Antisemitische Verunglimpfungen, wie hier vor fünf Jahren auf einem Plakat an der Universität Potsdam, nehmen gegenwärtig zu.  Foto: Andreas Klaer
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Vorschlag der Uni Potsdam Pflichtseminare gegen Antisemitismus gefordert

Judaistik-Professor Christoph Schulte fordert für angehende Lehrer Hilfe bei der Rassismusintervention. Brandenburg könnte eine Vorreiterrolle übernehmen, sagt er. 

Potsdam - Wie schnell Rassismus und Antisemitismus eine persönliche Dimension bekommen können, musste Judaistik-Professor Christoph Schulte unlängst selbst erfahren. Als in Halle Mitte Oktober ein rechter Attentäter zwei Menschen erschoss und erfolglos versuchte, in der dortigen Synagoge am Jom-Kippur-Feiertag ein Blutbad anzurichten, waren vier Potsdamer Studierende unter den Besuchern des jüdischen Gotteshauses. Eine seiner Doktorandinnen der Jüdischen Studien erzählte dem Professor der Universität Potsdam am Tag danach von ihren traumatischen Erfahrungen.

Hochschulseminare zu Antisemitismus sollen nach Ansicht von Christoph Schulte zukünftige Lehrer auf den Umgang damit vorbereiten.  Foto: Uni Potsdam Vergrößern
Hochschulseminare zu Antisemitismus sollen nach Ansicht von Christoph Schulte zukünftige Lehrer auf den Umgang damit vorbereiten.  © Uni Potsdam

Die Situation heute erinnert Schulte an die Mitte der 1990er Jahre, als die Polizei auf dem Campus mit einem Wagen auftauchte, um die ersten Lehrveranstaltungen der Jüdischen Studien zu beschützen. Auch heute steht wieder ein Polizeiwagen vor dem Gebäude der Jüdischen Theologie am Campus Neues Palais der Universität Potsdam. Nach dem tödlichen Attentat auf den Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) hatte der Direktor des Abraham Geiger Kollegs, Rabbiner Walter Homolka, einen besseren Schutz der Jüdischen Theologie an Potsdams Uni angemahnt. Dass vor den Räumen der Hochschuleinrichtung nun immer ein Polizeiwagen steht, findet Schulte „angemessen“. Die Jüdische Theologie müsse sich schützen.

Erschüttert über den Ausgang der Wahl

Doch das reiche alleine bei weitem nicht aus. „Wenn die Polizei auftreten muss, ist es ja eigentlich schon zu spät“, sagt Schulte im Gespräch mit den PNN. Er sei erschüttert, dass nach dem Anschlag in Halle bei der Landtagswahl in Thüringen jeder vierte Wähler eine Partei gewählt hat, in der es führende Mitglieder mit faschistischer Gesinnung gebe. „Ich weiß nicht, worauf man noch warten soll“, sagt der Judaist. So brauche es unabhängig von der Frage nach ausreichendem Wachschutz für die Jüdische Theologie eine grundsätzliche Idee, um das Problem an der Wurzel anzupacken.

Polizeischutz. Hochschuleinrichtungen wie das Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien (MMZ) werden seit dem Anschlag von Halle bewacht.  Foto: Ottmar Winter Vergrößern
Polizeischutz. Hochschuleinrichtungen wie das Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien (MMZ) werden seit dem Anschlag von Halle bewacht.  © Ottmar Winter

Mit Kollegen aus dem Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft hat Christoph Schulte dem Dekan der zuständigen Philosophischen Fakultät bereits in diesem Frühjahr den Vorschlag unterbreitet, ein Modul zur Antisemitismus- und Rassismusintervention fest in den Lehrplan jedes Potsdamer Lehramtsstudierenden aufzunehmen. Damit die zukünftigen Lehrer bereits an der Universität lernen, wie sie Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Rassismus unter den Schülern begegnen können. In einem einsemestrigen Seminar könne den angehenden Lehrern der Umgang im Schulunterricht mit Ressentiments, Hass und Gewalt gegen Minderheiten vermittelt werden.

