Die fabrik Potsdam wurde direkt nach der Wende in einem besetzten Haus gegründet. Heute residiert sie in der Schiffbauergasse. Foto: Jan Stradtmann
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30 Jahre freie Theaterszene in Brandenburg Radikal bunt

Lena Schneider

Vor dreißig Jahren gründete sich in Brandenburg die freie Theaterszene. Heute blüht sie, wächst - und hat trotzdem zu kämpfen.

Potsdam - Die Vereinigung der beiden Koreas, nichts Geringeres hatte die fabrik Potsdam 2020 vor. Die südkoreanische Choreografin Eun-Me Ahn sollte im Mai mit ihrer Produktion „North Korea Dance“ die 30. Ausgabe des Tanztage-Festivals eröffnen. Dann kam Corona, und Eun-Me Ahn kam nicht nach Potsdam. Statt der Jubiläumsausgabe feierte die Fabrik Ausgabe 29,5. Ein abgespecktes Programm. Was immer noch hieß: sechs Deutschlandpremieren, 3000 Besucher.

Die Potsdamer Tanztage sind ein Leuchtturm weit über die brandenburgische Tanzszene hinaus. Und das Corona-Jahr 2020 hat nicht nur dieses Jubiläum verschluckt, sondern auch den Geburtstag der freien Theaterszene Brandenburgs. Im Windschatten der politischen Wende erfand sich hier, beginnend vor 30 Jahren, eine ganze Szene neu.

Vor der Wende waren freie Gruppen absolute Ausnahmen

Vor 1989 waren freie Gruppen eine Seltenheit. Das theater 89 oder die Potsdamer Formation DeGater'87: absolute Ausnahmen. Der politische Umbruch setzte künstlerisch ungemeine Kräfte frei. In Potsdam lässt sich das gut ablesen: Fabrik, Waschhaus, T-Werk, die Gründungen der heute in der Schiffbauergasse angesiedelten Tanker der freien Szene gehen alle auf die Zeit direkt nach 1990 zurück.

Die fabrik Potsdam am alten Standort in der Gutenbergstraße Anfang der 1990er Jahre. Foto: Fabrik Vergrößern
Die fabrik Potsdam am alten Standort in der Gutenbergstraße Anfang der 1990er Jahre. © Fabrik

„Die Wende war die Geburtsstunde von strukturellem freien Theater in Brandenburg“, sagt Sabine Chwalisz. Sie ist Leiterin der Fabrik und Vorstandsvorsitzende des Landesverbandes freier Theater Brandenburg. „Die Wende war das Ventil zu einem Druck, der sich vorher schon aufgebaut hatte.“ Chwalisz selbst stieß 1992 zur Fabrik - aus Westberlin. Die Freiheit, die sie in Potsdam vorfand, war für sie neu. „In Berlin ging es eher darum, welcher Stil gerade in Mode war“, sagt sie. „In Potsdam war es viel roher, ein Suchen und Wollen ohne Scheuklappen. Hier ging es mehr darum: Was wollen wir?“

Wandertheater Ton und Kirschen: "Das astronomische Pferd" in den 1990er Jahren auf dem Luisenplatz Potsdam. Foto: Jean-Pierre Estournet Vergrößern
Wandertheater Ton und Kirschen: "Das astronomische Pferd" in den 1990er Jahren auf dem Luisenplatz Potsdam. © Jean-Pierre Estournet

Keine Heizung, keine Scheinwerfer, dafür Plumpsklos

Die Fabrik befand sich damals noch in der zentral gelegenen Potsdamer Gutenbergstraße, in einem von Künstlern, Musikern, Theater- und Tanzleuten besetzten Haus. Keine Heizung, kein Tanzteppich, keine Scheinwerfer, dafür Plumpsklos. Und auch in den Verwaltungsstrukturen war alles im Umbruch: 1990 wurde aus den drei Bezirken Cottbus, Frankfurt (Oder) und Potsdam das Land Brandenburg. 

Für den ersten Haushalt orientierte man sich am Partner-Bundesland Nordrhein-Westfalen. 1991 gab es einen Haushaltstitel für „Zuschüsse an das private Theater“ Höhe von 100 000 DM. 1992 gab es bereits 900 000 DM. Seit 2013 wird eine verbindliche Summe über ein Juryverfahren vergeben: ein Garant für Zuverlässigkeit. 2021 wird Brandenburg die freie Szene mit 1,5 Millionen Euro fördern.

Viele Leitungen in der freien Szene sind seit 1990 dieselben

Am Hans Otto Theater Potsdam gab es seit 1990 sechs Intendantenwechsel. Demgegenüber ist die freie Szene erstaunlich konservativ: Die Leitungen sind oft noch dieselben, ebenso die Orte, die Förderungen erhalten. Vier der Antragsteller, die sich in Brandenburg 1991 erstmals um Unterstützung vom Land bewarben, beziehen bis heute insgesamt noch einen Großteil der Fördersumme: Fabrik, T-Werk, Theater des Lachens und Ton & Kirschen.

Die Fabrik und das Tanztage-Festival allein erhalten rund 300 000 Euro vom Land. Das auf Kinder- und Jugendtheater spezialisierte T-Werk mit dem internationalen Festival Unidram, direkte Nachbarn der Fabrik in Potsdam, etwas weniger. Kommunale Förderung kommt jeweils noch dazu. 150 000 Euro bekommt das in Frankfurt (Oder) ansässige Theater des Lachens und 130 000 Euro das Wandertheater Ton & Kirschen.

