatte, bietet für 2022 die exklusive Alternative an: sechs handgefertigte Originalradierungen für 150 Euro. Interessent:innen können im Internationalen Buch vorbestellen. Zu sehen sind: Schloss Babelsberg, Glienicker Brücke, Alter Markt, das Holländische Viertel im Mondschein und die Treppen vor Schloss Sanssouci.

Auch in einem anderen Kalender ist Christian Heinze vertreten. „Mittendrin“ heißt der kostenlose Jahreskalender der kommunalen Wohnungsholding ProPotsdam. Hierin sind 13 Künstler:innen versammelt, die, wie es heißt, der Stadt eng verbunden sind. Stefan Pietryga, für das Rechenzentrum engagiert, zeigt eine bunte Marktsituation auf dem Bassinplatz unterm blauen Sommerhimmel. 

Der Potsdam-Kalender von Christian Heinze ist Handarbeit. Hier das Titelblatt. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Der Potsdam-Kalender von Christian Heinze ist Handarbeit. Hier das Titelblatt. © Andreas Klaer

Das Panorama Potsdamer Künstler:innen

Anna Albert, Jahrgang 1992, hat ihr Atelier ebenfalls im Rechenzentrum, und zeigt einen Blick auf die Plantage an der Dortustraße: „Immer was los“ heißt das getuschte Blatt. Im Mittelpunkt reges Treiben auf dem neu entstandenen Spielplatz. Ben Kalili, der Potsdam seit Nachwendetagen kennt, zeigt den Alten Markt in pastosem Ölauftrag. Denselben Ort nimmt Simone Westphal auf, allerdings aus ganz anderer Perspektive: „Munch Monet Milliarden“ nennt sie ihren Blick auf die Rückseite des Museums Barberini. Große Wassertropfen trüben den Blick auf die Häuserfront in Öl.

Auf der Zeichnung von Christian Heinze schließlich ist das Holländische Viertel zu sehen, zeitlos wirkend. Eine menschenlose Mittelstraße mit leeren Caféstühlen, entstanden 2021. Ein vielseitiges, in der Kombination geradezu virtuoses Panorama Potsdamer Kunst, erhältlich telefonisch unter (0331) 62060 oder per E-Mail an [email protected] Solange der Vorrat reicht.

Der kostenlose Kalender 2022 der ProPotsdam stellt ein Panorama lokaler Künstler:innen dar. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Der kostenlose Kalender 2022 der ProPotsdam stellt ein Panorama lokaler Künstler:innen dar. © Andreas Klaer

Potsdamer Freiräume

Ein Panorama anderer Art hat sich Christina Bretschneider für 2022 ausgedacht. Seit 2002 lebt und arbeitet sie in Potsdam-West, zum zweiten Mal legt die Illustratorin einen Wandkalender vor. Jahresthema diesmal: „Potsdamer Freiräume“. Ausgewählt sind Freiräume „in jeglicher Hinsicht“, wie sie selbst sagt. Zu finden sind farbenfrohe Motive aus Natur und Stadtraum: bunte Vögel in Zweigen, angriffslustige Frösche, ein erstaunter Fuchs. 

Aber auch ein himmelhohes Mercure-Hotel, das über Sonne und Gutwetterwölkchen noch hinausragt. Oder ein von pastellfarbenen Blättern umringtes Minsk. Oder, in spätherbstlichen Tönen, die geordnete Geometrie des Rechenzentrums. Im hiesigen FuturEins-Shop ist der Kalender zu kaufen (24 Euro), ebenso unter www.luckycatstudio.bigcartel.com.

Christina Bretschneider zeigt in ihrem Kalender 2022 "Potsdamer Freiräume". Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Christina Bretschneider zeigt in ihrem Kalender 2022 "Potsdamer Freiräume". © Andreas Klaer

In Friedrichs Garten

Im Rechenzentrum hat auch Verena Postweiler ihr Atelier. Zum bereits sechsten Mal gestaltet sie gemeinsam mit Nina Heinke nicht nur einen Wandkalender, sondern, im handlicheren Format, auch einen Postkartenkalender. Thema dieses Jahr: „In Friedrichs Garten“. Gutgelaunte Stempeldrucke versammeln die schönsten Feld- und Wiesenblumen aus Sanssouci, in signierter, limitierter Auflage. 