Der Kurs sollte obligatorisch sein

Da die Potsdamer Universität die einzige Hochschule für Lehrerausbildung im Land Brandenburg ist, wäre sie für ein solches Modul die richtige Adresse, meint Schulte. „Wir hätten die Möglichkeit, wenn der politische Wille besteht, flächendeckend einzuführen, dass jeder Lehramtsanwärter in Brandenburg obligatorisch einen Kurs mit Kernfragen und praktischen Übungen zu Antisemitismus- und Rassismusprävention durchlaufen muss“, so der Judaistik-Professor. Inzwischen hält er diesen Vorschlag vom Frühjahr für eine notwendige politische Forderung. Hochschulleitung, Dekanat und viele Kollegen würden die Idee mittlerweile unterstützen. Die Hochschule brauche dafür aber die politische Rückendeckung. Letztlich müssten das Bildungs- und das Wissenschaftsministerium zusammen den Vorschlag umsetzen und verpflichtend in die Lehrpläne aufnehmen. „Das Land muss hier aktiv werden“, fordert Schulte.

Auch Mathe- und Kunstlehrer müssen reagieren können

Denn nicht nur für das Problem bereits sensibilisierte Religions- oder Gesellschaftskundelehrer, sondern auch Mathe- oder Kunstlehrer können an den Schulen mit antisemitischen und islamfeindlichen Stereotypen konfrontiert werden, auch schon an den Grundschulen. Viele Lehrer würden heute auch berichten, dass die Elternhäuser rassistisch sind – und fast jeder Lehrer ist irgendwann Klassenlehrer. „Hier stellt sich dann die Frage, wie man damit umgeht“, so Schulte. „Ich finde, da müssen wir nun einfach aufwachen, gerade nach dem Wahlergebnis der AfD in Brandenburg.“ Denn nun werde Rassismus auch ganz offen kommuniziert.

Schulte findet es auch wichtig, dass kein spezielles Schulfach zur Prävention eingeführt werde, sondern dass die zukünftigen Lehrer grundsätzlich gewappnet werden. „So wie Lehrer heute Schulrecht und Didaktik lernen, müssten Sie auch lernen, wie man rassistischen Anfeindungen in der Klasse begegnet – und wie damit umzugehen ist.“

Geballte Kompetenz aus Potsdam

Das Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft hält er zur Koordination an der Universität für besonders geeignet. Hier gebe es eine geballte Kompetenz in solchen Fragen, denn im Institut werden ohnehin kontinuierlich Lehrveranstaltungen zu Judentum, Christentum und Islam, aber auch zum Antisemitismus und Religionskunde in LER angeboten. „Wir haben als Institut ein Interesse daran, uns in dieser Frage in die Lehrerbildung einzubringen, damit die Prävention von Antisemitismus und Rassismus nicht nur auf die LER-Lehrer beschränkt wird.“ Es gehe darum, das Phänomen in der Fläche zu erfassen.

Ein solches Semestermodul könnte wie ein Seminar aufgebaut werden, mit einem Team von Dozenten, die positives Wissen über die Eigenarten der Religionen vermitteln, aber auch zur praktisch-pädagogischen Umsetzung und selbst zur juristischen Seite etwas sagen können. Dann könne trainiert werden, wie Lehrer beispielsweise darauf reagieren können, wenn Kinder wegen ihrer Hautfarbe, eines Kopftuchs oder einer Kippa gemobbt werden. Auch der Umgang mit diffamierenden Bemerkungen von Schülern im Unterricht könne anhand von konkreten schulpraktischen Übungen geprobt werden. „Leider wird das von Lehrern oft an die Sozialpädagogen der Schule delegiert und nicht direkt in der Klasse angesprochen“, meint Schulte. „Viele Lehrer drücken sich davor, die betroffenen Schüler und Eltern selbst mit dem Problem zu konfrontieren.“

Brandenburg könnte Vorreiterrolle übernehmen 

Das Land Brandenburg könnte mit einem solchen obligatorischen Modul im Lehramtsstudium bundesweit eine Vorreiterrolle einnehmen. „Das ist auch eine Chance für unsere Universität“, ist sich Schulte sicher. Die Dozenten der Jüdischen Studien und Religionswissenschaft wollen vorbereitend auch schon externe Experten konsultieren. Man müsse wissen, wie man adäquat auf solche ausgrenzenden oder diffamierenden Äußerungen reagieren kann, mit welchen Argumenten, um wie zu überzeugen. Das gehe bis hin zur Körpersprache, manchmal sei auch ein Witz in einer solchen Situation viel effizienter als zu moralisieren. Für ein Training dieser Art sei die Uni der richtige Ort. „Damit die zu Lehrer an den Schulen nicht völlig von einer entsprechenden Situation überrollt werden“, so der Judaistik-Professor.

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