An Tresoren in Golm klebt noch das alte Siegel der DDR-Staatssicherheit. Foto: Andreas Klaer
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Wo heute der Uni-Campus ist Hier lernten Stasi-Spitzel ihr Handwerk

DDR-Geheimdienstler waren einst auf dem Campus-Gelände der heutigen Uni Potsdam in Golm zu Hause. Darüber ist jetzt ein Buch von Leonie Kayser erschienen.

Wenn es um die Zahl der wissenschaftlichen Einrichtungen geht, dann liegt Potsdams Ortsteil Golm innerhalb der Landeshauptstadt ganz vorn. Schließlich ist hier der größte Wissenschaftspark Brandenburgs angesiedelt. Auch die Universität Potsdam hat in Golm ihren umfänglichsten Standort. Auf dem Hochschulgelände östlich des Bahnhofs sind vor allem die Naturwissenschaften zu Hause, auch die Lehrerausbildung findet hier statt und das große Gedächtnis der Alma mater, die Universitätsbibliothek, ist mit ihrem Haupthaus ebenfalls vor Ort.

Die Waffenkammer, die es zu DDR-Zeiten auf dem heutigen Uni-Gelände gegeben hatte, ist hingegen verschwunden, ebenso das Traditionskabinett. Über Jahrzehnte hinweg prägten uniformierte Menschen das Bild dieses Geländes. Zur wechselvollen Geschichte des heutige Uni-Campus’ Golm hat die Potsdamer Geschichtsstudentin Leonie Kayser jüngst eine Publikation vorgelegt. Die kleine Schrift mit dem Titel „Der Universitätscampus Golm“ ist im Potsdamer Universitätsverlag erschienen und kann auf der Website publishup.uni-potsdam.de kostenlos heruntergeladen werden.

Ein reines Stasi-Objekt

Die Nutzungsgeschichte des Geländes, die Kayser in ihrem Buch beschreibt, steht geradezu exemplarisch für den Verlauf des 20. Jahrhunderts zwischen Elbe und Oder. Bis zur Friedlichen Revolution in der DDR von 1989 wurden auf dem heutigen Uni-Campus Stasi-Mitarbeiter aus- und fortgebildet. Denn von 1951 bis Anfang 1990 hatte die Juristische Hochschule Potsdam (JHS) auf dem Areal ihren Sitz. Diese Lehreinrichtung war ein reines Stasi-Objekt. Der Name dieser Kaderschmiede wechselte in den vier Jahrzehnten ihres Bestehens mehrfach, bevor die Einrichtung, die zuletzt für ganz kurze Zeit „Hochschule des Amtes für Nationale Sicherheit“ hieß, wenige Monate nach dem Fall der Berliner Mauer ziemlich abrupt unter den Pflug der Geschichte geriet. Die Auftraggeber von der SED hatten abgedankt – und mit ihnen nun auch die Mannschaft der Firma Horch und Guck, wie die Stasi im Osten häufig ironisch genannt wurde.

Ein Aufmarschplatz befand sich in der Mitte

Die Bauhistorie des Uni-Standorts Golm reicht indes bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurück. Nach dem Bau einer ersten Kaserne im benachbarten Eiche, errichtete man in den Jahren 1937/38 auf dem Gelände in Golm weitere Kasernenbauten. Der Komplex wurde nach Walther Wever benannt, einem hohen Militär im Reichsluftfahrtministerium, der 1936 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Im Zentrum der damaligen militärischen Anlage in Golm stand ein 240 Meter langer und 45 Meter breiter Aufmarschplatz, wie Kayser recherchiert hat. Die Luftnachrichtenabteilung des Militärs habe in dem damals neu errichteten Bauensemble ihren Sitz gehabt.

Sie sei Mitte 1939 in das Luftnachrichten-Regiment des Oberbefehlshabers der Luftwaffe eingegliedert worden. Nachdem im April 1943 bei einem Luftangriff auf Berlin der dortige Komplex der militärischen Abwehr schwer beschädigt wurde, zogen Teile des von Admiral Wilhelm Canaris geführten militärischen Nachrichtendienstes nach Golm, schreibt Kayser. Die Geheimdienstler in Uniform siedelten sich in der Kaserne auf dem heutigen Uni-Gelände an. Zu Kriegsende, beim Einmarsch der Roten Armee, wurden einige Teile der Kasernenanlage zerstört.

