Für eine Forschungsuniversität mit der Finanzausstattung der Universität Potsdam hält der Uni-Chef die derzeit rund 20.000 Studierenden bereits für zu viel. Vergrößern
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Präsident der Uni Potsdam im Interview „Ein Spagat, den wir täglich leben“

Uni-Präsident Oliver Günther erwartet für 2015 keine wesentliche Verbesserung der Finanzlage. Er will Spitzenforschung und Lehre aber dennoch weiter stärken.

Herr Günther, bringt 2015 für die Universität Potsdam endlich den lang erwarteten Durchbruch bei der Grundfinanzierung?

Leider sieht es im Moment nicht danach aus. Die Landesregierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag zwar auf gewisse Aufwüchse verständigt, das reicht aber nicht aus, die bundesweit üblichen Standards herzustellen. Hinzu kommt, dass aufgrund der leicht gesunkenen Studierendenzahlen im Land die Hochschulpaktmittel des Bundes geringer ausfallen als vorhergesagt. Diese Kürzungen werden voraussichtlich an die Hochschulen weitergereicht. So kann es gut sein, dass für 2015 gilt: außer Spesen nichts gewesen. Optimistisch, wie wir sind, erwarten wir dann aber für 2016 reale Steigerungen – die wir für die Sicherung der Studienqualität auch dringend brauchen.

Immerhin wird die finanzielle Ausstattung der Studienplätze etwas besser.

Hier gibt es tatsächlich eine Wende zum Positiven, dies ist aber allein auf die gesunkene Studierendenzahl zurückzuführen. Mir wäre es lieber gewesen, wir hätten die Anzahl der Studienplätze halten oder vergrößern können, die Nachfrage nach unseren Studienangeboten ist ja nach wie vor enorm. Dafür fehlen uns aber die Mittel.

Mitte 2014 sah es doch eigentlich besser für die Hochschulen des Landes aus.

So ist es. Und deswegen waren wir vom Koalitionsvertrag dann enttäuscht. Die jährlich 37 Millionen Euro, über die das Land durch die Bafög-Übernahme des Bundes jährlich mehr verfügt, wurden nur zu einem sehr kleinen Teil an die Hochschulen weitergegeben. Und die kleine Steigerung wurde durch die sinkenden Hochschulpaktmittel wieder nahezu vollkommen nivelliert.

Wie viel von den zusätzlichen 37 Millionen Euro wären nötig, um Brandenburg bundesweit bei den Hochschulausgaben aufrücken zu lassen?

Wir hatten mit zwei Dritteln gerechnet oder wenigstens mit mehr als der Hälfte. Das würde Brandenburg vom letzten Platz der Hochschulfinanzierung wegbefördern. So, wie es nun aussieht, müssen wir aber 2015 erneut die rote Laterne schultern.

Zu ihrem Amtsantritt 2012 gingen Sie noch von rund 100 Millionen Euro jährlichem Mehrbedarf für die Hochschulen aus, dann von 50 Millionen. Auch davon ist mittlerweile keine Rede mehr.

Der Mehrbedarf existiert nach wie vor, aber von einer Deckung sind wir in der Tat noch weit entfernt. Aber immerhin gibt es etwas Licht am Ende des Tunnels. Alle Aufwüchse zusammengerechnet dürften die Hochschulen am Ende der Legislaturperiode bei 30 Millionen Euro jährlich mehr liegen.

Fühlen Sie sich von der Landesregierung im Stich gelassen?

Natürlich sind wir enttäuscht. Denn wir sind nach wie vor der Meinung, dass es für das Land nicht gut ist, die Hochschulen so schwach auszustatten. Mit etwas mehr Geld ließe sich im Hinblick auf die demografische Entwicklung, das Wirtschaftswachstum, Kultur und Wohlstand deutlich mehr machen. Es bleibt dabei: Mehr Geld wäre bei uns gut angelegt. Hochschulausgaben sind Investitionen, kein Konsum.

Im neuen Hochschulentwicklungsplan der Uni heißt es unter anderem, dass die Uni „im Dienst des Landes“ arbeitet. Was ist damit gemeint?

Wir wollen dadurch deutlich machen, dass wir uns unserer politischen und gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind. Universität ist kein Selbstzweck, sondern ein zentrales Element einer modernen Volkswirtschaft und Demokratie. Dazu gehört neben der Grundlagenforschung auch der Transfer: Transfer über unsere Lehrleistung, Transfer über die Ausbildung von Arbeitskräften, insbesondere von Lehrern, und auch der Wissenstransfer in die lokale Wirtschaft hinein. Dazu gehört auch die Unterstützung neuer Unternehmen, der Start-ups. Das sehen wir auch als Teil unserer Aufgabe an.

Der Anspruch der Universität lautet Spitzenforschung und -lehre. Ist das überhaupt haltbar?

Das ist ein Spagat, den wir täglich leben. Es wäre ein großer Fehler, die universitäre Spitzenforschung auszuhungern und damit mittelfristig aufzugeben. Wir müssen als Partner mit dem starken Berliner Forschungsraum mithalten. Hinzu kommen Ausgaben für neue Spitzenforscher, da wird für Ausrüstung schnell eine ganze Million Euro fällig. Das muss möglich bleiben. Sonst kommen wir in Brandenburg wieder in die Rolle des wenig leistungsfähigen Umlandes einer starken Metropole.

