Die Versuchung ist groß: Die Potsdamer in Rosa Mecklenburg hat drei Tage lang den Verlockungen widerstanden. Foto: Yui Mok/ dpa
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Jugend und Medien Ein Selbstversuch: Leben ohne Internet

Rosa Mecklenburg

Im Selbstversuch hat eine Potsdamer Schülerin drei Tage lang aufs Surfen im Netz verzichtet. Einiges hat sie vermisst, aber vieles auch (wieder)entdeckt.

Mein alter CD-Player spielte ganz leise klassische Musik, viele kleine Puzzleteile fanden sich wild verstreut auf dem Boden meines Zimmers. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, mich noch einmal in einer solchen Situation zu befinden. Längst vergessene Kindheitserinnerungen tauchten wieder auf, die mich letztlich dazu brachten, an altbewährten Beschäftigungen, sogenannten „Offlineaktivitäten“, Freude zu entwickeln. Während eines dreitägigen Selbstexperiments, bei dem ich auf alle internetfähigen Geräte verzichtete, musste ich kreativ werden, um meinen Tagesablauf zu strukturieren und mich nicht zu langweilen. Dazu gehörten eben das Puzzeln und Mandalas malen. Die alten Kinderlieder von früher wurden aber durch moderne Musik ersetzt.

Der Anfang war das Schwerste

Wird das Selbstexperiment tatsächlich ein Erfolg oder mache ich mir nur etwas vor, indem ich mir einrede, dass ich vollkommen und ganz problemlos auf Internet und Co verzichten kann? Heutzutage ist ein Großteil der Jugendlichen geradezu besessen von dem Gebrauch seiner Smartphones mit Internetzugang. Wohin man auch geht, die Kinder und Jugendlichen stehen überall mit ihren technischen Geräten und schauen auf diese, egal ob an der Haltestelle oder sonstwo im Straßenverkehr. Doch wie fühlt es sich eigentlich an, auf das zu verzichten, was viele mittlerweile als unverzichtbar für ihr ganzes Leben ansehen?

Im Grunde war der Anfang des Versuchs, nämlich das Handy einfach mal auszumachen und beiseite zu legen, mit am schwersten. Das Internet auszustellen, war, wie ich schnell bemerkte, dann doch nicht so einfach wie gedacht. Denn schließlich merkte ich innerhalb der ersten Stunden ohne Internetverbindung bereits, wie viel Zeit ich eigentlich damit verschwende, irgendwelche Seiten aufzurufen, Spiele zu spielen oder Musik zu hören. Ich kam ins Grübeln und fing an mir zu überlegen, ob diese Zeit am Handy für mein Leben wirklich nötig und lohnenswert ist. Denn wer sagt uns denn, dass wir ohne technische Geräte gar nicht mehr oder nur schlecht im Leben klarkommen? Nach dem ersten Tag stellte ich zu meinem Erstaunen bereits fest, dass es gar nicht so schwer war, nicht ständig aus reiner Gewohnheit auf das kleine Display meines Handys zu starren. Besonders dann, wenn ich mir klarmachte, wie unwichtig das ständige „Up- to-Date“-Sein in Wahrheit ist. Es passiert mir nichts, wenn ich nicht erreichbar bin. Es tut nicht weh, ich verpasse nicht wirklich was. Im besten Falle würden sich einige Leute wundern, warum ich gerade nicht online bin. Zugegeben, vor allem an den Wochenenden fiel es mir leichter, dieses „Nicht-Verbunden-Sein“. Die Zeit schien an diesen Tagen grenzenlos. Ich hatte Zeit, in Kunstausstellungen zu gehen. Selbst die altbekannten Gesellschaftsspiele mit der Familie waren auf einmal das reinste Vergnügen für mich. Auch Spaziergänge mit einem anschließenden Picknick im Park wurden zu Aktivitäten, für die ich in meinem internetgesteuerten Alltag nur selten Zeit fand. Früher, als ich noch Kind war, waren solche Dinge für mich selbstverständlich. Da hieß es, ab aufs Fahrrad und auf zu einer unendlich langen Tour durch den Wald.