Der Golmer Standort hat auch eine Nazi-Vergangenheit. Foto: Andreas Klaer Vergrößern
Der Golmer Standort hat auch eine Nazi-Vergangenheit. © Andreas Klaer

Im Jahre 1951, zwei Jahre nach Gründung der DDR, zog in die einstige Nazi-Kaserne in Golm die Schule des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) ein. Kayser zitiert den ersten Stasi-Chef Wilhelm Zaisser aus seiner Eröffnungsrede 1951: Es sei die wichtigste Aufgabe der Schule, den „Kadern ein politisches Grundwissen zu geben und ihnen die Lehre von Marx, Engels, Lenin, die Lehre von Stalin zu vermitteln als Anleitung zum Handeln“. Obwohl der Komplex später zur „Juristischen Hochschule Potsdam“ aufgewertet wurde, lag der Schwerpunkt der Lehre dennoch nicht auf einer juristischen Ausbildung. Der Unterricht war vielmehr weltanschaulich geprägt.

Nur 17 Prozent Rechtswissenschaft

Autorin Kayser hat den Lehrplan für das Hochschuldirektstudium – daneben gab es auch die Möglichkeit eines Fernstudiums – aus dem Jahre 1975 näher untersucht. Demnach waren nur 455 von insgesamt 2603 Unterrichtsstunden rechtswissenschaftlichen Themen vorbehalten – das sind nur rund 17 Prozent der gesamten Unterrichtszeit. Auch später war dies ähnlich: Im Jahre 1986 „umfassten rechtswissenschaftliche Themen einschließlich der sozialistischen Rechtstheorie lediglich 19 Prozent des Studienplans“, so Kayser. Dabei entfielen auf den Unterricht in Marxismus-Leninismus, Imperialismustheorie und Geschichte 24 Prozent der Studienzeit. Für die Einführung in die „politisch-operative“ Arbeit und die Anleitung von Informellen Stasi-Mitarbeitern wurden demnach gar 36 Prozent der Unterrichtszeit aufgewendet.

Heutige Historiker seien sich darin einig, schreibt Kayser, „dass die Juristische Hochschule keine Ausbildungsstätte für einen juristischen Beruf und auch keine rechtswissenschaftliche Forschungsstätte war“. Der Alltag an der JHS hatte ein militärisch geprägtes Antlitz. So herrschte laut Kayser eine Uniformpflicht sowohl für Offiziersschüler – wie man die Studenten später nannte – als auch für Lehrkräfte. Alle Hochschulangehörigen seien zudem mit Waffen und Munition ausgestattet gewesen – daher auch die Notwendigkeit einer Waffenkammer. Die Studenten wohnten auf dem Gelände, das Personal in unmittelbarer Nähe zur JHS. Der Tagesablauf war streng reglementiert. Ab 1978 beherbergte der Stasi-Campus in Golm nach Angaben von Kayser auch das Zentrale Traditionskabinett des MfS – eine kommunistische Weihestätte, die der Traditionspflege diente. Später wurde dieser Ort in Zentrale Traditionsstätte umbenannt.

500 Promotionen

Neben der Stasi-Hochschule gab es ab 1970 in Golm auch die „Fachschule des MfS“. Im Laufe ihres Bestehens wuchs die Golmer Stasi-Kaderschmiede immer weiter an. In den 1970er Jahren betrug die jährliche Ausbildungskapazität laut Kayser „rund 900 Studienplätze in den verschiedenen Direkt- und Fernlehrgängen der Hoch- und der Fachschule“. Ende der 1960er Jahre wurde der JHS das Promotionsrecht verliehen. Knapp 500 Personen promovierten in den folgenden gut 20 Jahren an der JHS. Das letzte Promotionsverfahren endete den Recherchen zufolge am 15. Dezember 1989 – gut einen Monat nach dem Fall der Berliner Mauer. Eine besondere Ehre wurde 1985 Günter Guillaume zuteil, dem elf Jahre zuvor als Stasi-Spion enttarnten persönlichen Referenten von Bundeskanzler Willy Brandt. Guillaume, inzwischen in die DDR zurückgekehrt, erhielt die Ehrendoktorwürde der Golmer Hochschule.

Zur Buchpräsentation lädt die Universitätsgesellschaft am 8. Juli um 17 Uhr in das Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum (IKMZ) in Golm ein. Im Anschluss findet eine Führung über das Gelände statt.


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