Die Tafeln in Brandenburg haben durch Corona mehr Zulauf. Foto: Felix Kästle/dpa
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Folgen der Coronakrise Vielen Hilfsangeboten droht das Aus

Durch Corona steigt der Hilfebedarf benachteiligter Menschen. Doch nun droht einigen sozialen Einrichtungen wie Beratungsstellen und Begegnungsstätten in Brandenburg die Schließung, warnt die Landesarmutskonferenz.

Potsdam - Es ist ein prekärer Kreislauf: Durch die Pandemie steigt der Beratungs- und Unterstützungsbedarf vieler Bevölkerungsgruppen, gleichzeitig fallen durch die Coronakrise Einnahmequelle für nun noch dringender benötigte soziale Projekte weg. Die Landesarmutskonferenz, ein Zusammenschluss Brandenburger Sozialverbände und -akteure, warnt nun eindringlich vor der Schließung sozialer Einrichtungen im Land. „In Brandenburg sind wegen unzuverlässiger und unzureichender Finanzierung alle niedrigschwelligen Angebote des sozialen Bereichs massiv gefährdet“, heißt es in einem Positionspapier, das am gestrigen Mittwoch online vorgestellt wurde. 

Flächendeckende Hilfe wird immer schwieriger 

„Das Hilfenetz im Land Brandenburg ist ohnehin nicht so engmaschig. Nun droht es zu zerreißen“, macht Andreas Kaczynski, Sprecher der Landesarmutskonferenz und Vorstand des Paritätischen, dem Dachverband der Wohlfahrtsverbände in Brandenburg, deutlich. Die seit langem prekäre Finanzierungssituation der Einrichtungen habe sich infolge der Pandemie nochmals verschärft. „Mit Blick auf die Finanzierung der steigenden Betriebskosten stehen viele Träger inzwischen mit dem Rücken an der Wand“, heißt es in dem Papier der Armutskonferenz. Weil Einrichtungen und Dienste während der Pandemie über Monaten hinweg den Betrieb stark einschränken oder schließen mussten, seien Einnahmequellen versiegt. Gleichzeitig hätten die Träger Kosten für Masken, Hygienemaßnahmen und Tests tragen müssen.  

Die flächendeckende Versorgung der Brandenburger mit Hilfs- und Beratungsangeboten sei nicht gesichert, so die Sozialvertreter. Betroffen seien Angebote für einkommensarme Menschen wie Tafeln, Kleiderkammern und Möbelbörsen, aber auch Begegnungsstätten für Senioren, Projekte für Kinder und Jugendliche sowie Beratungsstellen für Suchtkranke, Schuldner, Arbeitslose und Alleinerziehende. 

Arbeitslosenverband und Volkssolidarität müssen möglicherweise Standorte schließen 

Von den 32 Standorten des Arbeitslosenverbands Brandenburg stünden aktuell fünf zur Disposition, 75 Projekte wie Möbelbörsen drohe die Einstellung, so die Verbandsvorsitzende Inga Karina Ackermann. Vor allem im Süden des Landes, beispielsweise im Landkreis Elbe-Elster stünden Beratungsstellen vor dem Aus, wenn die Kommunen, die maßgeblich für die Geldzuschüsse zuständig sind, kein Entgegenkommen zeigten. Ähnliches berichtet Ines Große, Vorstandsvorsitzende der Volkssolidarität in Brandenburg. 

Gerade für Rentner, die während der Pandemie oft völlig isoliert gewesen seien, seien die rund 60 Senioren-Begegnungsstätten im Land wichtige Orte, um Zuwendung und Austausch zu erfahren. „Fünf unserer Standorte sind nun gefährdet“, berichtet Große. Vor allem Begegnungsstätten im ländlichen Raum wie der Uckermark, die in angemieteten Häusern untergebracht sind, kämpften ums Überleben. „Weil die Vermieter nicht bereit waren, in der Pandemie auf die Mieteinnahmen zu verzichten.“ 

Awo fordert neue Programme für Jugendliche 

Auch Kinder und Jugendliche hätten in der Pandemie viel durchgemacht, sagt Franziska Löffler, Leiterin des Büros Kindermut der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Potsdam. „Die seelische Gesundheit hat gelitten, das haben inzwischen mehrere Studien belegt.“ Speziell für 14- bis 18-Jährige müssten neue Programme entwickelt werden, um Jugendliche, die während Corona Ängste entwickelt haben, aufzufangen – „sonst wird uns das gesellschaftlich auf die Füße fallen.“ Dafür müsse die „Projektitis“, die Kurzzeitfinanzierung einzelner Projekte, beendet und Jugendarbeit durch die Kommunen langfristig besser finanziert werden.  

Auch die Tafeln haben mehr Zulauf 

„Die Nöte haben zugenommen“, berichtet auch Bernd Mones vom Caritasverband, der Schuldnerberatungsstellen im Land betreibt. Hoher Beratungsbedarf bestehe beispielsweise wegen gestiegener Energiekosten. Auch die Tafeln verzeichnen einen erhöhten Zulauf, auch durch Geflüchtete aus der Ukraine. „Es brennt“, sagt Siegfried Unger von der Gesellschaft für Arbeit und Soziales (GefAS). „So viele Lebensmittel können wir gar nicht ranschaffen“, macht er deutlich. Zudem machten gestiegen Spritpreise die Arbeit immer schwerer. „Die Einrichtungen müssen von der Politik unterstützt werden.“ 

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Der Eigenanteil für die Träger ist zu hoch 

Konkret fordert die Armutskonferenz flankierende Hilfen für gemeinnützige Träger, die selbst nur begrenzt Rücklagen bilden dürfen. Preis- und Kostensteigerungen müssten bei den Zuwendungen berücksichtigt werden. Zudem müssten die einzubringenden Eigenmittel der Einrichtungen – derzeit bis zu 20 Prozent – auf eine leistbare Höhe begrenzt werden. Anne Baaske, Geschäftsführerin der Awo Brandenburg, fordert gar einen kompletten Verzicht auf Eigenmittel. „Woher sollen wir die Eigenmittel denn nehmen?“, fragt sie. „Brandenburg ist kein Land, wo durch Industriebetriebe im großen Stil Spenden eingeworben werden können.“

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