In der Schule wurde der Verzicht zum Problem

Als ich dann allerdings an einem Montagmorgen wieder in die Schule musste, stieß ich auf die ersten Probleme in meinem Selbstexperiment, denn das Lernen ohne Internet stellte sich als Schwierigkeit heraus. Auf Lernvideos und Informationen im Internet hatte ich ja plötzlich keinen Zugriff mehr, Freunde konnte ich durch Nachrichten auf WhatsApp nicht mehr um Hilfe bitten. Wie sehr wird das Schulleben heute vom Internet bestimmt? Und früher ging es doch auch, ohne das Internet zu lernen. Die Schule setzt mittlerweile auf einen gekonnten Umgang mit dem Computer und so kann es vorkommen, dass ein Schüler die Aufgabe erhält, sich Informationen über ein Thema anzueignen. Wenn das Internet zu Hause nicht zur Verfügung steht – und so etwas gibt es tatsächlich noch – kann es umständlich werden. Das Aufsuchen der Bibliothek und die Recherche in den Büchern kosten mehr Zeit.

Offline. Ohne das Internet muss man kreativ werden – in der Kommunikation, in der Freizeitgestaltung und im Alltag. Plötzlich gibt es viel Zeit – auch zum Lesen. Foto: Rosa Mecklenburg Vergrößern
Offline. Ohne das Internet muss man kreativ werden – in der Kommunikation, in der Freizeitgestaltung und im Alltag. Plötzlich gibt es viel Zeit – auch zum Lesen. © Rosa Mecklenburg

Insgesamt muss ich schon sagen, dass ich mich in meinem alltäglichen Tun auch eingeschränkt fühlte, da ich nicht schnell nach dem Wetter oder nach Rezepten zum Mittag googeln konnte. Ich musste im altbewährten Kochbuch nachschlagen und mich beim Wetter auf meine Instinkte verlassen, woran ich mich, zum Glück, nach einiger Zeit gewöhnt hatte. Das Motto lautete: „Augen zu und durch.“ Oft genug dachte ich während meiner internetfreien Zeit an meine Eltern oder Großeltern, für die das Leben ohne Internet doch ganz normal war. Ich aber vermisste schon am Montag den Internetzugang, da ich mir morgens über YouTube oder Spotify keine Musik anhören konnte und mein Tag eher weniger gut gelaunt startete. Das sind aber alles Kleinigkeiten, ohne die ich insgesamt gesehen sehr gut leben kann. Für mich war das Smartphone zu einem Kommunikationsmittel geworden, das aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken war. Doch ich wurde eines Besseren belehrt.

Pausen vom Trubel waren eine Wohltat

Der Anfang meines Experimentes war für mich nicht ganz leicht, aber alles, was ich im täglichen Leben dringend erledigen musste und wichtig für mich war, bekam nun eine andere Gewichtung. Vieles lernte ich wieder so richtig schätzen und das war eine schöne Erkenntnis für mich. Es tut also richtig gut, das ständig von neuen Nachrichten blinkende Telefon beiseite zu legen und sich nicht rund um die Uhr mit neuen Informationen vollzustopfen. Es ist eine lästige Gewohnheit, auf das Handy zu schauen, voller Angst, irgendeine Neuigkeit zu verpassen. Das Selbstexperiment hat mir gezeigt, dass ich nun an den Wochenenden auf mein Handy verzichten möchte. Es hat gutgetan, mir Pausen von dem ganzen Trubel im alltäglichen Wahnsinn zu gönnen. Ich weiß sehr wohl, dass es innerhalb der Woche schwer wird, ohne Internet zumindest für die Schule gut genug informiert zu sein und deswegen benutzte ich mein Handy unter der Woche weiterhin. Ich empfehle euch, lasst das Handy einfach mal liegen, spielt mit euren Liebsten am Tisch ein spannendes Spiel oder macht einen schönen Spaziergang. Das bewirkt wahre Wunder und vielleicht könnt auch ihr eines Tages euren Internetkonsum reduzieren. Lohnenswert wäre es allemal, probiert es einmal! Es weckt ungeahnte Möglichkeiten und lässt euch Dinge tun, die ihr längst vergessen glaubtet!

Einen Tag nach meinem Selbstexperiment geschah im Übrigen etwas Seltsames. Aufgrund einer technischen Störung fiel bei uns zu Hause das Internet aus und so musste nach zwei Tagen der Entstörungsdienst kommen, um den Fehler zu beheben. Es machte mir nichts aus!

Die Autorin ist in der 10. Klasse auf dem Helmholtz-Gymnasium

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