Julia Schmidt (l.) und Alexandra Pichl sind die neu gewählten Landesvorsitzenden der Partei Bündnis 90/Die Grünen in Brandenburg. Foto: Monika Skolimowska/dpa
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Parteitag in Templin Die Grünen sind jünger, weiblicher, ländlicher

Mit Julia Schmidt und Alexandra Pichl haben Brandenburgs Grüne erstmals eine weibliche Doppelspitze

Templin - Die Wartezeit bis zur Bescherung wird mit dem grünsten aller Weihnachtslieder überbrückt. „O Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter“, singen die rund 100 Delegierten am Samstag im Uckermark-Saal des Ahorn-Hotels in Templin beim Grünen-Parteitag. Gerade ist die 26-jährige Julia Schmidt zur neuen Landesvorsitzenden gewählt worden. Mit 67 Prozent der Delegiertenstimmen hat sich die Politikstudentin aus Hohen Neuendorf (Oberhavel) gegen Alexandra Pichl aus Kleinmachnow durchgesetzt. 

Doch PR-Beraterin Pichl tritt einfach erneut an. Auf dem geschlechteroffenen zweiten Platz fordert sie überraschend Gerhard Kalinka heraus, den schon sicher geglaubten männlichen Part der neuen Doppelspitze. Im ersten Wahlgang holt der Wissenschaftler aus Blankenfelde-Mahlow 48 Stimmen – eine weniger als notwendig. Nachdem das Weihnachtslied verklungen ist, folgt die Bescherung für den gebürtigen Berliner: Alexandra Pichl, 41, Vorsitzende der Grünen-Fraktion in Kleinmachnow, setzt sie sich mit 51 Stimmen (52 Prozent) gegen ihren 57-jährigen männlichen Mitbewerber Kalinka durch.
Zum ersten Mal in ihrer Geschichte haben die Grünen in Brandenburg, die im Landtag das erste Paritégesetz Deutschlands mit auf den Weg gebracht haben, damit eine weibliche Doppelspitze. Nur die Linken werden mit Diana Golze und Anja Mayer ebenfalls von zwei Frauen geführt. 

Das passt ins neue Profil der Partei

Die neue Grünen-Spitze passt ins Profil der Partei, die genau das wird: immer weiblicher und immer jünger. Von den 1977 Mitgliedern sind 41 Prozent Frauen. Vor einem Jahr lag der Anteil noch unter 40 Prozent. Der Altersdurchschnitt hat sich binnen eines Jahres von 49,5 auf 48,7 gesenkt. 

Julia Schmidt, zierlich, kurze, braune Haare, ähnelt vom Typ der Europa-Politikerin Ska Keller, die als Gastrednerin in Templin dabei ist und die Partei zur Geschlossenheit aufruft. Keller war auch 26, als sie 2007 Landeschefin der Grünen wurde. Schmidt, die aus Bad Dürkheim in Rheinland-Pfalz stammt und im Bundestagsbüro der Grünen-Abgeordneten Beate Müller-Gemmeke arbeitet, ist erst seit drei Jahren Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen. Bei der Kommunalwahl im Mai holte die Politikwissenschafts- und Soziologiestudentin aus dem Stand die meisten Stimmen aller Kandidaten aller Parteien und ist seitdem Grünen-Fraktionschefin im Kreistag Oberhavel. „Ich bin eine absolute Teamplayerin“, sagt Schmidt, die als Vertreterin der Grünen Jugend zum Hauptverhandlungsteam bei den Koalitionsgesprächen mit SPD und CDU nach der Landtagswahl vor drei Monaten gehörte.

Mehr Feminismus auf den Marktplätzen

Auch die zweite Gastrednerin des Nachmittags, Ricarda Lang, frisch gekürte stellvertretende Bundesvorsitzende und frauenpolitische Sprecherin der Grünen, setzt darauf, dass die Grünen ihr Image als Städter-Partei ablegen. Feminismus sei nicht nur ein Thema für Großstädte, sagt die 25-Jährige. Die Schließung von Geburtenstationen und Frauenhäusern betreffe gerade Frauen auf dem Land. „Deshalb müssen wir die feministischen Themen auf die Dorfplätze tragen“, ruft sie. 

