Aus Potsdam kommen seit mehr als 20 Jahren wissenschaftlich fundierte Ergebnisse zum Klimawandel - in der Öffentlichkeit hat sich 2019 ein breiter Protest für einen wirksamen Klimaschutz formiert – auch in Potsdam selbst (Foto). Foto: Andreas Klaer
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Jahresrückblick Zahlenmagie, Umbrüche und die Macht der Schicksalsjahre

2019 war auch für die Potsdamer Wissenschaft das Jahr der Jahrestage, positiver wie negativer. Es reiht sich ein in eine ganze Folge von bedeutenden Jahren.

Eigentlich war es ein Jahr der Retrospektive, des Innehaltens und Zurückblickens. 2019 wurden zahlreiche runde Jahrestage begangen, die für Deutschland wie auch die Welt einschneidende Bedeutung hatten. Allen voran der 31. August 1939, als im damals schlesischen Gleiwitz ein von den Nazis fingierter Angriff auf einen Sender dem Überfall deutscher Truppen auf Polen einen vermeintlichen Grund gab – und mit einem verbrecherischen Feldzug der Deutschen gen Osten der Zweite Weltkrieg begann – mit dem Menschheitsverbrechen der Schoa, mehr als 60 Millionen Toten auf allen Seiten und der politischen Neuordnung Mitteleuropas in Folge. Der Militärhistoriker John Zimmermann brachte es in den PNN auf den Punkt: Im Mittelpunkt dieses Krieges stand die „Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und dessen rücksichtsloser Germanisierung“ durch NS-Deutschland. Ein monströses Unterfangen, was dann letztlich wiederum zu dem viel lichteren Jahrestag vom 9. November 1989 führt, an dem die durch den Krieg bedingte Trennung Deutschlands mit dem Fall der Mauer sich wieder aufzulösen begann. Für den Potsdamer Zeithistoriker Martin Sabrow 30 Jahre später Anlass dazu, den Finger in die Wunde zu legen: Die Denkwelt von Pegida und Rechtspopulismus habe bereits 1989 angefangen, aus „Wir sind das Volk“ wurde „Wir sind ein Volk“ – Widerspenstigkeit, Eigensinn und Staatsferne im DDR-Totalitarismus habe sich streckenweise auch zur Abwehrhaltung gegen den neuen, bundesdeutschen Staat entwickelt, so Sabrows These, die er im Gespräch mit dieser Zeitung darlegte.

20 Jahre Rabbiner vom Abraham Geiger Kolleg

Und während Deutschland 30 Jahre Einheit feiern konnte, gab es in der Potsdamer Wissenschaft einige 20-jährige Jubiläen zu begehen. So wurden 1999 beispielsweise das Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam gegründet, eine Ausbildungsstätte für liberale Rabbinerinnen und Rabbiner, in deren Folge schließlich 2013 erstmals überhaupt in der deutschen Geschichte das Fach Jüdische Theologie an einer staatlichen Hochschule verankert wurde. „Die Botschaft ist, dass wir gemeinsam das jüdische Erbe in dieses und das nächste Jahrhundert tragen“, so der Rabbiner Walter Homolka, der für die Institutionalisierung der Ausbildung ein wesentlicher Mentor war und die Potsdamer Rabbinerausbildung leitet.

Jubiläum am Hasso Plattner Institut 

20 Jahre ist es auch her, dass der SAP-Mitgründer Hasso Plattner bei einem Spaziergang in Potsdam die Idee bekam, genau hier eine private Universität aufzubauen. Erst einmal wurde es „nur“ ein Institut, das schließlich dann aber die Grundlage für eine eigenständige Fakultät für Digital Engineering der Universität bildete. Den PNN sagte Plattner in einem seiner wenigen Interviews, die er überhaupt gibt, dass es eine sehr gute Idee gewesen ist, nach Potsdam zu gehen. Nicht nur wegen der Nähe zu Berlin: „Frei nach den Griechen wohnt in einem guten Körper ein guter Geist“. Und demnach sei in einer schönen Stadt auch gut zu studieren. Mit geballter Investition setzt das Institut nun auf die digitale Revolution in der Medizin: „Ein solches Engagement lässt sich so schnell von keiner anderen deutschen Universität einholen“, sagte Plattner. Das Ganze lebe von den Menschen, die dahinter stehen, und den Studierenden, die nach Potsdam kommen. „Beides entwickelt sich im Augenblick äußerst positiv“, so der Software-Mäzen.

Die Zahl neun muss etwas Magisches für die Geschichte haben. Zumindest waren es – abgesehen von der Häufung wichtiger deutscher historischer Ereignisse am 9. November – häufig die Neuner-Jahre, in denen es zu Umbrüchen kam: Nach der deutschen November-Revolution 1918/19 und Versailles 1919/20, der Weltwirtschaftskrise 1929, der Gründung der Bundesrepublik 1949, der Mondlandung 1969 und den schon erwähnten Schicksalsdaten von 1939 und 1989.

Die Zeitenwende von 1979 

Und was war 1979? Auch so einiges, wie der Potsdamer Historiker Frank Bösch in einem vielbeachteten Buch zu Anfang des Jahres aufdröselte. Er macht in dem Jahr 1979 gar eine Zeitenwende aus: das Jahr, in dem der Zukunftsoptimismus starb, und weltweit verdichteten sich Ereignisse, die bis heute nachwirken. Das Jahr gilt als Schlüsseldatum einer komplexer werdenden Welt: Aufkommen des fundamentalistischen Islams mit der iranischen Revolution, in Afghanistan im Kampf nach dem sowjetischen Einmarsch oder in Saudi-Arabien nach der Geiselnahme in Mekka. Generell kam es zu einer unerwarteten Renaissance der Religionen, dann noch sie zweite Ölkrise, der AKW-Unfall von Harrisburg, das Aufkommen des ökologischen Denkens. „Neue Weltanschauungen, wie der Neoliberalismus, Islamismus oder das ökologische Denken blieben wirkungsmächtig, wenngleich ihre Heilsversprechen neue Probleme bescherten“, so Bösch.

Eine Zäsur für die Zukunft

Und 2019? Zumindest lässt sich bei so viel Rückschau und Innehalten auch ein aktueller Umbruch ausmachen: nämlich auf Ebene der Klimakrise. Die Jugend hat mit „Fridays for Future“ die Politik zu einer Zäsur gezwungen, schließlich geht es um ihre eigene Zukunft: der CO2-Preis wird Realität, auch wenn immer noch viel zu gering bemessen, wie der Potsdamer Klimaforscher Ottmar Edenhofer, der zu dieser Frage 2019 auch Bundeskanzlerin Angela Merkel beraten hat, nicht müde wird zu betonen.

Und nun kommt mit Elon Musk wohl die E-Mobilität und vielleicht auch weitere Großinvestition für die Energiewende nach Brandenburg. Die Kenia-Koalition will das Land zur „Gewinnerregion im 21. Jahrhundert“ machen. Und das mit einem viel grüneren Kern, als man vor kurzem noch erwartet hätte.

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