Sie wollten die Potsdamer Uni ins Mittelfeld der Spitzenunis bringen. Bleibt das Ihr Ziel?

Durchaus. Ich denke, wir sind dabei gut im Rennen. Es gibt nun unterhalb der Spitzenunis ein zweites Cluster von Universitäten, an denen in einzelnen Bereichen Spitzenforschung geleistet wird. Das spiegelt sich in Sonderforschungsbereichen und bei uns vor allem in Graduiertenkollegs wider, von denen wir aktuell fünf Anträge bei der DFG in der Beurteilung haben. Insofern haben wir unseren Platz in diesem zweiten Cluster stabilisiert. Hier haben wir die Weichen richtig gestellt, in einzelnen Bereichen die Forschung zu fördern und auszubauen. Wenn die Politik uns finanziell nicht die Beine wegschießt, können wir diesen Erfolgskurs fortsetzen.

Trotz des engen Rahmens wirken Sie alles andere als resigniert.

Resignation führt ja nicht weiter. Wir müssen eben sehen, wie wir mit den knappen Mitteln weiterkommen. Das heißt aber auch, dass die Studierendenzahlen nicht weiter wachsen können. Das ist sicher eine bittere Pille, auch für die Politik. Die Landesregierung wünscht nach wie vor mehr Studierende, um die Bundesmittel des Hochschulpaktes zu erhöhen. Das geht aber nicht auf, da der Bund keine Vollfinanzierung leistet. Wenn der Landesanteil nicht reicht, wird es landesweit keinen Weg geben, über die Marke von 50 000 Studierenden hinauszukommen. Für eine Forschungsuniversität mit der Finanzausstattung der Universität Potsdam halte ich 20 000 Studierende schon für viel zu viel.

Und die Nachfrage?

Hier sind wir in einer komfortablen Situation. Die Nachfrage nach unseren Studienplätzen ist enorm. Wir haben bis zu 29 Bewerbungen pro Studienplatz. Wir könnten also wesentlich mehr Studierende aufnehmen, wenn wir die Finanzierung dafür hätten. Demografisch bedingt wird sich die Nachfrage zwar bundesweit etwas abschwächen. Ich gehe aber davon aus, dass wir hier in Potsdam auch langfristig deutlich mehr qualifizierte Bewerber als Studienplätze haben.

Trotz der knappen Rahmenbedingungen setzt die Uni Potsdam immer wieder erfolgreiche Akzente. Wie gelingt das?

Durch ein außerordentliches Engagement unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie über eine sehr gut überlegte Einstellungspolitik, mit der wir versuchen, die qualifiziertesten Köpfe aus der ganzen Welt nach Potsdam zu holen.

Das Bundesforschungsministerium will nun etwas gegen die Bildung eines wissenschaftlichen Prekariats tun. Ihre Hochschule hat sich des Themas bereits angenommen.

Für uns ist die Sicherung guter Arbeit ein ganz zentrales Thema. Wir versuchen schon seit geraumer Zeit, innovative und vorbildliche Lösungen zu finden. Wir haben seit Längerem bereits einen Senatsbeschluss, der eine Mindestlaufzeit für befristete Verträge in Erstanstellung vorsieht. Nun überlegen wir, wie man das auf Folgeverträge erweitern kann. Wir arbeiten zudem an einem Dauerstellenkonzept, das den Anteil von Dauerstellen versus befristete Stellen definieren soll. Seit einiger Zeit haben wir auch unser Tenure-Track-Modell laufen, bei dem Nachwuchsforscher auf Juniorprofessuren bei Bewährung auch auf Lebenszeit bei uns bleiben können. Mit diesen Maßnahmen haben wir uns auch im nationalen Vergleich sehr gut positioniert. Die meisten anderen Hochschulen sind noch nicht so weit.

Was erwarten Sie von der Aufhebung des Kooperationsverbots für den Bund speziell für die Uni Potsdam?

Wir hoffen sehr, dass der Bund in einem wettbewerblichen Verfahren Wissenschaftsregionen zusätzlich finanzieren kann. Die Wissenschaftsregion Potsdam ist sehr gut aufgestellt, um in einem solchen Wettbewerb zu reüssieren und zusätzliche Bundesmittel für Spitzenforschung und- lehre einzuspielen. Potsdam steht zusammen mit seinen außeruniversitären Partnern in den Startlöchern.

2013 die Eröffnung der School of Jewish Theology, 2014 die Einrichtung des Zentrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung, was kommt 2015 an der Potsdamer Uni?

Zur Stärkung der Forschung runden wir unser jüngst geschärftes Forschungsprofil ab. So haben wir Forschungsinitiativen im Bereich der Gesundheitswissenschaften und ein interdisziplinäres Zentrum mit der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten auf den Weg gebracht. Darüber hinaus evaluieren wir zurzeit unser Zentrum für Sprachen und Schlüsselkompetenzen. Es geht darum, wie die Sprachausbildung zukünftig vor dem Hintergrund der veränderten Lehramtsstruktur laufen soll. Schließlich wird es 2015 darum gehen, sich im abzeichnenden Wettbewerb um Bundesmittel zu positionieren. Das wird ab Sommer unser zentrales Thema werden.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

Oliver Günther (53) ist seit 2012 Präsident der Universität Potsdam. Derzeit ist der Wirtschaftsinformatiker auch Vorsitzender der Brandenburgischen Landesrektorenkonferenz (BLRK).

 

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