Gekommen um zu bleiben. Viele der Geflüchteten wollen längerfristig in Brandenburg bleiben, so auch die angehenden Lehrerinnen des Refugee Teachers Program der Uni Potsdam (Foto). Foto: Sebastian Gabsch
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Migration in Brandenburg „Die meisten wollen bleiben“

Der Potsdamer Migrationsforscher Olaf Glöckner über Geflüchtete in Brandenburg, Integration und die Rolle der Religion.

Herr Glöckner, Sie haben mit Geflüchteten, die seit 2015 in Brandenburg leben, Interviews geführt. Mit welchem Ergebnis?
 

Unsere empirische Studie bricht zuallererst einmal gängige, beliebte Klischees über die einzelnen Gruppen auf. Es gibt eben nicht den typischen syrischen, afghanischen, eritreischen oder tschetschenischen Geflüchteten. Wir haben es vielmehr mit sehr heterogenen Gruppen zu tun. Es waren erfrischende Gespräche, mit viel Aufgeschlossenheit, und das hat uns irgendwie auch erstaunt.

Inwiefern?

Wir hatten nicht erwartet, dass unsere Interviewpartner so selbstbewusst und optimistisch an viele Dinge in ihrem neuen Leben herangehen – und sich so auch äußern. Die Menschen sind sehr neugierig auf Deutschland, auf Brandenburg, auf das Leben und die Gesellschaft hier. Es hat sich aber auch gezeigt, welche große Rolle Religion spielen kann. Da sind Menschen mit ganz klaren religiösen Vorstellungen in die säkulare Wüste Brandenburgs gekommen, und das wird auch in der äußeren Symbolik deutlich. Wir hatten eine Interview-Gruppe von tschetschenischen Frauen, von denen die Hälfte ein Kopftuch trug. In einer Interview-Gruppe von acht Männern trugen alle die gleiche Art von Bart. Natürlich haben wir gefragt, was das für sie konkret bedeutet.

Und?

Die Männer beriefen sich auf die religiöse Gemeinschaft der gläubigen Muslime, die Umma, und die empfundene Pflicht, einen erkennbaren Bart zu tragen. Zugleich habe dies auch eine wichtige soziale Funktion: Gleichgesinnte erkennen sich und können sich so rascher gegenseitig helfen. Für die Männer sind das die Bärte, für die Frauen die Kopftücher. Einige haben uns erzählt, dass sie wegen dieser Äußerlichkeiten auch schon diskriminiert und bedroht wurden. Sie kämen aber nie auf die Idee, das abzulegen.

Welche Klischees konnten Sie noch aufbrechen?

Zum Beispiel das Vorurteil, dass Geflüchtete nur unter sich bleiben wollen. Besonders die afghanischen Gesprächspartner äußerten hingegen das Bedürfnis, noch mehr an Sprachkursen und beruflicher Weiterbildung wahrnehmen zu können, und sie waren intensiv damit beschäftigt, ihre sozialen Netzwerke zu erweitern. Viele betonten, dass sie intensivere Kontakte zu Einheimischen suchen. Und gerade auch junge afghanische Frauen gehen mit ihrer Religion sehr offen um. Sie sagten, dass sie auch kein Problem hätten, mit Christen oder Juden in Kontakt zu kommen. In Cottbus haben uns die Tschetschenen wie ganz selbstverständlich erklärt, dass sie den Russisch-Übersetzer der jüdischen Gemeinde in Anspruch nehmen.

Also keine Abschottung in Parallelgesellschaften?

Im Gegenteil, uns hat sich hier eine erstaunliche Offenheit gezeigt. Eigene Vereine und Netzwerke sind den Geflüchteten wichtig, aber sie wollen sich auch der deutschen Kultur öffnen. Tendenziell erleben wir etwas Ähnliches wie bei der Zuwanderung russischsprachiger Juden vor 20 Jahren. Die Migranten suchen erst einmal Halt in der eigenen Gruppe, das stärkt ihre Identität. Integration wollen sie dann auch als einen gegenseitigen Lernprozess in zwei Richtungen verstanden wissen.

Man will also nicht in der Aufnahmegesellschaft ganz aufgehen?