Der Grünen-Landesparteitag fand in Templin statt. Foto: Monika Skolimowska/dpa Vergrößern
Der Grünen-Landesparteitag fand in Templin statt. © Monika Skolimowska/dpa

Die Brandenburger Grünen versuchen das. Es ist inzwischen Usus, die Parteitage an wechselnden Orten im Land abzuhalten. Anders als die SPD, die am liebsten in der Landeshauptstadt tagt, gehen die Grünen raus aufs Land um Folgendes zum Ausdruck zu bringen: Die Grünen sind längst nicht mehr nur die Speckgürtel-Partei für meist westsozialisierte Berliner, die ins grüne Umland der Bundeshauptstadt gezogen sind. Lange Zeit konnten die Grünen in der märkischen Peripherie nicht punkten. Das hat sich mit der Landtagswahl im September, bei der die Grünen mit 10,8 Prozent ihr bisher bestes Ergebnis in Brandenburg holten, geändert. Von Eisenhüttenstadt über Beeskow und Fredersdorf-Vogelsdorf bis nach Wriezen: Im Jahr der Landtagswahl wurden einige Ortsverbände und Regionalgruppen gegründet.

Ländlicher, jünger, weiblicher, ostdeutscher wollen sich die Grünen geben, um die stark gestiegene Mitgliederzahl weiter auszubauen. Wobei die Ostkomponente sogar etwas übererfüllt wird, in dem Templiner Plattenbau-Hotel jwd im Wald, das mit seiner mit bunten Figuren im Comicstil bemalten Fassade von außen auch als Großkita durchgehen könnte. Der Uckermark-Saal, in dem die Grünen, wie der Leitantrag für den Parteitag überschrieben ist, ein neues Kapitel aufschlagen wollen, atmet mit seinem PVC-Boden in Holzoptik und runden, stoffbezogenen Deckenleuchten den Charme von Jugendweihefeiern der 70er-Jahre. Bodenständig, märkisch wirkt das – und nicht abgehoben-elitär. Vor dem Saal gibt es in der Mittagspause trotzdem Quinoa-Pfanne statt Steak au four. Bodenständigkeit und Erneuerung schließen sich nicht aus – so kann man die Wahl des Tagungsortes interpretieren.

Mit der Koalition stecken die Grünen auch im Zwiespalt

Inhaltlich passiert ja nicht viel auf diesem Parteitag, da ist diese Symbolik wichtig. Denn in Regierungsverantwortung werden es die Grünen nicht so leicht haben, ihren Markenkern zu bewahren und gleichzeitig Kompromisse zu schließen. Das zeigte sich schon vor vier Wochen bei der Delegiertenkonferenz in Bernau (Barnim) als es darum ging, ein Votum für den Koalitionsvertrag zu abzugeben – als Signal an die Basis, die bei den Grünen letztendlich über das Zustandekommen des Bündnisses mit SPD und CDU abstimmte. Die Grüne Jugend sah die grünen Ziele schneller Kohleausstieg und Kampf gegen den Klimawandel nicht ausreichend im Vertrag widergespiegelt. Vor allem der neue Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Klima, Axel Vogel, muss diesen Spagat zwischen Ökologie und konventioneller Landwirtschaft bewältigen. 

Aber auch die geplante Tesla-Ansiedlung in Grünheide bringt die Grünen in einen gewissen Zwiespalt, der so überwunden werden soll: Die Delegierten begrüßen den geplanten Bau der Gigafactory und stimmen gleichzeitig dafür, diesen kritisch und konstruktiv zu begleiten. Der öffentliche Personennahverkehr habe Vorrang vor dem Ausbau von E-Antrieben für die Automobilindustrie und auch bei Elektroantrieb seien energiefressende SUVs keine sinnvolle Option, heißt es in einem entsprechenden Antrag. Zudem werde darauf Wert gelegt, dass Tesla-Chef Elon Musk „tariflich abgesicherte Arbeitsbedingungen“, bei der Produktion biete. 

Offen zu kommunizieren, wo die Partei Kompromisse im Koalitionsvertrag eingegangen sei, die vielleicht auch schmerzen, und gleichzeitig das grüne Profil zu schärfen, werde ein „riesiger Spagat“, sagt auch die neue Landesparteichefin Julia Schmidt passend zum Motto des Parteitags: „Und das ist erst der Anfang.“

Im Uckermark-Saal steht ein Tannenbaum, dekoriert mit Kunstschnee und roten Kugeln. Jetzt geht es an die Gabenbereitung in der neuen Legislatur. 

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