Wissenschaft Tauwetter am Polarkreis

Antje Horn-Conrad

Sonntagsvorlesung von Hans Wolfgang Hubberten vom AWI über die Klimaforschung im „ewigen“ Eis Sibiriens

Sonntagsvorlesung von Hans Wolfgang Hubberten vom AWI über die Klimaforschung im „ewigen“ Eis Sibiriens Von Antje Horn-Conrad „Es lässt sich nicht länger leugnen: Es ist kalt“, melden die letzten „Sommerausflügler“ des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) aus der kleinen Station auf der Insel Samoylow im Norden Sibiriens, dort wo der gewaltige Lena-Strom in die Laptewsee mündet. Einmal pro Woche schicken Uta Zimmermann, Lars Kutzbach und Günther Stoof per E-Mail Lebenszeichen nach Deutschland, auch in die Forschungsstelle Potsdam des AWI auf dem Telegrafenberg, wo die anderen, von ihren Expeditionen längst heimgekehrten Polarforscher im gemäßigten Klima mit der Auswertung ihrer Untersuchungen begonnen haben. Im Lena-Delta sinken die Temperaturen inzwischen auf Minus 20 Grad, die Arme des Flusses sind zugefroren. Nur für wenige Stunden noch steigt die Sonne über den Horizont. Die Nächte sind klar. Mars, Mond, Sterne und lautlos flackernde Polarlichter entschädigen für die Trübnis der hereinbrechende Winterdunkelheit. Die drei deutschen Wissenschaftler harren in der hölzernen Behausung auf Samoylow noch bis November aus, um die letzten aus dem Boden entweichenden Gase messen zu können, bevor Schnee und Eis die Erde versiegeln. Es ist vor allem das Treibhausgas Methan, das die Forscher interessiert. Wenn der Dauerfrostboden der Tundra in der warmen Jahreszeit auftaut, erwachen die im Eis überwinternden Bakterien zu neuem Leben und beginnen den im Boden gespeicherten Kohlenstoff umzusetzen. Methan steigt dann aus Tümpeln und Teichen, schlammigen Rinnsalen und feuchten Wiesen, manchmal in solch hoher Konzentration, dass man es entzünden kann. Die Messdaten aus der Arktis gewinnen für die Bewertung der globalen Klimaveränderung mehr und mehr an Bedeutung, betonte Prof. Hans-Wolfgang Hubberten, Leiter der AWI-Forschungsstelle Potsdam, kürzlich in seiner Sonntagsvorlesung zum „Jahr der Wissenschaften“ im Alten Rathaus. Eigentlich befindet sich die Arktis seit 2500 Jahren in einer Phase der Abkühlung, erklärte er. Die vom Menschen verursachte Klimaerwärmung aber wirkt dem kalten Trend entgegen. Seit den 70er Jahren schnellt die Temperaturkurve nach oben. Immer tiefer taut der Permafrostboden im Sommer auf, immer mehr des gespeicherten Kohlenstoffs wird frei und heizt in Form von Methan und Kohlendioxid die Atmosphäre zusätzlich auf. „Wenn man sich vergegenwärtigt, dass 25 Prozent des Festlandes der Erde und fast die Hälfte der russischen Förderation von Permafrost unterlagert sind, dann wird deutlich, wie dringend notwendig das Klimasystem der Arktis untersucht und verstanden werden muss“, untermauerte Hubberten das Forschungsanliegen seines Instituts. Seit fünf Jahren schlagen die Potsdamer Polarforscher ihre Sommerlager an den Küsten der Laptewsee auf, dort wo ein Großteil des arktischen Meereises gebildet wird, das die Tiefenwasserbildung im Nordatlantik stark beeinflusst. Die wiederum kurbelt die Klima bestimmende weltweite Ozeanzirkulation an. Kleinste Veränderungen im hoch sensibel reagierenden Ökosystem dieser arktischen Region würden sich auch hierzulande auswirken. Ein Weg, gegenwärtige Klimaprozesse zu verstehen und künftige zu prognostizieren, führt Jahrtausende zurück in die Erdgeschichte, die nirgends so gut konserviert und einsehbar ist, wie in den von Eiskeilen durchsetzten Permafrostküsten der Laptewsee. Ein deutsch-russisches Forscherteam um Dr. Lutz Schirrmeister vom Potsdamer AWI war in diesem Sommer am Kap Mammontowy Klyk, am „Mammuteckzahn“, westlich des Lena-Deltas unterwegs, um in Eis und Morast nach Spuren der Vergangenheit zu graben: An gefrorenen Sedimenten und Eiskeilen lassen sich Niederschläge und geologische Veränderungen rekonstruieren, Pollenfunde geben Auskunft über die einstige Vegetation. Und schließlich verraten Knochen und Fossilien, wann Mammut, Wollnashorn, Pferd und Bison in dieser Region günstige klimatische Bedingungen für ihre Ausbreitung vorfanden. All diese von den Geologen, Paläontologen, Botanikern und Bodenkundlern gesammelten Daten fügt das interdisziplinär arbeitende Forscherteam als einen weiteren Stein in das Mosaik ein, das nach bisherigen Untersuchungen an zwölf verschiedenen Standorten rund um die Laptewsee nun ein immer deutlicheres Bild von den Umweltbedingungen der Vergangenheit zu erkennen gibt. Erst die Rekonstruktion der natürlich verursachten Klimaschwankungen, des üblichen Wechsels von Warm- und Kaltzeiten, ermöglicht es, so Hans-Wolfgang Hubberten, gegenwärtige Veränderungen richtig zu bewerten. Klar aber sei schon jetzt, dass der menschliche Eingriff in das Klima nicht mehr rückgängig zu machen ist. Es käme nun darauf an, den Schaden zu begrenzen, die Atmosphäre nicht weiter zu belasten, Verzicht zu üben. Nächste Sonntagsvorlesung am 2. November, 11 Uhr im Alten Rathaus: „Potsdam - eine Garnison, die sich ihre Stadt gebaut hat?“ von Prof. Dr. Bernhard Kroener.

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