Nein, eine maximale Assimilation war nach unseren Gesprächen bei keinem das Ziel. Bei den Eritreern trafen wir mehrheitlich auch Christen, die nun in Zehlendorf eine Kirche haben. Daran festzuhalten ist ihnen sehr wichtig. Genauso wie der Islam den anderen Gruppen nicht nur formal, sondern als Alltagskultur sehr wichtig ist, einschließlich der traditionellen Feste.

Wie stellen sich die Geflüchteten in Brandenburg ihre Zukunft vor?

Die überwiegende Mehrheit kann sich gut vorstellen, ihr Leben hier in Deutschland bzw. Brandenburg längerfristig aufzubauen. Probleme im kulturellen Zusammenleben mit der Aufnahmegesellschaft hält man für lösbar. Wenn es beispielsweise noch kein halal Essen für die eigenen Kinder in der Schule gibt, würde man schon irgendwann eine Lösung finden, auch was die passende Kleidung für Mädchen beim Sport- und Schwimmunterricht betrifft. Und die Familien sind optimistisch in Bezug auf soziale und kulturelle Wertschätzung, jedenfalls langfristig.

Zum Beispiel?

Ein junger Tschetschene berichtete uns, dass er im Prinzip jedes Jobangebot akzeptiere, jede mögliche Fortbildung wahrnehme, sich beim Technischen Hilfswerk und in anderen kommunalen Projekten ehrenamtlich engagiere. Seine Kinder hätten gute Noten in der Schule, und in der Familie habe niemand Vorstrafen. Gegenwärtig arbeiten er und einige Mitstreiter daran, einen tschetschenischen Kulturverein aufzubauen, der offen sein soll für jeden Interessenten, auch für Einheimische. Von seiner Seite, schätzte der junge Mann ein, sei alles getan.

Das öffentliche Bild von den Tschetschenen ist hierzulande nicht das Beste, angesichts der Aktivitäten einiger Landsleute in der islamistischen Szene.

Ja, und das ist den Tschetschenen in Brandenburg schon auch sehr bewusst, und es ist ein Kreislauf von Problemen. Offenbar werden tschetschenische Kinder an Brandenburgischen Schulen stärker angefeindet und diskriminiert als andere. Die tschetschenischen Kinder wiederum wehren sich auf recht resolute Weise. Ihre Eltern haben meist schon zwei Kriege erlebt, und die Orientierung an den Vaterfiguren ist meist sehr stark. Und das sind meist Kämpfernaturen, die sich nichts gefallen lassen.

Warum ist gerade bei den Tschetschenen die Integration schwierig?

Der extrem unsichere Aufenthaltsstatus macht es ihnen nahezu unmöglich, hier einen mehr oder weniger geordneten, durchstrukturierten Alltag aufzubauen. Sie kommen so oft gar nicht aus den Massenunterkünften heraus, es gibt keine Berufsbildungskurse, potentielle Arbeitgeber lehnen wegen der Unsicherheit oft auch Fachkräfte ab.

Wo zeigen sich spürbare Integrationserfolge bei den seit 2015 gekommenen Geflüchteten?

In allen Gruppen finden sich schon jetzt Frauen und Männer, die nicht nur die Sprachbarriere überwunden haben und einem anspruchsvollen Job nachgehen, sondern die sich auch kommunal engagieren – und meist auch noch eine höhere Ausbildung anstreben. Einer der eritreischen Gesprächspartner will beispielsweise Sozialpädagogik an der Fachhochschule in Potsdam studieren.

Ihre Studie weist auf gravierende Probleme beim Deutsch-Sprachkurs-System hin…

In nahezu allen Interview-Gruppen wurde die rasche Fluktuation der Lehrkräfte bemängelt, aber auch die Didaktik und nicht zuletzt die Lehrmaterialien für die Deutschkurse selbst. Mangelnde Deutschkenntnisse sehen viele der Geflüchteten als eine Ursache dafür, dass sie mit den Einheimischen bisher wenig Kontakt haben. Andererseits sind es manchmal wohl auch kulturelle Verschiedenheiten, die noch verunsichern, gerade auf einheimischer Seite.

Zum Beispiel?

