Schauspieler Paul Sies gehört seit diesem Jahr zum Ensemble des Hans Otto Theaters.  Foto: Lisa Katzwinkel/ HOT
© Lisa Katzwinkel/ HOT

Boxenstopp mit Paul Sies Singendes Theater

Carolin Lorenz

Paul Sies, Ensemblemitglied am Hans Otto Theater, stellte in der Reihe Boxenstopp in der Reithalle eigene Lieder am Klavier vor. Sein Thema: Liebe und Hass fürs Theater.

Potsdam - Ein geschmückter Weihnachtsbaum im Foyer der Reithalle empfängt am Freitagabend das Publikum zum letzten Boxenstopp in diesem Jahr. Es ist noch recht still hier kurz vor neun Uhr, die Intendantin Bettina Jahnke plaudert leise mit Kolleginnen. Auch sie ist zum Liederabend von Paul Sies, des noch frischen Absolventen der Leipziger Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“, gekommen. Sies ist einer der Neuzugänge im HOT-Ensemble. Vor einer Woche spielte er in „So lonely“ neben Tina Schorcht glaubhaft einen Jungverliebten und zugleich schwer Enttäuschten auf der Bühne der Reithalle. An diesem Abend nun tritt der 25-Jährige allein am Klavier vor sein Publikum, mit seinen Songs, die er in den vergangenen drei Jahren geschrieben hat und die er „kabarettistisch, absurd, euphorisch, betrübt, hasserfüllt“ und auch „liebevoll“ nennt.

Und so vielschichtig-doppeldeutig wie Sies seine Songs charakterisiert ist auch sein Liederabend überschrieben: „Theater hassen. Eine musikalische Liebeserklärung“ wirkt allerdings tatsächlich ein bisschen hochstaplerisch für einen Schauspieler, der die Bühne immer noch erst kennenlernt und sich in ersten Rollen ausprobiert. Hinter diesem Slogan würde man den Star oder zumindest den Berufserfahrenen mit seinen Höhen und Tiefen erwarten, der nun auch seine Krisen preisgibt. Aber dass er noch nicht ganz soviel zu erzählen hat, weiß Paul Sies offenbar selbst, denn er gesteht dem Publikum ein, dass ihm die Titelfindung Schwierigkeiten bereitet hätte und das Programm nun deshalb so heiße, weil er „den Titel so gut fand“.

Kultur in Wohnsimmeratmosphäre

So experimentell, wie Sies auf den Titel seines Liederabends gekommen ist, soll auch der künstlerische Raum des Boxenstopps verstanden werden. Die Reihe wird vom Theater selbst als „Kreativfahrt mit dem Ensemble“ bezeichnet. Hier präsentieren sich HOT-Schauspieler abseits der klassischen Theaterkunst. In der Box kann man es sich gemütlich machen und sich hinter den ersten beiden Stuhlreihen auf dem terrassenartig ansteigenden Halbrund Kissen in den Rücken schieben und halb sitzend, halb liegend die Beine hochlegen. Passend zu dieser angenehm ausgeleuchteten Wohnzimmeratmosphäre in Rot und Schwarz und hellem Holz tritt Paul Sies in legerer Optik auf: Er setzt sich in Jeans, Oberhemd und Wollsocken ans Klavier und freut sich, dass der Raum – wenn auch lückenhaft – doch immerhin ganz gut besucht ist.

Im ersten Lied geht es erst einmal um Depression und den Weg zum Psychiater, der fachmännisch eine „depressive Anpassungsstörung“ diagnostiziert. Doch hier wehrt sich der Patient: „Psychologie, du Hure des Kapitalismus“, lässt Sies ihn wettern. Und: „Depression ist Rebellion“.

Dem Motto des Abends – der Liebe und dem Hass aufs Theater – nähert sich der Schauspieler erst allmählich. Er besingt einen Auftritt im Wintermärchen in Halle, und obwohl er sich so gerne als Hamlet gesehen hätte, spielt seine Realität dort im Rotkäppchenkostüm. Die kleinen Episoden, vor allem Theaterinterna, finden deutlichen Zuspruch bei den anwesenden Kollegen, die Sies von Anbeginn des Abends mit vielen zustimmenden Lachern bedenken.

Mit Löchern im Herzen

Beim „klassischen Weihnachtslied“ – „Maria durch ein' Dornwald ging“ - das hier einen eher kabarettistischen Platz haben soll, ist Sies' Stimme dann doch eher dünn und wackelig. Ruhiger und sicherer bei sich und seinem Publikum kommt Paul Sies nach der Pause, im zweiten Teil des zweistündigen Abends, an. Die aufgeregte Hippeligkeit fällt mehr und mehr von ihm ab und Sies' kreative Souveränität am Klavier kommt immer deutlicher zum Tragen. Überhaupt wirkt Sies am glaubwürdigsten mit den Songs, bei denen er sein Talent zu Tiefe und Ernsthaftigkeit ohne Rückhalt ausspielt, so bei seinem Song vom „Narzissten“, der keine Kritik verträgt oder mit „Orpheus und Euridyke“, einem Lied mit berührenden Bildern von zwei Liebenden „mit den Löchern im Herzen“. 

Bei diesen Songs kann Sies seine Stimme souverän einsetzen, ohne dass es schief oder kippelig wird. Ebenso beim Lied an die „alten Freunde“, die da heißen „Schlaflosigkeit, Aufregung, Ehrgeiz und Schuld“ und dem Ich keinen Tag Normalität gönnen wollen. Auch hier findet Sies ein schönes poetisches Bild für den an den alltäglichen Schwierigkeiten zuweilen Verzagenden, wenn er singt: „Wenn, ja wenn, seufzt der Specht, die Rinde nur ein kleines bisschen weicher wär.“

Am Ende des Abends steht der mit seinem Text und der musikalischen Begleitung furiose Song über „Meta-Peter“, der immer schon alles weiß und alles zitieren kann und im Gefolge der „Postmoderne das Leben zerstört“: „Meta-Peter, der Superheld, den keiner mehr braucht.“ Sich vom Meta-Peter auf der Suche nach den eigenen vorhandenen Themen nicht irritieren zu lassen, möchte man Paul Sies nach diesem Abend wünschen und ihn bitten, diese poetische Suche fortzusetzen, deren Anfang im experimentellen Raum des Boxenstopps richtig verortet ist und von einem interessierten Publikum mit viel Beifall bedacht wird.

>>Nächster Boxenstopp am 25. Januar 2020 unter dem Titel „Bartleby – Director's Cut“ um 20.30 Uhr in der Reithalle

Zur Startseite