Ob die stolze Gras- und Sternmiere, der freche Bach- und Nelkenwurz, das anmutige Maiglöckchen oder die unterschätzte Eleganz der Wilden Möhre: Jede Pflanze ein Kunstwerk, nie niedlich, von biedermeierlichen Stillleben weit entfernt. Und auch dies: alles Potsdam, aber mal anders.

Gutgelaunte Stempeldrucke des Duos Heinke/Postweiler aus "Friedrichs Gärten". Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Gutgelaunte Stempeldrucke des Duos Heinke/Postweiler aus "Friedrichs Gärten". © Andreas Klaer

Kraftvolle Natur

Auch zwei bemerkenswerte Debüts finden sich im Kalenderreigen. Beide verbinden Kunst und Wort, auf unterschiedliche Weise. Detlef Birkholz, Jahrgang 1956, ging in Potsdam zur Schule und lebt seit 2005 wieder hier. Seine Kalenderbilder sind kraftvolle Naturimpressionen in Öl, in denen man sich verlieren will. Bäume, Ufer, Zweige und Felder, teilweise nur ahnbar. Birkholz gestaltet seit Jahren Kalender mit Potsdam-Themen, im Jahr 2022 erstmals in Verbindung mit Haikus von Andreas Urner. „jahreszahl ins eis“, steht im Januar da, „und über dem see läuten / die alten glocken“. Am schönsten ist das sprachlich da, wo es auch lustig ist. „lüpft doch die laterne / vor mir die mütze! / schnee plumpst/ auf die hohe stirn“. So geht das Jahr 2022 hier zu Ende.

Die Landschaften von Detlef Birkholz werden ergänzt von den Haikus Andreas Urners. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Die Landschaften von Detlef Birkholz werden ergänzt von den Haikus Andreas Urners. © Andreas Klaer

Poetische Collagen

Auch die Lyrikerin Andrea Lütkewitz, Autorin dieser Zeitung, präsentiert ihren ersten Kalender - basierend auf einem Buchprojekt, das sie gemeinsam mit der Künstlerin Dominique Raack entwickelte. Entstanden sind filigrane Grafiken und Collagen. Gemeinsam mit den Gedichtauszügen von Lütkewitz bilden sie ein schwebendes, höchst poetisches Nebeneinander, mit genug Luft für eigene Gedanken. So geht 2022 hier los: „da stehen sie,/ tinnitus im herzen,/ zwischen den Jahren“. Und so wird es zu Ende gehen: „ein letzter tag in einem garten, ein erster kuss an einem see: bilder glänzen in unseren flügeln, an goldfäden hängen wir sie auf“.

Poetisch. Der Kalender von Andrea Lütkewitz (Lyrik) und Dominique Raack (Collagen). Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Poetisch. Der Kalender von Andrea Lütkewitz (Lyrik) und Dominique Raack (Collagen). © Andreas Klaer

Und Alfred Schmidt?

Zurück jedoch zu Alfred Schmidt. Angesichts der andauernden Nachfrage stellt sich die Frage: Warum jetzt aufhören? Er zuckt mit den Schultern. „Irgendwann is einfach jut.“ Im nächsten Jahr wird er 80, und das Kalendergeschäft ist anstrengend. Verpacken, verschicken, ausliefern: Er macht alles selbst. Die Freude über den ausverkauften Schlusspunkt steht ihm ins Gesicht geschrieben. Auf dem Tisch liegen Postsendungen nach Wilhelmshorst, Magdeburg, Hamburg.

Klassiker. Der letzte Kalender von Alfred Schmidt ist bereits vergriffen. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Klassiker. Der letzte Kalender von Alfred Schmidt ist bereits vergriffen. © Andreas Klaer

Für die finale Auswahl hat sich Alfred Schmidt viel Mühe gegeben. Sentimental ist er nicht, aber wer fast 80 Lebensjahre in Potsdam verbracht hat, findet auf jedem Potsdamer Motiv ein Stückchen Erinnerung. Die Fassade von Sanssouci, die das Deckblatt schmückt, zum Beispiel. Alfred Schmidt hat sie damals, als Malerlehrling, selbst mit gestrichen. Ende der 1950er Jahre war das. Vom Magnolienbaum auf dem April-Blatt hat er als Kind auf dem Heimweg von der Schule immer ein paar Blüten abgerissen. Der Baum steht heute noch. 2022 wird er zu sehen sein, in Hunderten von Wohnzimmern.

Alle Kalender sind unter anderem im „Internationalen Buch“, Brandenburger Str. 41, erhältlich.

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