Sabine Chwalisz ist Leiterin der fabrik Potsdam. Sie stieß 1992 aus Berlin-West kommend dazu. Foto: Ottmar Winter PNN Vergrößern
Sabine Chwalisz ist Leiterin der fabrik Potsdam. Sie stieß 1992 aus Berlin-West kommend dazu. © Ottmar Winter PNN

Eine Dampfmaschinenhalle in Frankfurt, ein Wandertheater in Glindow

Das Theater des Lachens ist aus dem Staatlichen Puppentheater Frankfurt hervorgegangen und wurde von Ensemblemitgliedern damals in die freie Trägerschaft überführt. Heute ist es in einer ehemaligen Dampfmaschinenhalle zuhause. Ton & Kirschen von Margarete Biereye und David Johnston dagegen ist ein Theater ohne Theater: eine Bühne auf Reisen. Klassische Texte, einfache Theatermittel.

Ein Zufall brachte sie ins brandenburgische Glindow: ein geerbtes Stück Land. Dort probt die internationale Truppe, und geht, wenngleich die Gründer inzwischen über siebzig sind, Jahr für Jahr auf Tour. Gruppen wie Ton & Kirschen sorgen im Flächenland Brandenburg dafür, dass Theater dort stattfinden kann, wo die Stadttheater nicht hinkommen.

Frank Reich ist Geschäftsführer des Landesverbands Freier Theater Brandenburg. Foto: Ottmar Winter PNN Vergrößern
Frank Reich ist Geschäftsführer des Landesverbands Freier Theater Brandenburg. © Ottmar Winter PNN

Ein schlagkräftiges Argument: die Statistik des Landesverbandes

Seit 1998 ist Frank Reich der Geschäftsführer des Landesverbandes freier Theater. Und er macht den Erfolg der Szene greifbar: mit einer Statistik. Ein Instrument, so simpel wie schlagkräftig, sagt Sabine Chwalisz. „Denn das Ergebnis zeigt: Die freien Theater erreichen ein Drittel aller Zuschauer.“ Für 2019 heißt das: Insgesamt 199 067 Menschen in über 85 Brandenburger Städten.

Aktuell verzeichnet der Verband 32 Mitglieder. Darunter Gruppen wie theater 89, feste Häuser wie die Fabrik oder das Theater am Rand in einem Dörfchen im Oderbruch - und vermehrt auch Neugründungen. Das Traumschüff etwa, ein 2017 gegründetes schwimmendes Wandertheater. Oder die Andere Welt Bühne in Strausberg, die seit 2016 in einer Betonhalle im ehemaligen Wasserwerk einer alten Bunkeranlage spielt. Oder das Kanaltheater in Eberswalde, das seit 2013 partizipatives Theater Dokumentartheater macht, Motto „radikal bunt“.

Eine Wendegewinnerin mit Problemen

Brandenburgs freie Szene ist eine Wendegewinnerin. Dass trotzdem nicht alles gut ist, liegt am Geld, das schon vor Corona knapp war. „Es braucht eine finanzielle Unterstützung, die weg von der Selbstausbeutung führt“, sagt Sabine Chwalisz. Es brauche Planungssicherheit. Denn Fördermittel gibt es bislang nur im Jahresrhythmus. Mitarbeiter bekommen teilweise seit 15 Jahren jährlich Vertragsverlängerungen. Chwalisz nennt das „einen permanenten Scheinauflösungsmodus.“

Das Hauptproblem, sagen Chwalisz und Reich: Freie Theater werden in Brandenburg als Projekte gesehen und auch als solche finanziert. Im Moment gibt es zwei Förderkategorien: für jene, die kontinuierlich und ganzjährig arbeiten, und für kürzere Projekte. Aber sind Theater, die seit Jahrzehnten kontinuierlich arbeiten noch Projekte?

Wie lassen sich die Verkrustungen lösen?

Ein weiteres Problem: Die Ganzjährigen sind seit vielen Jahren die immergleichen. T-Werk, Ton & Kirschen, Fabrik Potsdam, Theater des Lachens und theater 89. Dass 2021 erstmals auch das 1999 gegründete Theater Poetenpack aus Potsdam und das Kanaltheater Eberswalde jeweils 70 000 Euro erhalten werden: eine Neuheit. Viele andere Antragsteller gehen leer aus. Die Großen fordern daher nun einen eigenen Haushaltstitel, gefüllt mit Mitteln, die jenseits des jetzigen Fördertopfes zur Verfügung gestellt werden sollen. Mehr Geld also: So soll sich die entstandene Verkrustung lösen. Soll es anderen ermöglicht werden, nachzurücken.

Nur: Wie realistisch ist die Forderung nach neuen Mitteln gerade jetzt? „Die Pandemie macht deutlich, wie sehr die Orte der freien Szene als Orte des achtsamen Austauschs fehlen“, sagt Sabine Chwalisz. Und diese Orte benötigen Verlässlichkeit: „Dafür braucht es ein Zeichen, dass diese Orte nicht zur Disposition stehen. Gerade jetzt.“


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