Eine syrische Familie berichtete uns, sie habe – wie früher zu Hause auch – bei den Nachbarn geklingelt, um ihnen einen Teil ihres frisch gekochten Essens zu schenken. In syrischen Städten ein völlig normaler Vorgang. In diesem Fall waren die Nachbarn aber erst einmal komplett überfordert, so etwas kennen die meisten Deutschen nicht.

Und Verunsicherungen bei den Geflüchteten?

Die gibt es natürlich auch, häufig dann, wenn es um das schulische Umfeld der Kinder und kulturelle wie pädagogische Vorstellungen und Prinzipien geht, die den Neuzuwanderern grundsätzlich fremd sind. Eine der interviewten Mütter zeigte sich geschockt, dass ihre Tochter in der hiesigen Schule Sexualkunde-Unterricht bekomme – und dann „auch schon mit 12 Jahren“, wie sie sagte. Dennoch reagierte sie pragmatisch, denn ihr war klar, dass ihr Kind in der Schule nicht weiterkommt, wenn es an diesem Unterricht nicht teilnimmt.

Es gibt aber auch kulturelle Spannungen und Konflikte unter den Geflüchteten-Gruppen selbst…

Gewaltsame Auseinandersetzungen unter Geflüchteten hat es in den vergangenen Jahren auch in Brandenburg gegeben, zumindest teilweise wohl bedingt durch schwierige Unterkunftssituationen. In Cottbus hat sich das beispielsweise im Sommer 2018 entladen, hier kam es bekanntermaßen zu heftigen Zusammenstößen zwischen jungen Afghanen und Tschetschenen, und es gab Verletzte auf beiden Seiten. Ein paar Monate später haben wir Gruppen-Interviews in Cottbus geführt, und da war das noch immer ein sehr emotionales Thema. Am Abend des 12. Juni 2018 waren 26 tschetschenische Männer nach einer Wohnheim-Razzia in Polizei-Gewahrsam genommen worden, darunter auch Männer in eher fortgeschrittenem Alter. Die Kritik an der Unverhältnismäßigkeit dieser Aktion ist ja aus der Medienberichterstattung bekannt. Auf jeden Fall hat der damalige Polizei-Einsatz in der tschetschenischen Community insgesamt viel Verunsicherung erzeugt.

Wie schätzen Sie die Situation in Potsdam ein?

Potsdam hat bei der Integration der Geflüchteten seit 2015 eine positive Vorreiterrolle inne. Hier ist man mit der gesellschaftlichen Eingliederung am weitesten, und hier gibt es weniger Konflikte. Das hat wohl auch viel mit dem Wirken und den Projekten des Flüchtlingspfarrers Bernhard Fricke zu tun. Und es sind die Kirchen, die hier in der Stadt für ein Mehr an interkultureller und auch interreligiöser Begegnung plädieren.

Ihre wichtigsten Handlungsempfehlungen?

Es bedarf einer flächendeckenden Verbesserung des Deutschkurs-Systems, besonders im ländlichen Raum, und zwar für alle Gruppen der Geflüchteten. Strukturell sollten mehr interkulturelle und interreligiöse Begegnungsmöglichkeiten geschaffen werden – so wie sie in Potsdam teilweise schon existieren. Muslime und Muslima, die sich ihr eigenes religiöses Gemeinschaftsleben erst aufbauen, sollten von den Kommunen in geeigneter Weise begleitet werden, wenn möglich, durch die Bereitstellung von Räumlichkeiten für Kultus und Gebet. Umgekehrt ist es sehr wichtig, mehr Fortbildungsveranstaltungen für einheimische Fachkräfte anzubieten, sowohl zu den Herkunftsländern der Geflüchteten, wie auch zu islamischer Geschichte, Kultur und Religion.


Das Gespräch führte Jan Kixmüller

Olaf Glöckner. Foto: privat Vergrößern
Olaf Glöckner. © privat

Olaf Glöckner (53) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien der Universität Potsdam (MMZ). Der Migrationsforscher arbeitet dort unter anderem  zu Community Building, 

Migration und Antisemitismus. Seit 2003 war Glöckner Mitarbeiter am internationalen MMZ-Forschungsprojekt "Russisch-jüdische Zuwanderung nach Israel, Deutschland und in die USA im Vergleich".

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